Josef Schuster muss sich unfreiwillig immer wieder mit Antisemitismus auseinandersetzen. Im Interview erklärt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, warum er Verschwörungsmythen zum Coronavirus für ausgesprochen gefährlich hält und warum er Juden empfiehlt, manchmal auf die Kippa zu verzichten.

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Am 9. Oktober war der Jahrestag des antisemitischen Anschlags in Halle an der Saale. Wie haben Sie den Tag erlebt?

Josef Schuster: Ich war an dem Tag bei der offiziellen Gedenkveranstaltung in Halle. Ich nahm sowohl an der Enthüllung des Denkmals im Innenhof der jüdischen Gemeinde, als auch bei der Enthüllung der beiden Gedenktafeln teil, die an die beiden Opfer erinnern sollen. Darüber hinaus war ich beim Gedenkakt in der Konzerthalle Ulrichskirche, bei dem der Bundespräsident eine Ansprache gehalten hat. Für mich war das ein sehr bewegender Tag.

Am gleichen Tag hat das ZDF die aktuellsten Ergebnisse des Politbarometers veröffentlicht. Demnach befand die Hälfte der Befragten, dass Judenfeindlichkeit in Deutschland heute "nicht so groß" sei. Wie kann das angesichts fortwährender antisemitischen Attacken sein?

Betroffene nehmen Antisemitismus bewusster wahr als Nicht-Betroffene.

Aber 52 Prozent?

Es ist ein überraschend hoher Prozentsatz. Fakt ist aber: Jeder fünfte Deutsche hat antijüdische Ressentiments, hegt antijüdische Vorurteile. Diese Zahl bleibt seit Jahren konstant.

Sie haben bereits die Betroffenenperspektive angerissen. Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden vermeidet aus Sicherheitsgründen bestimmte Orte aufzusuchen oder öffentlich jüdische Symbole zu zeigen? Wie ist das bei Ihnen?

Ich kann das nachvollziehen. Bereits vor fünf Jahren habe ich insbesondere jüdische Jugendliche gewarnt, in manchen Gegenden etwa mit einer Kippa durch die Straße zu gehen. Ich empfahl ihnen lieber eine Basecap darüber zu ziehen. Das gab damals einen medialen Aufschrei. Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft galt meine Empfehlung als Selbstverständlichkeit. Auch der jüngste Angriff vor einer Synagoge in Hamburg hat gezeigt, wie leicht als jüdisch zu erkennende Personen zur Zielscheibe werden können.

Und dieser Rat besteht so nach wie vor?

Die Empfehlung besteht weiterhin. Daran hat sich leider nichts geändert.

Josef Schuster steht vor der Synagoge in Halle an der Saale. Ein Jahr nach dem rechtsterroristischen Anschlag am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur wurde Veranstaltungen und Gebeten der Opfer gedacht.

"Die mit Abstand meisten antisemitischen Straftaten sind rechts motiviert"

Die Polizei hat im vergangenen Jahr mehr als zweitausend antisemitische Straftaten registriert. 93 Prozent rechnet sie dem rechten Spektrum zu. In einer Studie der Universität Bielefeld gaben hingegen rund 80 Prozent der Opfer antisemitischer Gewalt an, von Muslimen angegriffen worden zu sein. Wie passt das aus Ihrer Sicht zusammen?

In der Polizeistatistik werden antisemitische Vorfälle häufig als rechts motiviert eingeordnet, wenn man sie nicht klar zuordnen kann. Insofern ist naheliegend, dass die Zahl 93 Prozent rechtsextrem motivierter antisemitischer Straftaten so nicht stimmen kann. Allerdings – und das sagt auch die Statistik – sind die mit Abstand meisten antisemitischen Straftaten politisch rechts motiviert. Jeder Fall ist aber ein Fall zu viel – unabhängig davon, ob der Täter von links, von rechts oder aus dem islamistischen Milieu kommt.

Woher kommt diese schiefe Wahrnehmung, die auch über die jüdische Gemeinschaft hinaus geteilt wird?

Antisemitische Vorfälle mit Beschimpfungen, sei es in der Schule oder auf der Straße, kommen auch von muslimischer Seite und aus migrantischen Milieus. Unbestritten ist: Gerade in den Jahren 2015 und 2016 kamen zudem mit den Geflüchteten eine ganze Reihe Menschen nach Deutschland, die in ihrer Heimat durch antijüdische Vorurteile geprägt wurden, teils über Generationen verhärtet. Dass diese Menschen ihren Judenhass an der deutschen Grenze nicht ablegen, liegt nahe. Das hat uns seinerzeit große Sorgen gemacht.

Es gibt zum einen Integrationskurse, die dieses Thema bearbeiten – nicht ohne Erfolg. Zum anderen sehe ich, dass die Justiz die antisemitische Tatmotivation verstärkt in den Blick nimmt. Auch wenn es mir manches Mal lieber wäre, wenn die Gerichte noch deutlicher hinsehen würden.

Wenn Sie zurückblicken auf ihre Warnungen vor fünf Jahren: Haben sich diese bewahrheitet?

Die Befürchtungen haben sich nur zum Teil bewahrheitet.

"Ich halte diese Verschwörungsmythen für ausgesprochen gefährlich"

Mal mehr, mal weniger offen greifen die meisten Verschwörungsmythen klassische antisemitische Ressentiments auf. Vor dem Hintergrund der Coronakrise breiten sich diese Erzählungen rapide aus. Entsteht da gerade ein neues Problemfeld?

Bei den Corona-Verschwörungsmythen spielt Antisemitismus eine Rolle. Wir haben ja ein Phänomen vor uns, bei dem keiner so richtig weiß, wie das Virus entstand. Es war plötzlich etwas in der Welt, das wir nicht sehen, das wir nicht fassen können, das uns aber weltweit beeinflusst.

Eine ähnliche Situation gab es im Mittelalter mit der Pest – und dafür wurden ja auch sehr schnell die Juden verantwortlich gemacht. Die Menschen warfen ihnen vor, die Brunnen vergiftet zu haben. Aus dieser Schuldzuweisung erwuchsen Pogrome. Und ähnliche Schuldzuweisungen finden wir heute in den Verschwörungsmythen im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Und die wiederum tauchen bei den entsprechenden Demonstrationen immer wieder auf.

George Soros, die WHO oder Bill Gates werden als Platzhalter benutzt, um jemanden die Schuld zuschieben zu können. Für wie gefährlich halten Sie das?

Ich halte diese Verschwörungsmythen für ausgesprochen gefährlich. Sie entfalten ihre demokratiezersetzende und antisemitische Wirkung im Internet, sie zeigen sich auch bei Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. Was wir da erleben, ist ein gefährliches Gemisch von Maßnahmen-Kritikern über Anhänger von Verschwörungsmythen bis hin zu Reichsbürgern und Rechtsextremen.

"Ich baue auf das Jahr 2021"

Wenn Sie als Vertreter des Zentralrats der Juden in den Medien auftauchen, dann fast ausschließlich im politischen Kontext und leider sehr oft in einem negativen Zusammenhang, wie die Berichterstattung zum Anschlag in Halle oder die antisemitische Attacke in Hamburg verdeutlichen. Nehmen sie das auch so wahr?

Ja und nein. Der Zentralrat ist die politische Vertretung der Juden in Deutschland, das ist die primäre Aufgabe. Dass ich mich häufig zu Antisemitismus äußern muss, ist leider ein Fakt.

Als ich mein Amt antrat, habe ich gesagt: Es wäre mir viel lieber, die schönen, die positiven Seiten des Judentums darzustellen. Jüdische Feiertage, jüdische Kultur, jüdische Tradition. Ich baue auf das Jahr 2021 – soweit uns die Corona-Pandemie keinen Strich durch die Rechnung macht. Im kommenden Jahr feiern wir 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Das ist ein Jubiläum, bei dem wir die positiven Aspekte jüdischen Lebens viel mehr in den Vordergrund rücken wollen.

Was stört sie besonders?

Ein wesentlicher Punkt ist, dass Juden oft ausschließlich im Zusammenhang mit 1933 bis 1945 gesehen werden – also in einer reinen Opferrolle. Dabei wird jedoch übersehen, dass jüdisches Leben in Deutschland vor dem Holocaust bereits über Jahrhunderte etabliert war. Und nun auch wieder etabliert ist.

Josef Schuster ist in Haifa (Israel) geboren und lebt seit 1956 in Unterfranken. Seit November 2014 ist Schuster Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Der 66-Jährige ist zudem Vizepräsident des World Jewish Congress und des European Jewish Congress. Schuster ist promovierter Internist und Notarzt, er gab im Sommer seine Praxis in Würzburg an seinen Nachfolger ab.

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