Fehlende Konzepte für Unterricht in Coronazeiten bemängelt Dunja Hayali in ihrer Sendung. Mit Politikern, einer Lehrerin und einem Elternvertreter geht sie auf die Suche – fündig werden sie aber nicht.

Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch

Schüler, Gewaltopfer und der Kulturbetrieb: In ihrer Sommer-Talksendung widmet sich Dunja Hayali am Donnerstagabend in drei Runden diesen Verlierern der Corona-Maßnahmen. Es geht angenehm menschelnd zu, es wird weniger über abstrakte Größen wie Reproduktionszahlen oder Umsatzeinbrüche geredet als in anderen Talkshows. Doch bei drei verschiedenen Themen bleibt auch wenig Zeit, um zu Ergebnissen zu kommen.

Das waren die Gäste des Abends bei Dunja Hayali:

Franziska Giffey: Die Bundesfamilienministerin (SPD) warnt vor Panik angesichts des anstehenden Schulstarts in mehreren Bundesländern. In Berlin hat nach dem Ferienende ein Gymnasium wegen Corona zwar schon wieder schließen müssen. Allerdings gebe es in der Bundeshauptstadt insgesamt mehr als 800 Schulen, gibt Giffey zu bedenken. Die Angst vor dem Virus solle nicht dazu führen, "dass man wieder über flächendeckende Schließungen redet".

Tobias Hans: "Die Gesellschaft hat den Auftrag und die Verpflichtung, die Bildung der Kinder zu schützen", sagt der saarländische Ministerpräsident (CDU) zum Unterricht nach den Sommerferien. Deswegen sind seiner Auffassung nach nun gerade die Erwachsenen gefordert, die Infektionszahlen gering zu halten – auch im Supermarkt, in der Schlange vor dem Bus und vor dem Freibad.

Gloria Boateng: Die Schule gehe in Teilen an der Realität vorbei – und das nicht erst seit Corona, kritisiert die Hamburger Lehrerin und Bildungsaktivistin. "Wir wissen bei der Digitalisierung schon lange, dass wir hinten sind und dass da noch viel passieren muss."

Norman Heise: Der Berliner ist Mitglied im Bundeselternrat und hätte sich zumindest für die ersten zwei Wochen einen Plan B gewünscht: reduzierten Unterricht mit weniger Schülerinnen und Schülern in der Klasse. Welche Wünsche die Eltern zum Schulstart haben, kann aber auch er nicht genau sagen: "Es ist bei dem Thema schwierig, Mehrheiten auszumachen."

Anika Ziemba: Die Kinderschutzfachkraft in einem Hamburger Frauenhaus berichtet aus ihrer Arbeit – und warnt davor, nur wegen des Corona-Lockdowns in diesem Frühjahr auf das Thema familiäre Gewalt zu schauen: "Die Gewalt ist die ganze Zeit da."

Bernd Siggelkow: Der Pastor und Gründer des Kinder- und Jugendwerks "Arche" berichtet von Kindern, die nicht aus ihren Elternhäusern geholt wurden, in denen Gewalt herrschte – weil der zuständige Jugendamt-Mitarbeiter krank war. "Ist das die Lösung?"

Tim Bendzko: Der Sänger tritt demnächst wieder vor Publikum auf – allerdings im Dienst der Wissenschaft. Forscher der Universität Halle wollen so herausfinden, wo und wann bei Konzerten besondere Infektionsgefahren bestehen. "Ich hoffe, dass die Studie ein bisschen Licht ins Dunkel bringen kann", sagt Bendzko, "damit wir alle schnell wieder an Großveranstaltungen teilnehmen können."

Schulstart trotz Corona: Diskussion ohne Ziel

Die Organisation des Schulunterrichts in der Coronakrise stellt die Politik vor ein Dilemma: Auf der einen Seite gibt es die Eltern, die sich sehnlichst wünschen, dass ihre Kinder wieder in die Schule gehen, statt immer nur zu Hause zu sitzen – und viele Kinder, die endlich wieder ihre Freunde sehen wollen.

Auf der anderen Seite gibt es Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder sich in der Schule anstecken – und viele Lehrkräfte, die ebenfalls Angst vor einer Infektion haben. Es beiden Seiten recht zu machen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Entsprechend ziellos verläuft auch die Diskussion über den Schulstart. Denn welches Ziel sollen die Politik, die Schulen, Lehrerkollegien und Familien eigentlich verfolgen? Dunja Hayali stellt zwar die angebrachte Frage, ob es nicht Alternativen gäbe: geteilte Klassen, wochenweise abwechselnden Unterricht zu Hause und im Klassenraum oder auch eine zeitliche Streckung der Unterrichtszeit. Doch sie klemmt sich zu wenig dahinter, Antworten auf diese Frage zu finden.

Und dann sind da auch noch die Politiker, die widersprüchliche Signale geben. Sowohl Bundesfamilienministerin Giffey als auch Saarlands Ministerpräsident Hans betonen zwar, dass man gut gerüstet sei für den Schulstart. Über Alternativen zu flächendeckenden Schulöffnungen wollen sie nicht sprechen. Dann wird Tobias Hans aber zum Schluss von Dunja Hayali gefragt, wie besorgt er auf einer Skala zwischen 1 (völlig unbesorgt) und 10 (extrem besorgt) wegen der Infektionsgefahr auf den Schulstart blicke.

Die Antwort von Hans lässt aufhorchen: "Meine Sorge ist sehr, sehr groß – von daher eine klare 10." Das dürfte nicht gerade dazu beitragen, dass Eltern ihre Kinder wieder mit gutem Gewissen in die Schule schicken.

Gewalt in Familien: 120 Millionen Euro und eine Milchtüte

In der zweiten Runde geht es um Gewalt in Familien – vor allem an Kindern und Frauen. Gewaltopfer hatten es in der Coronakrise bekanntlich besonders schwer, weil sie wie ihre Täter ständig zu Hause sein mussten. Die Zahl der Anrufe bei Notfallnummern sei zwar nicht extrem in die Höhe gegangen, wird berichtet. Doch das habe auch damit zu tun, dass Kinder oder Frauen wenig Möglichkeiten hatten, sich Hilfe zu holen. "Es wird bekannt werden, dass viel mehr passiert ist, als wir eigentlich erwarten", sagt Kinderschützer Bernd Siggelkow.

Franziska Giffey wird ihrem Ruf gerecht, ihre Politik besonders plastisch verpacken und verkaufen zu können. Sie zaubert eine Milchtüte hervor, deren Aufdruck auf die Initiative "Stärker als Gewalt" und ein Hilfstelefon hinweist. In 26.000 Supermärkten bundesweit werde für die Initiative geworben, erklärt die Bundesfamilienministerin – und hat noch eine weitere Zahl in petto: 120 Millionen Euro will die Bundesregierung für die Stärkung der Frauenhäuser ausgeben.

Die beiden Praktiker in der Runde kann sie damit nicht beeindrucken. Anika Ziemba, Mitarbeiterin eines Frauenhauses, bezweifelt, dass das Geld reichen wird. Sie findet es ermüdend, dass Bund und Länder die Verantwortung bei dem Thema ständig zwischeneinander hin- und herschieben. "Wir haben in Deutschland 15.000 Frauenhaus-Plätze zu wenig."

Was ist das Ergebnis?

Drei interessante Themen, sowie Stimmen aus der Praxis statt nur aus der Politik: Das sind die Vorteile des Konzepts von Dunja Hayali. Zur Problemlösung trägt diese Sendung aber kaum bei. Dafür ist die Zeit zu kurz. Dafür reden sich die Moderatorin und ihre Gäste aber auch zu sehr den Frust von der Seele, statt nach Lösungen zu suchen.

Nach einer guten Idee klingt dagegen die Konzertstudie, bei der sich herausstellen soll, wie Musik- und andere Großveranstaltungen in Corona-Zeiten stattfinden können. Tim Bendzko wird dafür in Leipzig vor bis zu 4.000 Fans auftreten.

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Zu Recht weisen Bendzko und Hayali darauf hin, dass unter dem aktuellen Stillstand der Veranstaltungsbranche gar nicht so sehr die bekannten Promis leiden. Sondern die vielen Technikerinnen und Techniker, DJs oder Vorbands, die weniger im Rampenlicht stehen. Eine schöne Geste wäre es gewesen, auch aus dieser Gruppe jemanden ins Studio zu bitten.

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