Seit der Islamischen Revolution 1979 besitzt der Iran im Westen das Image als Bösewicht. Dabei tragen Großbritannien und die USA mit dem Putsch gegen den demokratisch legitimierten Premier Mossadegh 1953 eine Mitverantwortung für die Entwicklungen im Land - mit Folgen bis heute.

Ein fundamental-religiöses Herrschaftsystem, Defizite bei den Frauenrechten, öffentliche Steinigungen und das angebliche Streben nach der Atombombe.

Das Bild des Iran in der westlichen Öffentlichkeit wird von solchen negativen Themen bestimmt.

Seit der Islamischen Revolution 1979 gilt das Land zwischen dem Kaspischen Meer und dem Persischen Golf als Bösewicht schlechthin. Der frühere US-Präsident George W. Bush zählte den Iran 2002 gar zur "Achse des Bösen".

Auch der aktuelle Präsident Donald Trump hat den Iran nach Jahren der relativen Entspannung unter Vorgänger Barack Obama wieder als großen Widersacher entdeckt.

Er ermutigte die Bevölkerung nach den jüngsten landesweiten Demonstrationen zum Aufbegehren gegen die Regierung und nannte den Iran den "größten Sponsor von Terror auf der Welt".

Die Mitverantwortung des Westen

Oft vergessen wird im Westen aber die eigene Mitverantwortung für den religiös-politischen Status quo.

1953 organisierte der US-Geheimdienst CIA in Zusammenarbeit mit Großbritannien einen Putsch gegen den parlamentarisch-demokratisch legitimierten Premier Mohammad Mossadegh.

Warum? Er hatte sich angemaßt gegen westliche Wirtschaftsinteressen politisch vorzugehen und setzte sich für die Verstaatlichung der Ölgewinnung ein, um seinem Land einen fairen Anteil an den Gewinnen zu sichern.

In Folge der Operation "Ajax" musste der Premier, der 1951 vom US-Magazin "Time" für seinen Reformkurs als "Man of the Year" ausgezeichnet wurde, abtreten. Ihm folgte der bis 1979 diktatorisch regierende, pro-westliche Schah.

Während der Schah-Herrschaft gewannen fundamental-religiöse Kräfte an Stärke, was schließlich zur Islamischen Revolution unter Ayatollah Ruhollah Khomeini führte.

"Sündenfall, der nachwirkt"

Doch wie groß ist die Schuld des Westen an diesen Entwicklungen?

"Ohne Putsch 1953 keine Islamische Revolution 1979 - man kann diese Botschaft nicht deutlich genug sagen", schreibt der Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders in seinem Buch "Wer den Wind sät...".

Für Lüders ist der Putsch gegen Mossadegh ein "Sündenfall", der bis heute nachwirkt, "weit über den Iran hinaus".

Er erkennt in der Strategie der gewaltsamen Regimewechsel einen roten Faden amerikanischer Außenpolitik bis ins 21. Jahrhundert. Oft mit dramatischen Folgen für die einheimische Bevölkerung.

Die uneindeutige Rolle von Mossadegh

Doch es gibt auch Widerspruch gegen diese Lesart. "Der Einfluss des Westens auf die Entwicklungen im Iran wird von Lüders maßlos überschätzt", sagt der Publizist Bruno Schirra im Gespräch mit unserer Redaktion.

"Es hat fast etwas masochistisches, den Westen für alle bösen Dinge verantwortlich zu machen, die im Nahen und Mittleren Osten geschehen."

Schirra sagt: "Die Islamische Revolution war nicht eine ursächlich von außen bedingte Revolution. Sie war authentisch und hatte ihre Ursachen im Land."

Auch die Annahme, dass Mossadegh eine Demokratie nach westlichen Vorstellungen errichten wollte, hält Iran-Kenner Schirra für irreführend.

Dessen Demokratieverständnis war zwar ausgeprägter als bei anderen iranischen Herrschern vor und nach ihm, westlichen Standards genügte es indes nicht.

In Parlamentsdebatten drohte er schon einmal Widersachern mit dem Tod. Und er erließ Gesetze, um zeitweise am Parlament vorbei regieren zu können.

Der Iran befand sich damals allerdings auch in einer schweren Krise, stand außen- wie innenpolitisch stark unter Druck - und hatte keine demokratischen Traditionen.

Lüders urteilt milder über Mossadegh: "Er war ein überzeugter Anhänger des Parlamentarismus, ein Bewunderer Mahatma Gandhis, von Abraham Lincoln und der amerikanischen Demokratie."

Die Presse sei nicht unterdrückt worden, der Premier habe im Gegensatz zum Schah weder Gegner verhaften lassen, noch eine Geheimpolizei aufgebaut oder Folter gefördert.

Lüders spricht von einer "erfolgversprechenden, parlamentarischen Demokratie", die durch den Putsch "brutal beendet" wurde.

Schirra meint hingegen: "Nur weil dortige Herrscher das Wort Demokratie im Munde führten, sollte man sie nicht für Demokraten halten."

Religiöser Fundamentalismus erstarkt

Fakt aber ist: Nach Mossadegh - und unter der Herrschaft des Schah dann ohnehin - war jede Idee von Demokratie im Iran verschwunden, eine zivilgesellschaftliche Entwicklung wurde blockiert.

Von seiner von oben betriebenen Modernisierung des Landes profitierten vor allem die dünne Oberschicht und ausländische Unternehmen.

Der maßgeblich von amerikanischen und israelischen Agenten ausgebildete Geheimdienst SAVAK sorgte zudem für Terror unter Gegnern des Regimes.

Gleichzeitig erstarkten die religiösen Fundamentalisten und entwickelten sich zu Hochburgen der Opposition, unter Führung des charismatischen Ayatollah Khomeini. Die Unzufriedenen fanden Zuflucht im Islam.

Der Geistliche lenkte aus dem Exil im Irak, später von Paris aus den Widerstand - und ergriff 1979 die Macht.

"Kaum ein Historiker bezweifelt, dass die Islamische Revolution und die Machtübernahme Khomeinis eine extreme, zeitversetzte Gegenreaktion auf den Putsch 1953 war", fasst Lüders zusammen.

Folgen bis heute spürbar

Egal wie die Ereignisse gedeutet werden: Die Folgen des Putsches wirken bis heute nach.

Die bis in die 1950er Jahre im Mittleren Osten durchaus beliebten Amerikaner verspielten viel Respekt und Vertrauen.

Noch heute sei der Sturz Mossadeghs, so Bruno Schirra, "immer noch im kollektiven Bewusstsein der Mehrheit der Iraner tief verwurzelt". Andere sprechen gar von ein Trauma, das bis heute spürbar ist.

Zudem spaltet der Konflikt zwischen dem schiitischen Iran und dem durch die USA bis heute unterstützten sunnitischen Saudi-Arabien die Region.

Vor allem aus diesen Gründen gelten die USA unter iranischen Fundamentalisten als der "Große Satan". In Washington wiederum bezeichnen Hardliner den Iran als Teil der "Achse des Bösen".

Blickt man also zurück auf die Vergangenheit wird man das Gefühl nicht los, dass die Gegenwart heute auch anders aussehen könnte - wie eine, die eine optimistischere Zukunft hat.