Donald Trumps erste Auslandsreise als US-Präsident hinterließ vor allem bei Europas Staats- und Regierungschefs bleibenden negativen Eindruck. Grund genug für Anne Will gestern Abend nach dem "Warum" von Donald Trumps erstem internationalen Auftritt zu fragen: "Kann Donald Trump Außenpolitik?". Eine ebenso informative wie angenehme Runde.

Erdogan, Schulz, Trump. Diese drei Namen dominieren die Talkshow-Themen der vergangenen Wochen in Rotation. Gestern Abend bei "Anne Will" war wieder US-Präsident Donald Trump an der Reihe, diesmal mit dem Schwerpunkt auf seiner Außenpolitik.

Die Ausgangslage vor "Anne Will":

Donald Trump war dieser Tage auf seiner ersten Auslandsreise als US-Präsident: Waffendeal mit Saudi-Arabien, ein Treffen mit dem Papst, Israel-Besuch, NATO-Gipfel und zuletzt G7-Treffen im italienischen Taormina. Trump selbst inszeniert sich dabei als starker Staatsmann, seinen Gesprächspartnern, insbesondere den G7-Regierungschefs, bleibt Trump aber wohl in keiner guten Erinnerung.

Vor allem sein wenig höflicher Umgang mit Montenegros Premierminister Dusko Markovic bei einem Rundgang durch das NATO-Hauptquartier sorgte für Gesprächsstoff. Inhaltlich bedeutender ist aber Trumps ablehnende Haltung zum Pariser Klimaabkommen. Angesichts Trumps wenig diplomatischer Art, fragte gestern Abend Anne Will: "Staatsmann oder Sicherheitsrisiko – Kann Donald Trump Außenpolitik?"

Diese Gäste diskutierten bei "Anne Will"

• Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages.

• Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg.

• Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist.

• Susan Neiman, Amerikanische Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein Forums.

• Christoph von Marschall, ehemaliger USA-Korrespondent des "Tagesspiegel".

Darüber wurde bei "Anne Will" gesprochen

Es erschien recht naheliegend, dass die Talk-Runde mit den Bildern eröffnen würde, auf denen sich Trump an Dusko Markovic vorbei drängelt. Doch statt dann in eine Unterrichtseinheit internationaler Diplomatie abzudriften, folgte ein Kurz-Psychogramm, das das Warum von Trumps Handeln etwas näher brachte.

Laut Christoph von Marschall erfolgt unter Trump nicht nur ein Inhalts-, sondern auch ein Stilwechsel. Obama wäre so ein Verhalten wie beim Nato-Gipfel peinlich gewesen, Trump hingegen mache einfach mit der Art weiter, mit der er auch Wahlkampf geführt habe: mit Regelverstößen.

Für Marschall habe Donald Trump dabei aber ein Problem: Als Geschäftsmann sei er es gewohnt gewesen, sein Außenbild selbst zu bestimmen. Das funktioniere als Politiker nun nicht mehr, was Frust und Zorn bei Trump erzeuge.

Für von Dohnanyi hätte aber auch NATO-Generalsekretär Stoltenberg Trump stärker widersprechen müssen, als dieser die NATO-Mitgliedsländer öffentlich abkanzelte. Ohnehin müsse Europa endlich seine eigenen Interessen definieren und durchsetzen – in partnerschaftlicher Abstimmung mit den Amerikanern, denn ein Abbruch der Beziehungen sei keine gute Option. Eine Meinung, die die Runde weitgehend teilte.

Ebenso wie die Einschätzung, dass Trump deftiges Auftreten innenpolitischem Kalkül geschuldet sei. Trump versprach, alles anders zu machen und müsse nun liefern. Dass er dann tatsächlich alles anders mache, Stichwort Pariser Klimaabkommen, oder dies nur nach außen verkaufe, daran hegte die Runde zumindest Zweifel – die Vergangenheit zeige anderes.

Welche Erkenntnisse die gestrige Runde noch lieferte

Donald Trump kann nur so handeln, weil man es zulässt – hier war man sich in der Runde einig. Hier bekam auch Nato-Generalsekretär Stoltenberg von von Dohnanyi sein Fett weg, denn er hätte in seiner Position Trump vehementer widersprechen sollen.

Dass ein energischeres Dagegenhalten durchaus auch bei einem unberechenbaren Präsidenten wie Trump Wirkung zeigt und noch stärker zeigen kann, darauf wies Susan Neiman hin.

Laut Neiman werde in den USA sehr genau hingehört, welche Stimmen nach Trumps Reise über den Atlantik hallen. Besonders Merkels Äußerungen würden Gehör finden und helfen. Für Trump kann das gefährlich sein, denn gerade sinke seine Zustimmung in der Bevölkerung und gegen die Mehrheit sei gerade bei unpopulären Entscheidungen nicht zu regieren.

Außerdem, so war man sich in der Runde einig, habe die jüngste Vergangenheit gezeigt, dass der Präsident zwar unberechenbar sei, aber auch, dass auf die staatlichen Institutionen in den USA Verlass sei und Trump nicht völlig willkürlich regieren könne.

Wie lief die Diskussion?

Es ist für Diskussionen in einer politische Talkshow leider nicht selbstverständlich, dass sie für den Zuschauer zum einen zumutbar und zum anderen auch noch interessant sind. Statt eines sachlichen Austauschs herrschen hier allzu oft parteipolitisches Gezänk und das Recht des Lauteren.

Dass bei der gestrigen Ausgabe von "Anne Will" genau das Gegenteil der Fall war, hatte vor allem zwei Gründe: die Gäste und das Thema.

Dass mit Norbert Röttgen lediglich ein einziger aktueller Politiker anwesend war, tat der Runde sichtlich gut. Zwar musste auch Röttgen mitunter die Aussagen seiner Parteichefin Angela Merkel verteidigen oder einordnen, aber von parteipolitischen Nickeligkeiten war nichts zu sehen.

Zum anderen gibt das Thema Trump auch wenig Zündstoff her, denn allzu unterschiedliche Einschätzungen seines Benehmens wird man in Deutschland nicht finden. Trotzdem wurde die Diskussion nicht weniger kontrovers und leidenschaftlich geführt und auch dabei gestritten – nur eben auf einer sachlichen und angenehmen Art.

Das Fazit

Die gestrige Diskussionsrunde bei Anne Will kann man ohne schlechtes Gewissen als gelungen bezeichnen. Sie brachte die Person Donald Trump näher und erklärte dadurch gleichzeitig, warum er so handelt wie er handelt.

Das gibt bei einem Präsidenten, der immer wieder als unberechenbar bezeichnet wird, zumindest ein wenig Sicherheit – und die Möglichkeit als Europäer sich seiner eigenen Rolle bewusst zu werden.

Nun kann man natürlich einwenden, dass es keine wirklich kontroverse Diskussion geben konnte, weil ja niemand Partei für die Gegenseite ergreifen konnte. Das mag richtig sein, war aber gleichzeitig die Gelegenheit für eine möglichst objektive Betrachtung, ohne, dass jemand eine bestimmte Agenda verfolgt.