Nach der Großdemonstration in Berlin diskutierte Frank Plasberg bei "hart aber fair" über Freiheit und Corona-Verbote. Eine Ärztin erklärte den Hang zu Verschwörungstheorien, ein Journalist bewies, dass er die Jugend nicht versteht und Kabarettist Bernd Stelter kämpfte voller Herzblut für die fünfte Jahreszeit.

Eine Kritik
von Thomas Fritz

Großdemonstrationen werden erlaubt, aber Clubs bleiben zu und größere Konzerte sind verboten: Die Corona-Maßnahmen erhitzen vor dem Ende des Sommers weiter die Gemüter, denn im Herbst drohen angesichts vermutlich steigender Infektionszahlen womöglich neue Einschränkungen.

In der dritten Sendung nach der Sommerpause diskutierte Frank Plasberg mit seinen Gästen zum Thema "Streit um Corona-Verbote: Wie viel Freiheit ist noch drin?".

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Wer sind die Gäste bei "Hart aber fair"?

Michael Müller (SPD): Der regierende Bürgermeister von Berlin stellte sich vor seinen Innensenator Andreas Geisel, der das (später aufgehobene) Verbot der Demonstration am Samstag damit gerechtfertigt hatte, dass Berlin nicht noch einmal als Bühne für Corona-Leugner missbraucht werden dürfe.

"Dass Corona-Regeln missachtet werden, gefährdet Menschen", sagte Müller über Regelverletzungen auf der Kundgebung, bei der Neonazis die Treppen des Reichstags stürmten.

Für den Herbst prognostizierte der SPD-Politiker steigende Fallzahlen, die unterschiedlichen Regelungen für Familienfeiern in den Bundesländern verteidigte er trotzdem.

Lamya Kaddor: Die Publizistin und Lehrerin nannte das Verbot der Demo "strategisch nicht besonders klug", weil es "diese Gruppe" – gemeint waren Rechtsextremisten und Rechtspopulisten – erst recht aufgestachelt habe, gegen die vermeintliche "Diktatur" vorzugehen.

Von den Bildern vor dem Reichstag fühlte sie sich persönlich betroffen, weil sie häufig von Rechtsextremisten bedroht worden sei. Zum Argument von Demonstranten, die sagen, sie können nichts dafür, dass Nazis mitlaufen, sagte Kaddor: Sie würde auch nicht an einer Demo gegen Islamfeindlichkeit teilnehmen, die von Salafisten organisiert wurde.

Bernd Stelter: Der Moderator und Kabarettist drehte erst dann verbal auf, als über die mögliche Absage des Karnevals diskutiert wurde. Stelter wünscht sich bei der Diskussion ein bisschen Kreativität, eine Denke à la "Was kann man denn machen?" statt nur Verbote. "Wir Deutschen haben unsere Lebensfreude fast komplett eingebüßt", lautete sein ernüchterndes Fazit des Ist-Zustands.

Jasper von Altenbockum: Auch der FAZ-Journalist sah das Verbot der Berliner Demo kritisch. Politik und Staat könnten nicht "Schulleiter der Demonstranten sein", man dürfe nicht präventiv etwas verbieten, weil etwas passieren könnte.

Klug beschrieb von Altenbockum das aktuelle Dilemma der Politik: Akzeptanz zu schaffen für die Anti-Corona-Maßnahmen ist in seinen Augen jetzt deutlich schwerer als im "Schockzustand im März und April". Zumal derzeit nicht einmal 300 Menschen wegen COVID-19 intensivmedizinisch betreut werden müssen.

Zudem kritisierte er, dass dem Tourismus Unrecht getan worden sei. Die jüngsten Corona-Fälle in Deutschland wurden vor allem durch Familienbesuche auf dem Balkan verursacht, weniger durch Reiserückkehrer. Spanien landete in der Statistik nur auf Platz sechs.

Dr. Julia Fischer: Die Wissenschaftsjournalistin und Ärztin erklärte den Hang zu Verschwörungstheorien mit dem Kontrollverlust in der Pandemie. Dieser löse eine große Stressreaktion aus. Schon unseren Vorfahren hätten einfache Muster geholfen, das Überleben zu sichern.

Im Hier und Jetzt bedeutet das: Mit Gleichgesinnten und einem gemeinsamen Feindbild erhält man die Kontrolle gefühlt zurück – zum Beispiel auf eine Demo. Fischer erklärte auch, wie gefährlich solche Veranstaltungen in Bezug auf das Infektionsgeschehen sein können.

Es sei schwer zu sagen, "weil wir den Faktor frische Luft haben". Das sei etwas, was die Übertragung verhindern kann. Dennoch: "Das Risiko ist nicht gering", so Fischer, weil die Leute danach auch zusammen Bus und Bahn gefahren sind und womöglich beengt gemeinsam übernachtet haben.

Was war das Rededuell des Abends?

Nachdem Lehrerin Lamya Kaddor Verständnis für junge Leute äußerte, die mal Party machen wollen und die fehlende Lobby für die Jugend beklagte, zeigte Jesper von Altenbockum, dass er von den Bedürfnissen junger Leute offenbar gar nichts versteht.

"Ist es wirklich so schlimm, wenn man mal ein Jahr lang auf seine Partykultur verzichtet? Ich finde das nicht so schlimm", sagte der – ja! – dreifache Vater. "In einem gewissen Alter schon", entgegnete Kaddor. Auch Bernd Stelter schaltete sich ein: "Das Jahr zwischen 16 und 17 ist lang!"

Man könne auch in kleinen Gruppen feiern, erwiderte der FAZ-Journalist. "Und es muss nicht so zugehen wie auf dem Frankfurter Opernplatz, wo einfach Besäufnisse stattfinden." Was der 17-Jährige Jasper wohl zu diesen Aussagen gemeint hätte?

Was war der Moment des Abends?

"Freunde, geht mal wieder los!", richtete Bernd Stelter einen dringenden Appell an die Bevölkerung, wieder ins Theater zu gehen. Wenn die Lage so bleibe, "dann werden im Frühjahr mehr als die Hälfte der privaten Theater in Deutschland Pleite sein", prognostizierte Stelter. Eine düstere Aussicht. Ein Einspieler zeigte allerdings, dass viele Leute in Köln-Porz selbst geschenkte Karten für eine Stelter-Show nicht haben wollten – die Vorsicht ist noch zu groß.

Wie hat sich Frank Plasberg geschlagen?

In einer Sendung ohne große Kontroversen blieb dem Gastgeber fast nur die Rolle des Stichwortgebers. Und da hätte es gerne ein thematischer Sprung weniger und etwas mehr Tiefe sein können.

Etwa bei der Frage, welche Gefahr tatsächlich von Großdemonstrationen auf das Infektionsgeschehen ausgeht. Gibt es da Erkenntnisse aus vorangegangenen Veranstaltungen in Deutschland? Oder aus dem Ausland? Wird das untersucht? Auch die Rechtmäßigkeit des Berliner Demo-Verbots hätte mit Michael Müller viel genauer besprochen werden müssen.

Was ist das Ergebnis?

Die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung und der Länder sind ständigen Anpassungen unterworfen. Der Sommer brachte flächendeckende Lockerungen mit sich, doch nun steht der Herbst bevor.

Wie das Infektionsgeschehen verlaufen und wie die Politik darauf reagieren könnte, ist aktuell noch ungewiss. Auch die Gäste bei "hart aber fair" konnten darauf keine Antworten geben.

Jasper von Altenbockum stellte die Frage in den Raum, wie lange vor dem Hintergrund der aktuell geringen Zahl von Intensivpatienten mit COVID-19-Diagnose die freiheitseinschränkenden Maßnahmen noch gerechtfertigt sind.

Die anderen Diskussionsteilnehmer wollten den Ball leider nicht so recht aufnehmen, nur Bernd Stelter plädierte für mehr Mut und kreatives Denken. Dabei wäre das die eigentlich spannende Debatte gewesen: ob Deutschland bei positiver Entwicklung der Fallzahlen vielleicht schon vor Entwicklung eines Impfstoffs weitgehend zur Normalität zurückkehren kann. So blieb es eine etwas kleinteilige Diskussion ohne den ganz großen Erkenntnisgewinn.

"Gewalttätige Auseinandersetzungen": Hunderte Festnahmen in Berlin

Es habe "heftige gewalttätige Auseinandersetzungen" gegeben, sagte Innensenator Andreas Geisel.