Ein Klimaexperte erläutert bei Sandra Maischberger, wie mit dem Amazonas gerade auch das Pariser Abkommen in Rauch aufgeht – aber die Gastgeberin hat noch dringend ein paar andere Sachen abzuarbeiten. Eine TV-Talkshow wie ADHS.

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Wäre Sandra Maischberger doch sitzengeblieben. Hätte sie doch nachgehakt. Sie hatte ja begriffen, was Karsten Brandt ihr gerade gesagt hatte.

Der Klimaforscher war am Mittwochabend in Maischbergers Sendung gekommen, um zu erklären, was der brennende Amazonas eigentlich bedeutet für die Welt, und er erklärte es gut.

Ohne moralischen Zeigefinger, aber auch ohne Beschönigung. Die Brände verschlimmern den Treibhauseffekt, die Böden erodieren, schon in der übernächsten Generation könnte es keinen echten Regenwald mehr geben.

Maischberger: Bestes Aufklärungsfernsehen zu später Stunde

Nein, nicht alle Brandroder sind böse, sie wollen eine Chance auf den Reichtum, den der Norden jahrhundertelang auch auf ihre Kosten angehäuft hat. Und nein, ein Rindersteak weniger pro Woche wird das Problem nicht lösen.

Bestes Aufklärungsfernsehen zu später Stunde, ohne Einspieler, ohne Schnickschnack, einfach nur im konzentrierten Gespräch.

Mit einem Forscher übrigens, der die Bedeutung des Co2-Ausstoßes für den Klimawandel für überschätzt hält. Und trotzdem sagt: "Das Pariser Klimabkommen löst sich in Rauch auf."

Was es denn bedeute, wenn die Regenwälder Amazonas verloren gingen, wollte Maischerger wissen. "Global gesehen reden wir dann nicht von 2 Grad Erwärmung, sondern von vier, sechs, acht Grad." - "Oh", sagte die Moderatorin, stellte noch eine kurze Frage – und sprang auf.

"Herr Brandt, großes Thema, gute Hinweise. Danke." Die Welt geht also unter, aber wir müssen jetzt weitermachen mit den nächsten Themen.

Eine Sendung wie eine Facebook-Timeline

Viel ist schon gesagt und geschrieben worden über das neue Format, das Sandra Maischberger derzeit ausprobiert. Die Ausgabe vom Mittwochabend verfestigt den Eindruck: "maischberger. die woche." hat eine Stärke, das Eins-zu-Eins-Interview, und es hat Schwächen, nämlich den ganzen Rest.

Offenbar hält es die Redaktion für modernes Fernsehen, wenn sie einfach die Reizüberflutung simuliert, der sich ein durchschnittlicher Internetnutzer den lieben langen Tag lang aussetzt.

Ein unbewusster Klick auf Facebook, irgendein Filmchen gestartet, krass, die Heißzeit wird die Erde unbewohnbar machen, parallel den neuen Böhmermann auf YouTube geschaut, worum ging's nochmal?

Maischberger: Vom Themen-Häppchen zu Themen-Äppchen

"Oh, ein Eichhörnchen!", wird im Internet gern gepostet, um von einem Thema abzulenken und mit der digitalen Zerstreutheit zu kokettieren. Maischberger überträgt dieses Konzept in die deutsche Talkshow.

Die acht Grad Erwärmung, die Maischberger immerhin ein "Oh" entlockt haben, reichen noch für ein, zwei Fragen an die drei Experten im Studio, dann ist die Wirkung verpufft, weiter geht’s zum nächsten Themen-Häppchen.

Welche Rolle ARD-Börsenfrau Anja Kohl, Moderator Michel Friedman und "Welt"-Journalistin Susanne Gaschke genau spielen sollen im Sendungskonzept, scheint ihnen selbst unklar, einfach auf die Fragen antworten wäre ein Anfang, aber auch das gerät zur Herausforderung.

Gerade noch hat die Gastgeberin Susanne Gaschke getadelt, weil sie "zu schnell" über die SPD reden wollte – dann leitet Maischberger plötzlich so schnell ins nächste Thema über, das Gaschke gar nicht mehr weiß, worum es in der Diskussion gerade geht.

Aha, also doch SPD, da kennt sich die ehemalige SPD-Oberbürgermeisterin von Kiel aus, die Landtagswahlen werden "der Horror", die 19 Kandidaten für den Vorsitz sind ein "Irrsinn", wie einen Wanderzirkus stellt sie sich das vor, der dann vor den SPD-Rentnern auftritt.

"Oh, das ist böse", wirft Maischberger ein und gleich das nächste Stöckchen in die Runde: "Aber das ist doch Demokratie, Herr Friedman." Und der ist schon gleich wieder bei der angeblich nächsten Volkspartei, den Grünen.

Nein, doch wieder bei Olaf Scholz und dessen Rückzieher vom Rückzieher in Sachen SPD-Vorsitz. "Man fragt sich, was er zuerst vernachlässigt: Vizekanzler, Finanzminister oder doch die Partei?" Politische Analyse nach dem Prinzip Katzen-GIF: Kurzweilig und dann schnell wieder vergessen.

Millionen zählen mit Malu Dreyer

"Wir haben den Überblick verloren, Frau Dreyer", begrüßt Sandra Maischberger ihren nächsten Gast, SPD-Interimschefin Malu Dreyer, meint damit aber nicht ihre Sendung, sondern den Kampf um den Vorsitz bei den Genossen.

Dreyer, offenbar noch kein Opfer der digitalen Demenz, kennt alle Namen der Kandidaten auf dem großen Bildschirm, was Maischberger sichtlich Respekt abringt.

Noch einmal macht die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz klar, warum sie persönlich nicht SPD-Chefin werden will: "Die Aufgaben sind so anders, dass ich meinem Land nicht gerecht werden könnte."

Die Wahl des neuen Vorsitzenden oder der neuen Vorsitzenden sieht sie nicht als Richtungsentscheidung für oder gegen die Groko. "Wir haben gesagt, wie wir das machen wollen, nämlich mit der Halbzeitbilanz."

Inhaltlich rammen die Sozialdemokraten aber einige Pflöcke ein, auch mit der Forderung nach einer Vermögenssteuer, die der Gastgeberin allerdings noch nicht konkret genug ist, weil die SPD "Multimillionäre und Milliardären" besteuern will, aber keine genaue Grenze nennt.

Dreyer quittiert das sichtlich und hörbar genervt: "Ich finde, es ist nicht ganz so schwer zu verstehen, was ein Multimillionär ist."

Dreyer möchte mit der SPD endlich wieder in die Offensive kommen, man merkt das, schließlich bereite ihr die Lage ihrer Partei "schlaflose Nächte", wie sie zugibt. Welchem Hoffnungsträger sie ihre Stimme geben wird, verrät sie allerdings nicht.

Gysi stichelt gegen die SPD

Vielleicht einem wie Gregor Gysi? Der Ex-Fraktionschef der Linkspartei war als letzter Gast gekommen, um zu frotzeln, und empfahl der SPD einen Typ von seinem Kaliber als Vorsitzenden – und ein Ende der Koalition mit der CDU.

Fast würde er es selbst machen, weil er als Anwalt immer mit Klienten mit Problemen konfrontiert gewesen sei "Und die SPD hat so viele Probleme, dass sie anfängt, mich zu interessieren."

Maischberger hat Gysi allerdings nicht als Komiker eingeladen, sondern als Ossi-Deuter im Hinblick auf die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg am Sonntag – und ein altes Zitat aus dem Jahr 1989 ausgegraben, in dem Gysi vor der Vereinigung warnt, weil die DDR damit zum Armenhaus der BRD werde.

"Ein bisschen" Recht habe er damit behalten, sagt Gysi, und zählt einige Fehler von damals auf, die bis heute nachwirken.

Der neue Staat habe einfach die alten BRD-Symbole wie die Fahne und die Hymne behalten, die Treuhand sei eine Katastrophe gewesen – und die Westdeutschen "konnten nicht aufhören zu siegen", statt zu schauen, welche Errungenschaften sie aus der DDR hätten übernehmen können im gemeinsamen Staat.

Es war eine differenzierte Analyse, die Gysi da vorlegte. Zwischendrin wedelte Maischberger mit dem aktuellen Cover des "Spiegel" vor seiner Nase herum, einer der Aufreger der vergangenen Woche.

Es zeigt einen Deutschlandhut wie den des "Hutbürgers" ("Sie begehen eine Straftat!") zur Zeile "So isser, der Ossi", was für Empörung im Netz sorgte – während die Story an sich, eine behutsame Suche nach den Gründen für die Stärke der AfD im Osten, völlig unterging.

Dabei lohnt es sich, die seitenlange Geschichte zu lesen. So wie es sich für Maischberger gelohnt hätte, sich 75 Minuten lang mit dem Amazonas und den acht Grad Erwärmung zu beschäftigen. Aber dafür hätte man sich ja konzentr … oh, ein Eichhörnchen!

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