Einen Jahresrückblick im Eiltempo liefert Sandra Maischberger. Zwischendrin ringt sie dem VW-Boss Herbert Diess einen Anti-Schummel-Eid ab. Und entlockt dem Relotius-Aufdecker Juan Moreno schier unglaubliche Geschichten.

Eine Kritik
von Christian Bartlau, Freier Autor

Erinnern Sie sich noch daran, wann Andrea Nahles als SPD-Chefin hingeworfen hat? Die Genossen und Genossinnen haben gefühlt so ewig über ihre Nachfolge debattiert, es hätte auch gut und gern schon 2018 gewesen sein können – aber nein, Nahles rat am 2. Juni dieses Jahres zurück, mit den Worten: "Bleibt beieinander und handelt besonnen."

Für Sandra Maischberger einer der Momente des Jahres, den sie in ihrem Wundertüten-Format "maischberger. die woche" besprechen wollte – oder eher: abhaken.

Neben der wilden Hatz durch die vergangenen 50 Wochen nahm sie sich zum Glück aber auch Zeit – für VW-Chef Herbert Diess, der die Hochzeit des Automobils nicht in der Vergangenheit sieht, sondern erst am Horizont, und ein brisantes Versprechen abgab. Und für den Journalisten des Jahres Juan Moreno, der Details zum Relotius-Skandal erzählt, die wie ausgedacht klingen.

Das sind die Gäste des Abends bei "maischberger. die Woche":

Neben den Solo-Gästen Diess und Moreno hat Maischberger wie üblich eine Kommentatoren-Runde geladen, die im Stakkato-Modus mit der Gastgeberin durch die Themen wischen wie routinierte Tinder-User durch die Fotos potenzieller Partner: Kurz angeschaut, schnelles Urteil, der nächste, bitte!

Immerhin hatte Maischberger mit dem Publizisten Friedrich Küppersbusch einen begnadeten Rhetoriker und Blitzdenker im Aufgebot. Küppersbusch haut nicht nur Sprüche raus wie ein Battle-Rapper (die AfD bezeichnete er als "Seniorenheim der CDU", die Grünen als "Herrn Tur Tur", den Scheinriesen aus "Jim Knopf"), er liefert nebenbei auch noch erfrischende Denkansätze, zum Beispiel über den angeblichen "Linksruck" in der SPD: "Ich wundere mich, dass die Agenda 2010 und die drei Grokos nie als Rechtsruck bezeichnet wurden."

Ex-Familienministerin Kristina Schröder (CDU) teilt mit Küppersbusch die Thesenfreude ("Der 'Kampf gegen Rechts' richtet sich gegen die bürgerliche Mitte", schrieb sie 2018 in der "Welt"). Sie outete sich als Fan von Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz ("Einer der Gewinner des Jahres.") Die CDU solle genau hinschauen, wie man sich klar von rechts abgrenze und trotzdem "die Leute abholt", also die von rechtsaußen. Wer in Deutschland den Kurz machen könnte, wer Kanzlerkandidat der Union werden soll – bei diesen Fragen verließ Schröder allerdings die Freude an der klaren Meinung.

Die besonnene Ausgewogenheit ist wohl Berufskrankheit bei Pfarrerin Margot Käßmann, die in diesem Format fast zwangsläufig untergehen musste. Trump liege ihr im Magen, der Auftritt von Greta Thunberg vor der UN hat sie "nicht begeistert, es ging mir zu weit." Klare und starke Worte fand Käßmann für die geistigen Wegbereiter des Mordes an Walter Lübcke und des Attentats von Halle, die Käßmann auch in den Reihen der AfD ausmachte: "Wir erleben bei vielen AfD-Politikern, wie die über Menschen reden." Oder auch über das Holocaust-Mahnmal, das Björn Höcke ein "Mahnmal der Schande" nannte. "Das ist geschichtslos, würdelos und respektlos."

Das ist das Rededuell des Abends

Sandra Maischbergers Paradedisziplin ist und bleibt das Eins-gegen-Eins-Interview. Das bekommt Herbert Diess, seit April 2018 VW-Chef, zu spüren. Diess hat den Diesel-Skandal geerbt und darf sich nebenbei mit dem Totalumbau der Automobilbranche beschäftigen.

Zuerst wiegt Maischberger ihn mit Freundschaftsbuch-Fragen in Sicherheit: Ob er Tempo 130 fährt? Schon ein bisschen schneller, aber immer sicher. Welche Autos in seiner Garage stehen? Ein Golf, ein E-Auto, und, naja, noch ein Ferrari. Und ein paar Motorräder.

Dann geht es Schlag auf Schlag, Maischberger drängt auf Zahlen, und die Zuschauer erhalten einen Einblick in die Zukunft von VW: Rund 30.000 Jobs wird der Autobauer hierzulande in den nächsten Jahren abbauen müssen, nur 30.000 E-Autos wurden in Deutschland zuletzt verkauft. Andere Länder sind da schon weiter, Holland und Norwegen etwa. "Wenn Sie so für Elektroautos sind, warum sagen Sie dann nicht: Wir verkaufen keine SUVs mehr?", fragt Maischberger. Diess antwortet: "Der Konzern muss sich die Zukunft verdienen." 33 Milliarden Euro investiere VW in den Umstieg vom Verbrennungsmotor auf das E-Auto. Den letzten Diesel sieht Diess aber erst 2040 vom Band rollen.

Ob bis dahin weiter geschummelt wird bei den Abgaswerten, will Maischberger wissen. "Ich bin mir sicher, dass unsere Ingenieure nicht betrügen." Wenn nicht, werde er den Hut nehmen. Nur für den Fall, dass Diess auf dumme Ideen kommt, erinnert ihn Maischberger an die Fallhöhe: "Ein Manager von Audi saß vier Monate in Untersuchungshaft. Sind Sie nervös?" Was für eine nette Gastgeberin.

Das ist der Moment des Abends

Der Beste kommt zum Schluss: Juan Moreno, der gerade vom Branchenblatt "Medium Magazin" als Deutschlands "Journalist des Jahres" ausgezeichnet wurde. Moreno hat den Fälscher Claas Relotius überführt, durch Hartnäckigkeit und stures Beharren auf seinen Berufsethos.

Doch dies geschah nicht aus Heldenmut, wie Moreno selbst zugab, sondern aus Angst, mit reingezogen zu werden in die Machenschaften des notorischen Lügners Relotius. Schließlich hatte er mit Relotius zusammen an einem Artikel gearbeitet, ihre Namen standen gemeinsam unter einem Text, an dem Moreno riesige Zweifel hatte. "Ich hätte immer hoffen müssen, dass der nicht erwischt wird. Dann wäre ich nämlich Komplize gewesen."

Aber Moreno recherchiert so lange, bis er sich sicher ist: Relotius hat nie mit seinen angeblichen Protagonisten gesprochen. Als wäre die ganze Geschichte nicht irre genug, glaubte die Chefetage im "Spiegel" trotzdem quasi bis zuletzt ihrem Liebling Relotius, Moreno stand als Kollegenschwein da.

Warum Relotius das gemacht hat? "Das müssen Sie ihn fragen", antwortet Moreno, er hat nur eine Ahnung, warum die Leser die ausgedachten Texte so mochten: "Er hat die Leute in den Arm genommen." Außerdem Sachverhalte wie den Syrien-Krieg ihrer schrecklichen Komplexität beraubt und den Lesern das Gefühl gegeben, in acht Seiten Text alles verstanden zu haben. Dabei sei es nunmal nie einfach, der AfD-Wähler nicht immer ein Holzkopf, und der Samariter einer mit Macken. "Eigentlich trivial", sagt Moreno, und Maischberger erklärt das zu einem guten Schlusswort, was ja meist nur so eine Phrase ist. In diesem Fall nicht.

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

So, wie es vermessen ist, auf acht Seiten den Syrien-Krieg erschöpfend zu erklären, so ist es auch vermessen, in ein paar Statements von der Länge eines Tweets das gesamte Jahr abzuhandeln.

Das Konzept der Sendung sorgt schon für Hektik, wenn es nur um die wichtigsten Themen der Woche geht. Bei einem Jahresrückblick artet es in einen Punchline-Wettbewerb aus, den Maischberger teils nicht einmal mehr in ganzen Sätzen befeuert: "Herr Küppersbusch? Habeck, Baerbock?"

Ständig möchte man rufen: Mooooment mal, Frau Maischberger! Nicht im Sinne von Faust: Moment, verweile doch, Du bist so schön. Eher im Sinne von: Moment mal, ging's nicht gerade noch um was Anderes? Und hat Maischberger wirklich gerade gesagt, dass wir die Hintergründe des Ibiza-Videos "nie erfahren" werden? Hat denn niemand in der Redaktion recherchiert, dass in Österreich mehrere Razzien liefen, bei denen auch Verdächtige festgenommen wurden? Aktuell deutet Einiges auf eine recht banale Erklärung hin: Ein paar windige Gestalten aus der Sicherheitsbranche wollten Geld mit dem Video machen.

Die Fakten sollte schon parat haben, wer im Eiltempo durch ein ganzes Jahr hetzt. Sonst drängt sich der Eindruck auf, da wollte eine Redaktion ohne viel Aufwand noch eben eine Sendung zusammenschustern.

Das ist das Ergebnis

So ein Jahr erscheint ganz schön irre, wenn man es auf 75 Minuten und dutzende Häppchen zusammenpresst. Vielleicht war es aber auch gar nicht so irre, vielleicht ist es in Morenos Worten auch nur trivial, dass im Zeitalter von Breaking News und Social Media jedes Jahr im Rückblick unglaublich ereignisreich wirkt.

"Die Affäre Relotius lehrt uns, nicht nach den einfachen Antworten und gut klingenden Geschichten zu suchen", hat Sandra Maischberger im Gespräch mit Moreno gesagt. Ein guter Vorsatz für 2020. Ein bisschen mehr Komplexität. Ein bisschen weniger Momente, ein bisschen mehr: Moment mal!

So erkennen Sie Fake News

Nicht alles, was als Fake News bezeichnet wird, verdient auch diesen Namen. Dennoch: Das Vertrauen in die Presse im digitalen Zeitalter leidet. Doch was sind Fake News? Und wie kann man sich davor schützen?