Bei "Maischberger" enthüllt Jens Spahn, wann die Corona-Impfung für alle Bundesbürger zur Verfügung steht. Weil bis dahin noch viel Zeit vergeht, macht eine Virologin in Merkel-Manier Druck.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

Sandra Maischberger hat es gut: Sie ist durch mit diesem vermaledeiten 2020. In der letzten "Maischberger. Die Woche"-Ausgabe des Jahres plädiert die Virologin Melanie Brinkmann energisch für einen sofortigen harten Lockdown – und Jens Spahn verkündet schlechte Nachrichten zur Impfung.

Die ernüchternde Sendung lässt nur einen Schluss zu: Wer es sich irgendwie einrichten kann, sollte einen Winterschlaf einlegen, am besten bis weit in den Sommer hinein.

Das sind die Gäste bei Sandra Maischberger

"Spätestens im dritten Quartal" werde nämlich die Corona-Impfung für alle Bürger bereit stehen, erklärt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Bis dahin müsse es Beschränkungen geben: "Ich glaube, wir schaffen es ein Jahr ohne Glühweinstände."

"Wir stehen vor einem Scherbenhaufen", sagt Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung. Sie fordert einen sofortigen Lockdown, auch im Interesse der Wirtschaft: "Je früher wir bremsen, desto besser."

Ein Ansatz, den "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni versteht: "Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende."

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"Welt"-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld legt ihren Finger in die Wunde: "Wir haben an neuralgischen Punkten nicht die Lehre aus der 1. Welle gezogen." Weder seien die Pflegeheime geschützt noch die Gesundheitsämter gestärkt worden – nun bleibe "keine Alternative" zum Lockdown.

Journalist Peter Zudeick registriert mit Sorge, dass selbst unter medizinischem Personal Skepsis gegenüber der Impfung herrscht: "Was macht ein Klinikchef dann? Lässt der die ran an Patienten oder nicht? Das wäre dann eine negative Impfpflicht durch die Hintertür."

Eine "soziale Krise" sieht Siemens-Chef Joe Kaeser auf Deutschland zurollen. In der Pandemie entwickelten sich Depressionen, Sorgen, Spannungen: "Das sorgt mich viel mehr als die Wirtschaftskrise."

Das ist der Moment des Abends

Melanie Brinkmann gehört nicht zu den betont besonnenen Vertreterinnen ihres Berufsstandes. Die Virologin hat immer wieder Klartext geredet, zuletzt in den "Tagesthemen", wo sie Caren Miosga verriet, sie verliere langsam "den Glauben an die Politik".

"Ist das so?", fragte Maischberger Brinkmann, die kurz zurückruderte ("Noch nicht ..."), um dann gleich wieder den Vorwärtsgang einzulegen: Die "Wischi-Waschi-Strategie" der Politik sei falsch, der oft aufgemachte Gegensatz zwischen Gesundheit und Wirtschaft gar nicht existent.

"Das was wir jetzt machen, ist auch schlecht für die Wirtschaft – Sie können mir nicht erzählen, dass wir im Januar lockern, wenn wir weiter so machen." Ihr Gegenvorschlag: "Am besten würden wir alle zuhause bleiben, ab heute."

Das ist das Rededuell des Abends

Dass der "Lockdown light" nicht funktioniert, zeigen die Zahlen - und auch der Bundesgesundheitsminister räumt im Einzelinterview mit Sandra Maischberger ein: "Wir haben das schlechteste aus drei Welten: Die Todeszahlen sind hoch und die Intensivstationen voll, es ist teuer, die Ermüdung ist groß."

Spahn appelliert an die Bevölkerung, ihren Teil beizutragen zum Kampf gegen die Zweite Welle: "Im Moment haben wir die Arbeitsteilung: Einige stehen am Glühweinstand, die andere kämpfen auf den Intensivstationen. Das ist nicht gut."

So viel zum gemütlichen Teil des Interviews, der mit dem Hinweis Maischbergers endet, sie wolle Spahn "nicht quälen" - worauf natürlich ein besonders brutales "aber" folgen muss: Der Minister habe versprochen, die Älteren zu schützen, nun sterben vor allem ältere Pflegebedürftige - was läuft da falsch? Und warum schaffe es Tübingen mit Tests und Masken, die Fälle fast auf null zu reduzieren - aber andere Standorte nicht?

Spahn versucht es mit der Flucht nach vorn, nimmt die Pflegekräfte in Schutz, die "mit voller Kraft ihr Bestes geben", aber Maischberger kontert eiskalt: "Wenn Sie die Pflegekräfte so schätzen, müssten Sie sie doch schützen?!"

Wieder gerät Spahn in die Defensive, die Tests würden ohnehin ausgeweitet, aber die Lage auf dem Weltmarkt sei schwierig. "Alle fragen gerade ein Produkt nach." Was Maischberger gleich als Aufhänger für den nächsten Vorwurf nutzt – warum hat Deutschland für die ersten Monate des Jahres so wenig Impfdosen in Aussicht? Spahn, in einem Anflug von Kapitulation: "Frau Maischberger, weder Sie noch ich produzieren diesen Impfstoff. Es gibt Limitationen."

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So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

So präzise die Gastgeberin den Gesundheitsminister quält, so beliebig plätschert das Gespräch mit Siemens-Chef Joe Kaeser dahin.

Ein paar Streicheleinheiten hier ("Sie waren als Spitzenmanager viel unterwegs vor Corona"), ein paar Anflüge von Kritik dort ("Ihren chinesischen Geschäftspartner können Sie die Meinung nicht so offen sagen"), durch all das plaudert sich Kaeser mühelos hindurch.

Und dann wünscht Maischberger ihm und den Zuschauern weit nach Mitternacht auch schon eine "gesunde Weihnachtszeit". Ein Interview wie eine letzte lästige Pflichtaufgabe vor den großen Ferien.

Das ist das Ergebnis

Lockdown oder nicht Lockdown: Das ist an diesem Abend die entscheidende Frage - und Peter Zudeick hat da etwas nicht verstanden.

Warum brauche es überhaupt nochmal eine Runde mit den Ministerpräsidenten? "Das halte ich für überflüssig", sagt der Journalist. "Es gibt doch einen Rahmen, und in dem agieren die Länder. Das wird aber so klar nicht kommuniziert."

Die Kommunikation in der Krise verlaufe ohnehin "fragwürdig bis katastrophal", sekundiert "Welt"-Chefredateurin Dagmar Rosenfeld.

Sie hält Markus Söder und Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer vor, sich mit Kommentaren wie "Alle unsere Apelle haben nichts genutzt" an den Bürgern abzuputzen: "Als wären Glühweintrinker das Symbolbild der Pandemie."

Dabei halte sich die Mehrheit der Bürger an die Vorsichtsmaßnahmen – aber die Politik versage im Krisenmanagement, siehe das Contact Tracing.

Auch an Angela Merkels "emotionaler Keule" (Ingo Zamperoni) vor dem Bundestag hat Rosenfeld etwas auszusetzen – sie unterstellt der Kanzlerin ein gerüttelt Maß an Kalkül. Schließlich habe Merkel einem Papier der Leopoldina am Ende des ersten Lockdowns keine Beachtung geschenkt, weil die Botschaften ihr damals nicht in den Kram passten. "Und nun halten die Wissenschaftler plötzlich als Kronzeugen für den Lockdown her."

Wer Melanie Brinkmann an diesem Abend gut zugehört hat kann erahnen, dass zumindest der Virologin das herzlich egal sein dürfte - Hauptsache, der Lockdown kommt.