Einmal querbeet durch die Nachrichten der Woche zu pflügen – das ist Konzept bei Sandra Maischberger. Diesmal kamen fast alle angeschnittenen Themen zu kurz – und nur eines wurde ausführlich behandelt. Doch das knallharte Nachfragen bei Jörg Meuthen lohnte sich.

Eine Kritik
von Frank Heindl, Freier Autor

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Die Themen bei Maischberger: Der CDU-Parteitag kam ein wenig zur Sprache, die Kandidatenwahl der SPD wurde kurz gestreift, die Einführung von Strafzinsen für Sparer noch kürzer, der Dresdener Juwelenraub wurde knapp erörtert.

Doch den größten Teil der Sendung nahm ein Geschehnis ein, das erst am Wochenende stattfinden wird: der Parteitag der AfD. Die angekündigte Beschäftigung mit Englands Prinz Andrews und dessen Verhalten im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen entfiel kommentarlos.

"Maischbergers Woche": Söder wird zum König der Herzen gekürt

Dass das Sendekonzept ein wenig aus den Fugen ging, lag an einem Gast, der schnell zur zentralen Figur des Talks wurde: Jörg Meuthen, Bundesvorsitzender der AfD. Auf ihn schien Maischbergers Gesprächsleitung schon hinauszulaufen, als er noch gar nicht auf dem Podium saß.

Zuerst wurde also kurz und knapp der CDU-Parteitag abgehakt: Jan Fleischhauer, Kolumnist beim "Focus", ernannte flugs und spöttisch Markus Söder zum Gewinner der Woche: "Eben noch bayerischer Holzklotz, jetzt König der Herzen" habe dieser den CDU-Delegierten gezeigt, dass er in der "Bierzeltschule" das Reden gelernt habe.

In dieser Phase des Abends bekam Fleischhauer noch launige Unterstützung von Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, erst später gerieten die beiden aneinander. Ob mit Söder noch zu rechnen sein wird? Ja, sagen beide – aber erst in sechs Jahren, bei der übernächsten Bundestagwahl.

Friedrich Merz dagegen sei weg vom Fenster, habe den Hut einfach wieder aufgesetzt, den er doch eigentlich in den Ring habe werfen wollen. Der Politiker habe, so Fleischhauer, "eine riesige Arschbombe vom Sprungturm" angekündigt, sei aber dann kleinlaut "hinten wieder runtergeklettert".

Scholz wird die SPD nicht retten

Auf ähnlich flapsige Weise einig waren sich die beiden über die Kandidatenkür der SPD: Olaf Scholz werde das Rennen machen – aber nicht aus eigener Kraft, sondern aufgrund der Schwäche seiner Kontrahenten. Die SPD werde er trotzdem nicht aus der Krise retten können.

Anlässlich eines ganz kurzen Abstechers zum Thema Sparerzinsen kam auch die Finanzexpertin Sandra Navidi zu Wort. Nein, die europäische Zentralbank sei nicht an den Negativzinsen schuldig, sie versuche lediglich, Versäumnisse der Politik auszugleichen. Und ja, einen Crash werde es erneut geben, größer und dramatischer als beim letzten Mal. Nur wann – das könne niemand vorhersagen.

Da hätte Maischberger nachfragen können – doch auch hier war erkennbar keine Zeit, weil alles auf die Auseinandersetzung mit dem "Gast des Abends" zusteuerte: "Herzlich Willkommen, Herr Meuthen".

Maischberger nimmt Meuthen unerbittlich ernst

Jörg Meuthen, Bundesvorsitzender der AfD als Gast in der Talkshow – an ähnlichen Gästen sind ähnliche Moderatoren schon kläglich gescheitert. Nicht so Sandra Maischberger.

Die Moderatorin hatte ein einfaches Rezept für ihren gelungenen Umgang mit dem Populisten: Sie nahm Meuthen ernst als Parteivorsitzenden, der sich am Wochenende einer Auseinandersetzung mit den Strömungen seiner Partei stellen müssen wird – und fragte unerbittlich nach.

Meuthens Landesverband Baden-Württemberg schickt, wie Maischberger gleich zu Anfang provozierend feststellte, nicht Meuthen, sondern einen seiner schärfsten Widersacher als Delegierten zum Parteitag: Den Landtagsabgeordneten Stefan Räpple, der nicht nur dem rechten "Flügel" der Partei angehört, sondern gegen den auch ein Parteiausschlussverfahren läuft, weil er die Partei auch für ehemalige Anhänger von NPD und der "Identitären Bewegung" öffnen will. Ob Meuthen den "Führungsdurchgriff" noch habe, fragt Maischberger.

Meuthen setzt sich jedoch selbstbewusst und durchaus eloquent gegen solche Fragen zur Wehr. Er gibt sich sicher, dass Kandidaten wie Räpple auf dem Parteitag keine Chance hätten, man werde im Gegenteil am Wochenende erleben, dass in der AfD "die bürgerlichen Kräfte die klare Mehrheit haben".

Wo sind denn nun Meuthens "rote Linien"?

Doch Maischberger gibt sich mit solchen Antworten nicht zufrieden. Immer wieder konfrontiert sie Meuthen mit den rechtsextremen, rassistischen, antisemitischen und "völkisch-nationalen" Tendenzen in seiner Partei, immer wieder will sie von ihm wissen, wo den nun die "roten Linien" seien, die er angeblich zieht. Mit wem er nicht zusammenarbeiten würde, wen er als zweiten Parteisprecher nicht dulden würde.

Was also würde Meuthen tun, wenn Gottfried Curio mit ihm gewählt würde – jener Bundestagsabgeordnete, der mit Scharfmacher-Sprüchen auffällt, der, wenn es um Migranten geht, von "Messereinwanderung" spricht, der verschleierte Musliminnen als "schwarzen Sack" bezeichnet?

Maischberger treibt Meuthen in die Enge – denn dessen Antworten lassen erkennen, dass seine "rote Linie" in Wahrheit nicht vorhanden ist. Er habe immer "international gelebt", sagt Meuthen beschwörend – und gibt am Ende doch zu, auch mit Curio würde er "kooperieren".

Geschenkt, dass Meuthen danach noch ein paar Punkte macht, weil Maischberger ihn auf allzu einfache Weise in der Rentenfrage bloßstellen will; geschenkt, dass Fleischhauer und von Lucke sich wegen ihrer unterschiedlichen Beurteilung der Gefährlichkeit der AfD in die Haare kriegen; geschenkt auch, dass man im letzten Teil der Talkshow über den Dresdner Juwelenraub nicht viel Positives erfährt und die Kunstexpertin Heide Rezepa-Zabel lediglich Hoffnung macht, die gestohlenen Preziosen könnten eventuell "in einer Generation" ganz von allein wiederauftauchen.

Stattdessen ein kleines Bravo dafür, wie Maischberger es schaffte, hinter der bürgerlichen Camouflage des Jörg Meuthen dessen Machtorientierung bloßzulegen und zu zeigen, dass das "liberale Feigenblatt" der AfD auch vor der Zusammenarbeit mit denen nicht zurückschreckt, vor denen er sich so gerne öffentlichkeitswirksam distanziert.

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