Bloß kein Streit mehr: Beim Bierzelt-Auftritt von Kanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit dem bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef Horst Seehofer werden heikle Themen ausgespart. Das zeigt, worauf die Union in den kommenden vier Monaten setzen wird – und dass es bestimmte Dinge wohl nicht mehr geben wird.

Gemeinsames hervorheben, Trennendes einfach verschweigen. So kann man den gemeinsamen Wahlkampfauftritt von Kanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer im Bierzelt auf der Truderinger Festwoche im Münchner Osten in einem Satz zusammenfassen.

So ist auch von dem Thema, das CDU und CSU über eineinhalb Jahre gespalten hat, nichts mehr zu hören: Von der von Seehofer geforderten Obergrenze für Flüchtlinge.

Stattdessen wird im gemeinsamen Wahlkampf der Schwesterparteien ein bekanntes Rezept hervorgeholt: Die Kanzlerin ist der Stabilitätsfaktor, die Bundesrepublik unter ihrer Regentschaft ein einziges Erfolgsmodell.

Eine handvoll Demonstranten

Vergessen sind die Zeiten als Seehofer Merkel vom CSU-Parteitag ausgeladen hat. Oder als er sie ein Jahr zuvor beim Parteitag auf der Bühne auflaufen ließ.

Stattdessen steht er bei strahlendem Sonnenschein am Volksfest-Eingang und erwartet die Kanzlerin. Nach der freundlichen Begrüßung geht es auf die angrenzende Wiese zu den Truderinger Schützen, die für die Kanzlerin Salut schießen.

Am Rand steht Hasibullah Shirzad. Der 17-Jährige stammt aus Afghanistan und kam vor drei Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Er ist aus dem Münchner Umland hergefahren, um ein Autogramm der Kanzlerin zu bekommen – und am liebsten noch ein Selfie.

Hasibullah ist ein Fan von Merkel, weil sie doch dafür gesorgt habe, dass er kommen konnte. Das Handy immer auf die Kanzlerin gerichtet und einen geliehenen Stift in der Hand wartet er nun, dass er sich bei ihr bedanken könne, sagt er.

Auf der anderen Seite der Wiese haben sich hingegen eine handvoll AfD-Demonstranten versammelt und stören die bayerische Wahlkampf-Idylle. "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" steht auf einem Plakat, sie rufen "Zurücktreten", "Volksverräterin", "Merkel in den Knast" und stören mit Trillerpfeifen.

Zwischen Weltpolitik und Volksnähe

Im Bierzelt muss Merkel hingegen nicht mit Angriffen rechnen. Im Februar haben die Schwesterparteien Frieden geschlossen. Seitdem geht es wieder gegen den politischen Gegner statt gegeneinander.

Obwohl: Gegen den politischen Gegner geht es diesmal eigentlich gar nicht. Kein einziges Mal wird die SPD erwähnt oder gar Martin Schulz.

Nur indirekt: Unter Merkels Regentschaft sei die Arbeitslosigkeit halbiert worden, die Bundesrepublik stehe "so gut wie nie zuvor in der Geschichte da", ruft Seehofer. Und nur an einem Ort sei die Lage noch besser – man möchte ihm, um es auf die Spitze zu treiben, fast soufflieren "oder gerechter" – nämlich in Bayern.

Seehofer betont in seiner Rede immer wieder, wie wichtig die "liebe Angeelaa", wie er sie in guten Zeiten doch so gerne nennt, für Deutschland und die ganze Welt ist.

Und dass die "liebe Angeelaa", wie er sie in den kommenden Minuten noch häufiger nennen wird, es schaffe, zwischen evangelischem Kirchentag, Nato- und G7-Gipfel auch noch nach Trudering aufs Volksfest zu kommen, zeige einfach nur, wie wichtig ihr die Bürger seien.

Die Message, die der gemeinsame Wahlkampfauftritt vermitteln will, ist klar: Die Kanzlerin ist nicht nur DIE Krisenmanagerin in der Welt. Nein, sie ist auch volksnah und kümmert sich um die Sorgen der Bürger. Und genau das brauche Deutschland in diesen unruhigen Zeiten.

Streitthemen? Gibt’s nicht

Als die Vielgepriesene ans Pult tritt, schafft sie es in kürzester Zeit, das CSU-Zelt auf ihre Seite zu ziehen – indem sie etwas macht, was Politiker eigentlich eher selten machen: Den Bürgern danken. Für ihr Vertrauen in sie und die Union, für ihre Leistungen gerade auf wirtschaftlicher Ebene, für ihr Engagement im Ehrenamt.

Richtig hoch schnellt der Dezibelmesser als Merkel der Polizei und den Sicherheitskräften für deren Einsatz dankt. Das geschehe viel zu selten, dabei sorgten sie doch für Sicherheit, moniert die Kanzlerin – und das Bierzelt brüllt. Offenbar hat die Union mit dem Wahlkampfthema "Innere Sicherheit" einen Nerv getroffen.

Dann spricht Merkel doch noch das große Streitthema mit der CSU an – zumindest indirekt. Man habe gemeinsam eine schwere Zeit gemeistert, während der Flüchtlingskrise 2015. Mittlerweile habe man das alles geordnet und könne es steuern.

Konkretes - und ein Selfie - bleibt Merkel schuldig

Währenddessen sind – wie über die gesamte Veranstaltung hinweg – vereinzelte Pfiffe und Buhrufe von draußen zu hören, zwischendrin wird ein Störer aus dem Bierzelt geleitet.

Doch die bayerische Wahlkampf-Idylle ist längst nicht mehr zu stören. Denn Merkel trifft auch im weiteren Fortgang der Rede den Nerv der Zuhörer.

Wie wichtig Europa sei, betont sie – und dass die EU nun mehr zusammenhalten müsse denn je. Denn: "die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei, das habe ich in den letzten Tagen erlebt", sagt sie in Bezug auf den G7-Gipfel und das Verhalten von US-Präsident Donald Trump. Da war sie wieder, die Krisenmanagerin.

Kurz darauf spricht sie dann wieder über die Nöte der Bürger, festgemacht am Beispiel der Wohnungsnot in München. Hier plane man ein Baukindergeld, damit man sich Besitz auch in Zukunft leisten könne.

Viel mehr über das mögliche Wahlprogramm der Union sagt keiner an diesem Tag. Deutlich wurde aber, dass die Union wie schon in den letzten Wahlkämpfen wohl wieder ganz auf Merkel setzen wird: die weltweite Krisenkanzlerin, ergänzt um eine Kanzlerin, die für Stabilität in Deutschland sorgt und sich um die Sorgen der Bürger kümmert.

Dass CDU und CSU in den kommenden vier Monaten hingegen noch einmal ein heißes Eisen anfassen, scheint ausgeschlossen.

Vielleicht auch deswegen hat es auf die Frage von Hasibullah nach einem Selfie mit der Kanzlerin aus ihrem Tross umgehend geheißen: "Kein Foto".

Aber immerhin ein Autogramm hat er bekommen – auf seinen Arm.