Am Montag sind in mehreren Städten erneut Pegida-Anhänger auf die Straße gegangen. Während sich unter anderem in Berlin, Leipzig und München ein Vielfaches an Gegendemonstranten versammelte, verzeichnete die Bewegung in Dresden einen Teilnehmerrekord. Woher rührt die offensichtlich starke Anziehungskraft der Bewegung in der sächsischen Landeshauptstadt?

Dresden war an diesem Montag die einzige Stadt, in der die Anhänger von Pegida nicht von der Zahl an Gegendemonstranten übertroffen wurden. Im Gegenteil, mit etwa 25.000 Teilnehmern verzeichnete die Bewegung Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes so viel Zulauf wie nie zuvor. Auf der Gegenseite protestierten nur etwa 5.000 Menschen gegen Pegida – in Leipzig war das Kräfteverhältnis umgekehrt. Was macht in Dresden den Unterschied?

Pegida - ein lokales Phänomen?

Es gibt keine eindeutige Antwort auf diese Frage, keine Studie, die das Phänomen mit Sicherheit erklären kann. In den vergangenen Wochen sind jedoch unterschiedliche Erklärungsansätze laut geworden. Einige Beobachter bezeichnen Pegida demnach als lokales Phänomen und zeigen sich wenig verwundert, dass die Bewegung hier großen Zulauf hat. "Freiheit, selbstherrlicher Lokaldünkel und Fremdenangst gehören in Dresden schon lange zusammen", schreibt der Historiker Götz Aly in einem Kommentar in der Berliner Zeitung. Als Beleg führt er ein Gesetz von 1838 an, das die Rechte der jüdischen Bevölkerung in der Stadt beschnitt.

Auch der politische Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sieht den Grund in der Besonderheit Dresdens. Die Stadt befinde sich "seit dem Zweiten Weltkrieg auf einem Sonderweg", schreibt Peter Carstens. Dazu gehöre eine gewisse Ausblendung der Wirklichkeit und eine "Opferhaltung", die nach den Luftangriffen 1945 entstanden sei. Diese Einstellungen würden nun Pegida begünstigen.

"Extremismus der Mitte"

Solche Ansätze, Pegida als ein "typisches" Dresdner Phänomen abzutun, greifen jedoch zu kurz. Schließlich laufen bei den Demos nicht nur Dresdner mit, und auch in Leipzig konnte der Ableger "Legida" bei seiner ersten Veranstaltung auf Anhieb knapp 5.000 Menschen mobilisieren. Michael Lühmann vom Göttinger Institut für Demokratieforschung zieht den Bogen weiter. Pegida stehe in einer "sächsischen Tradition", schreibt er in einem Gastbeitrag in der Zeit. "Nirgendwo in Deutschland ist die Ablehnung des Anderen tiefer in Politik und Kultur verankert als in diesem Bundesland. Sei es fremd, sei es links, sei es irgendwie modern." Mit ultrakonservativen, ins extrem Rechte reichenden Parolen werde in Sachsen schon seit den 1990er-Jahren Politik gemacht. Pegida passe in diesen verbreiteten "Extremismus der Mitte".

Am Montag waren allerdings in Dresden auch Fahnen aus Berlin und Brandenburg zu sehen. Pegida hat deutschlandweit Sympathisanten, wenngleich nirgendwo so viele zusammenkommen wie in Dresden. Gut möglich, dass die Stadt als "Ursprungsort" der Bewegung eine besondere Anziehungskraft ausübt. Zudem fällt es sicher leichter, sich einer großen, bereits bestehenden Menge anzuschließen als ein paar hundert Leuten, wie sie sich in einigen anderen Städten versammelt hatten.

Aufbau eines "imaginären Feindes"

Bei den Erklärungsansätzen, die sich in ihrer Argumentation auf die Vergangenheit Dresdens beziehungsweise Sachsens beziehen, fragt man sich dennoch, warum nun ausgerechnet hier, wo der Anteil der Muslime im Null-Komma-Bereich liegt, gegen eine vermeintlich drohende Islamisierung auf die Straße gegangen wird. Eine Antwort versucht der Philosoph Byung-Chul Han von der Berliner Universität der Künste: Die Menschen würden sich von ihren Ängsten befreien wollen, in dem sie einen "imaginären Feind" aufbauen. "Hier ist wieder die Logik des Sündenbocks am Werk. Früher waren es die Juden, nun sind es die Muslime", schreibt Han in der Süddeutschen Zeitung. "Dass es in Sachsen kaum Muslime gibt, ist gerade die Bedingung dafür, dass hier der Islam als Popanz aufgebaut werden kann, unter dem Menschen unterschiedlicher Gruppierungen sich versammeln. Im Westteil von Berlin wäre das wohl nicht möglich, weil hier die Muslime bereits eine Realität darstellen, von der keine wirkliche Bedrohung ausgeht."

Wissenschaftler vom Rat für Migration meinen dagegen, man könne das Phänomen nicht auf Ängste reduzieren. Es werde oft davon geredet, dass Abstiegsängste eine islamfeindliche Stimmung erzeugten, sagt Andreas Zick vom Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld auf süddeutsche.de. „Wir haben uns da eingerichtet in diesem gemütlichen Bild.“ In Wahrheit sei etwas anderes das Problem: Vorurteile. Tatsächlich kam eine Studie der Friedrich-Ebert-Stimmung zu erstaunlichen Ergebnissen. Demnach ist jeder fünfte Deutsche fremdenfeindlich, in Ostdeutschland sogar knapp 27 Prozent und mehr als 44 Prozent haben eine schlechte Meinung von Asylbewerbern, in Ostdeutschland knapp 53 Prozent.

Am Ende ist es wohl eine Mischung dieser unterschiedlichen Faktoren, die Pegida so stark machten – nicht nur, aber besonders in Dresden.