Die Europa-Abgeordnete Viviane Reding fordert bei Anne Will von deutschen Politikern: Reißt euch endlich zusammen. Doch die Aussichten auf eine stabile Regierungskoalition werden auch an diesem Abend nicht rosiger.

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Hätte Viviane Reding mit am Tisch gesessen, wären die Sondierungen für eine Jamaika-Koalition vielleicht nicht gescheitert.

Die luxemburgische Europaabgeordnete und frühere Vizepräsidentin der EU-Kommission macht ihren deutschen Politiker-Kollegen bei Anne Will am Sonntagabend jedenfalls reichlich Druck.

Das Land kann es sich nach ihrer Ansicht nicht länger leisten, immer nur um "Posten und Pöstchen" zu streiten und ohne feste Regierung zu bleiben. "Reißt euch mal zusammen und seht zu, dass ihr das fertig bringt", sagt die resolute 66-Jährige.

Eher Ohnmacht als Macht bei Angela Merkel

Es geht in der Sendung aber nicht nur um die deutsche Regierung allgemein, sondern ganz speziell auch um ihre Chefin: Wie geschwächt ist Angela Merkel, will Anne Will von ihren Gästen wissen.

V.l.: Bernd Ulrich (Stellvertretender Chefredakteur "Die Zeit"), Carsten Schneider (SPD), Ursula von der Leyen (CDU), Anne Will (Moderatorin), Viviane Reding (Europaabgeordnete) und Wolfgang Merkel (Politikwissenschaftler) diskutierten darüber, wie politisch geschwächt Angela Merkel ist.

Das Votum fällt nicht besonders positiv für die Kanzlerin aus. "Die Macht von Angela Merkel rinnt durch das Uhrenglas - und zwar schneller als zuvor", sagt Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der "Zeit".

Und der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel vermisst eine "Überschrift", warum man diese Kanzlerin noch brauche.

Dass die Regierungschefin ihren Landwirtschaftsminister Christian Schmidt in der vergangenen Woche nach seiner umstrittenen Glyphosat-Entscheidung in Brüssel nicht feuerte, sieht der Experte als Zeichen ihrer Schwäche.

Und die energische Frau Reding? Die Christdemokratin ist zwar eine erklärte Freundin der Kanzlerin, aber bei dem Hin und Her mit der deutschen Stimme in Brüssel riss offenbar auch ihr Geduldsfaden: "Wir waren sprachlos", sagt Reding, "wir dachten: Was ist denn das jetzt für ein Kasperletheater?"

Die europäischen Partner müssen sich ihrer Ansicht nach darauf verlassen können, dass die deutsche Regierung wisse, was sie wolle.

Von der Leyen wirbt für Schwarz-Rot

Merkels Problem: Seit dem Scheitern der Sondierungen von Union, FDP und Grünen bleibt ihr nur noch eine erneute Große Koalition als stabiles Bündnis zum Weiterregieren. Doch dass es auch damit schwierig werden könnte, wird in der Sendung ebenfalls klar.

CDU-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wirbt zwar für eine Neuauflage von Schwarz-Rot, nennt Digitalisierung, Sicherheit und die Zukunft Europas als wichtige Themen einer Großen Koalition.

Doch der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Carsten Schneider, windet sich eher bei der Frage, was diesem Bündnis denn neue Kraft geben könnte.

Der Sozialdemokrat hat in den vergangenen Monaten offenbar schon große Freude daran gefunden, die bisherigen Koalitionspartner anzugreifen. Ist das eine Basis für neue Zusammenarbeit?

Warnung vor GroKo-Euphorie

Da ist auch Journalist Bernd Ulrich skeptisch. Die SPD müsse schon sehr viele Forderungen in möglichen Koalitionsverhandlungen durchsetzen, um der Basis eine erneute GroKo schmackhaft zu machen.

Die Union könne es sich aufgrund der bisherigen Politik Merkels und der Konkurrenz von FDP und AfD aber nicht leisten, den Sozialdemokraten besonders weit entgegen zu kommen.

Ulrich warnt deshalb vor einer GroKo-Euphorie: "Ich halte die Aussichten, dass es dazu kommt, für nicht so rosig."

Die durchaus unterhaltsame Sendung ist schneller vorbei als erwartet - vielleicht auch weil Viviane Reding, Bernd Ulrich und Wolfgang Merkel nicht in jeder Talkshow sitzen und Abwechslung in die Runde bringen.

Und das Schlusswort hat dann noch einmal der Gast aus Luxemburg. Ursula von der Leyen hatte zuvor versichert, Europa könne sich auf Deutschland verlassen. Viviane Reding betont, dass sie sich eine "starke Hand" Deutschlands wünsche, wenn es darum gehe, die Regierungen von Polen und Ungarn wieder auf die Grundwerte der EU zu verpflichten: "Bitte Deutschland, helft uns doch etwas."

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