Miteinander reden statt übereinander: In der ARD-Talksendung "Günther Jauch" war mit Kathrin Oertel am Sonntag erstmals ein führendes Mitglied der Protestbewegung "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) zu Gast. Moderator und Gäste interessierte vor allem eines: Ist Pegida nur ein Strohfeuer - oder ein Dauerbrenner?

Seit Monaten geht die Pegida-Bewegung jeden Montag in Dresden auf die Straße, zuletzt versammelten sich dort 25.000 Menschen. Auch an diesem Montag sollte ein Protestmarsch stattfinden, doch die Veranstaltung wurde ebenso wie die Gegendemonstration aus Sicherheitsgründen abgesagt. Islamisten sollen in Dresden Anschläge geplant haben. Gegen den Pegida-Gründer Lutz Bachmann habe es Morddrohungen gegeben, berichtet Kathrin Oertel bei "Günther Jauch".

Todenhöfer spricht über sein Treffen mit dem deutschen Dschihadisten.

In der Talksendung soll sie als Vertreterin der umstrittenen Bewegung über deren Anliegen sprechen. "Wir sind keine ausländerfeindliche Organisation", wehrt sie sich gleich zu Beginn gegen derartige Vorwürfe. Von Politik und Medien sieht sie Pegida ungerecht behandelt und in die rechte Ecke gestellt. "Man diffamiert eine Bewegung nicht, wenn man sie kritisiert", widerspricht der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD). Pegida solle auch keine schnellen Maßnahmen für ihre Forderungen erwarten: "Demokratie verlangt Geduld."

Oertel: Pegida spricht "verbotene Themen" an

Unterstützung erhält Oertel von AfD-Politiker Alexander Gauland. Für ihn zeigt die Absage der Demonstration aus Furcht vor islamistischem Terror die Berechtigung von Pegida. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn wirft ihm daraufhin eine Instrumentalisierung der Umstände vor.

"Geht es um Themen oder geht es um Enttäuschung und Frust?", fragt Spahn die Organisatorin. Laut Oertel habe Pegida auf Themen aufmerksam machen wollen, die in Deutschland "verboten" gewesen seien, wie Asyl oder Migration. Von Zuwanderern fordert sie eine "Pflicht zur Integration". Den Politikern wirft sie vor, Probleme nicht sehen oder nicht lösen zu wollen.

"Über Asyl reden wir seit den 1990er Jahren", kontert Spahn. Auch Sprechverbote kann er nicht erkennen: "Das Buch von Thilo Sarrazin ist das meistverkaufte Sachbuch in Deutschland." Der Forderung von Pegida, die Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern konsequenter umzusetzen, gibt der CDU-Politiker teilweise recht: "Es muss schneller und häufiger abgeschoben werden." Auch fehlt ihm ein besserer Dialog zwischen Politikern und Bürgern.

"Oberlehrerhaftes Belehren bringt uns nicht weiter"

Zum Islam äußert sich Oertel nur am Rande. Warum demonstriere Pegida gegen die "Islamisierung des Abendlandes", obwohl nur 0,2 Prozent der Bevölkerung in Dresden Muslime sind, fragt Günther Jauch seinen Gast. In Städten wie Berlin oder Köln mit einem wesentlich höheren Anteil habe die Bewegung dagegen kaum Erfolg. Dresden wolle eine Entwicklung wie in anderen Ländern verhindern, erwidert die Pegida-Aktivistin. Dort bedrohe die Islamisierung bereits die einheimische Kultur. Als Beispiel nennt sie Frankreich.

In seinen Gesprächen mit Pegida-Anhängern sei eine angebliche Islamisierung gar nicht das meistgenannte Thema gewesen, merkt Frank Richter an, der sich als Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung mit der Protestbewegung beschäftigt hat. Nach seinem Eindruck beruht Pegida auf einem "Problem- und Gefühlsstau, der sich aufgebrochen hat". Überwiegend seien es gebildete Bürger, die sich um die Gesellschaft sorgen und das Vertrauen in die Regierung verloren haben. "Die Menschen haben das Gefühl, die Politiker schauen auf sie herab", führt er an und mahnt: "Oberlehrerhaftes Belehren bringt uns nicht weiter."

Wie die Zukunft von Pegida aussehen könnte, lässt Organisatorin Oertel offen. "Wir geben nicht auf und machen weiter", erklärt sie nur.