Was für ein Gast: Andreas Hollstein, gerade knapp einem Attentat entkommen, redet bei "Maischberger" über die Verrohung in Deutschland. Leider hat die Gastgeberin noch mehr Gäste eingeladen.

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Das war mal eine unbestritten treffsichere Analyse von AfD-Chefin Alice Weidel: "Wir drehen uns im Kreis", stellte sie fest, spät zwar, kurz vor Sendeschluss, aber dennoch, und damit war über diese Ausgabe von "Maischberger" schon fast alles Wesentliche gesagt.

Es war in weiten Teilen ein Stellungskrieg, den sich die Gäste von Sandra Maischberger am späten Mittwochabend lieferten, mit altbekannten Positionen und ohne Fortschritte in der Debatte.

Andreas Hollstein hat eine Mission gefunden

Das hätte nicht sein müssen, hätte die Redaktion den Denkzettel ernst genommen, den sie vor einigen Tagen zum wiederholten Male vom Programmausschuss des WDR-Rundfunkrats bekommen hatte.

In den Medien kam vor allem der Vorwurf an, "Hart aber fair" und "Maischberger" würden zu oft auf "populistische Reizthemen" setzen. Aber das Schreiben enthielt auch einige Anregungen - zum Beispiel die Idee, es doch mal mit weniger Gästen und enger eingegrenzten Themen zu versuchen.

Leider hat die Redaktion eine gute Gelegenheit dafür verstreichen lassen.

Andreas Hollstein war gekommen, der Bürgermeister von Altena, nur zwei Tage nach dem Attentat auf sein Leben. Eigentlich war ein Talk zur Regierungsbildung in Berlin geplant, aber die Redaktion schwenkte um auf die Frage: "Verroht unsere Gesellschaft?"

Hollstein trägt ein Pflaster am Hals, geblieben sind aber nicht körperliche Schmerzen, sondern vor allem die Angst, erzählt er zu Beginn der Sendung. Mehr als eine Viertelstunde widmet sich Maischberger nur dem 54-Jährigen, der zwar bemerkenswert bereitwillig Auskunft gibt über die Tat und über den Hass, der ihm schon vorher entgegenbrandete, aber viel lieber über andere reden will.

Beispielsweise über Rettungskräfte, die von Gaffern beschimpft werden, über Lokalpolitiker, die bedroht werden. Offenbar hat Hollstein seine Mission gefunden, ihm geht es um das Miteinander in der Gesellschaft, um die Ehrenamtler, die sich zu viel gefallen lassen müssten.

"Das treibt mich an, wenn ich ehrlich bin, hier zu sitzen, auch wenn ich mir Anderes vorstellen könnte."

Heiko Maas attackiert die AfD

Ein so uneitler und ehrlicher Mann ist ein Trumpf für jede Talkmasterin, und Maischberger hat ihn immerhin lange ausgereizt. Aber was genau spricht dagegen, eine ganze Sendung nur mit Hollstein zu absolvieren, ein tiefes Gespräch zu führen?

Ein Politiker, der ein bewegendes Schicksal mit gesellschaftspolitischer Relevanz erlebt hat und bereit ist, offen und differenziert auch über die Probleme von anderen zu sprechen - wer hätte da die anderen vier Gäste wirklich vermisst?

Den bewährten Kriminologen Christian Pfeiffer in allen Ehren, aber seine Expertise könnte man auch aus Studien zitieren oder ihn für einige kurze Statements aus dem Publikum gewinnen.

Und dann saßen da drei, deren Eingangsstatements schon alles gesagt hatten, von da an bewegten sie sich nicht mehr - im Fall von Justizminister Heiko Maas sogar im wörtlichen Sinne.

Während sein Slim-Fit-Lookalike Jan Fleischhauer vom Spiegel hyperaktiv seine Seite der gemeinsamen Couch auswetzte, verschränkte der SPD-Mann höchstens die Arme, um seine Giftpfeile gegen Alice Weidel mit noch größerem Understatement abzuschicken.

Die AfD, so der Bundesminister, trage eine Mitschuld an der aufgeheizten Stimmung in der Republik: "Das Prinzip ist, Menschen gegeneinander aufzuhetzen." Auf die verbale Enthemmung folge dann die körperliche Enthemmung, so wie im Fall Hollstein.

Die Neue Sachlichkeit

Alice Weidel hat ihren Gegenschlag schon seit Jahren perfektioniert: Sie beklagt, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Wenn Alexander Gauland "jagen" sagt, folge ein Aufschrei, dabei habe doch Politiker XY etwas Ähnliches gesagt - in diesem Fall kramt sie einen Tweet von Ralf Stegner aus dem Mai 2016 hervor, in dem der SPD-Mann "Personen und Personal der Rechtspopulisten attackieren" wollte.

Schuld am Frust der Menschen habe sowieso nicht die AfD, sondern die Regierung. Wegen ihrer Asylpolitik. Die AfD sei die einzige Partei, die diese "Rechtsbrüche" offen anspreche - und das sei mittlerweile gefährlich, sagt Weidel, während sie in Armlänge eines Mannes sitzt, der ein Messer am Hals hatte, weil er Flüchtlinge in seine Stadt geholt hat.

Den weiteren Auftritt der AfD-Frau illustriert folgendes Kurzprotokoll recht zutreffend:

Alice Weidel um 23.05 Uhr zu Sandra Maischberger: "Man muss zu einem Modus Vivendi kommen, in dem man sachlich diskutieren kann."

Alice Weidel um 23.49 Uhr zu Christian Pfeiffer, der sachlich über das höhere Anzeigeverhalten gegen Angehörige ethnischer Minderheiten redete: "Sie haben von Statistik keine Ahnung. (…) Kriminologe, das spottet jeder Beschreibung!"

Sachliche Diskussion, das heißt nicht nur für Weidel, sondern für einen - Achtung, gefühlte Wahrheit - zunehmenden Teil der Deutschen: Ich komme mit all meinen Positionen durch, egal wie evident falsch, abseitig oder menschenverachtend sie sein mögen.

Offensichtlich fehlt es mittlerweile an einem Konsens, wie in Deutschland über was diskutiert werden kann. Andreas Hollstein versuchte es, sprach von Anstand, um Niedrigschwelliges, wie er es nannte: "Verklage ich meinen Nachbarn gleich oder rede ich mit ihm? Nenne ich einen Gemeinderat auf Facebook gleich einen Idioten?"

Es verhallte im politischen Streit zwischen Maas und Weidel, zwischen Netzwerkdurchsetzungsgesetz und der Meinungsfreiheit, die es angeblich beschneidet. Verfassungswidrig, wetterte Weidel.

Rechtsbruch, so wie die Grenzöffnung 2015. Darunter geht es nicht mehr in der Debatte. Vielleicht verroht Deutschland nicht, aber seine Debatten scheinen zu überhitzen. Wie als Erinnerung, was wichtig ist, sagt Maischberger dann diesen Satz, ganz am Schluss, zur Verabschiedung an Andreas Hollstein. "Ich freue mich, dass sie leben."

Deutschland ohne Regierung. Deutschland auf dem Weg zur Neuauflage der großen Koalition. Oder gar auf dem Weg zu einer instabilen Minderheitsregierung. Manche sehen in der derzeitigen politischen Situation eine veritable Systemkrise. Doch bei Anne Will kam am Sonntagabend bei Thema große Koalition wenig Spannung auf.