Umwelttalk bei Sandra Maischberger: Ein Kunststoff-Lobbyist und eine abwiegelnde CDU-Ministerin bringen Schauspieler Hannes Jaenicke aus der Fassung. Ein Mediziner warnt trotz möglicher Risiken durch Mikroplastik im Körper vor Panikmache.

Eine Kritik
von Thomas Fritz, Freier Autor

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Nachdem die Kontroverse um Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen die Talkshows der vergangenen Tage bestimmt hatte, widmete sich Sandra Maischberger einem ganz anderem Thema: den Gefahren durch Plastikmüll und Mikroplastik.

Ein Thema, das die Menschheit wahrscheinlich noch beschäftigen wird, wenn der Name Hans-Georg Maaßen längst in Vergessenheit geraten ist.

Worum geht es?

In 30 Jahren soll es laut einer Studie mehr Plastikmüll als Fische im Meer geben. Die Deutschen nehmen beim Verbrauch von Plastikmüll mit 220,5 Kilogramm europaweit den fragwürdigen Spitzenplatz ein. Und wir nehmen sogar durch Mineralwasser kleinste Plastikpartikel auf - mit derzeit nicht vorhersehbaren Folgen für die Gesundheit.

Diese Aufzählung zeigt, dass die Vermüllung der Umwelt eine der drängendsten Fragen unserer Zeit ist. Der Titel von Sandra Maischbergers Sendung kam daher recht alarmistisch daher: "Der Plastikfluch: billig, praktisch, gefährlich".

Wer waren die Gäste?

Hannes Jaenicke: Der Schauspieler und Umweltaktivist ist ein Mann der klaren Worte. "Der Mensch ist eine dumme Sau. Es ist zum Heulen", sagt er angesichts des Mülls, den er bei einer Aktion in Kroatien eingesammelt hatte. "Wir leben in einer Lobbykratie, die sich Demokratie nennt", kommentierte er den Unwillen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Verboten etwas gegen das Müllproblem zu unternehmen.

Die 30-Prozent-Recyclingquote von Plastikabfällen in Deutschland nannte er "erbärmlich". Und die aus seiner Sicht tatenlosen Vertreter aus Politik und Kunststoffindustrie ging er mit den Worten an: "Ich lass mich doch nicht verarschen." Fazit: Etwas krawallig, aber unterhaltsam.

Ranga Yogeshwar: Der ARD-Wissenschaftsmoderator fordert wie Jaenicke ein radikales Umdenken. Ein Verbot von Plastiktüten, eine höhere Recyclingquote und einen höheren Mehrweganteil. "Ja wir haben allen Grund zu dramatisieren", sagte er. "Wir häufen unsere Sünden an."

Einige Plastikflaschen könnten sich 500 Jahre lang halten. Als gutes Beispiel nannte er Bangladesch, wo Plastiktüten verboten wurden, weil sie zur Monsunzeit immer die Kanalisation verstopft hatten. "Brauchen wir in Deutschland einen Monsun?", fragte er zuspitzend, "bis etwas passiert."

Rüdiger Baunemann: Der Cheflobbyist der Kunststoffindustrie pries den Kunststoff an. Autos und Flugzeuge würden leichter gemacht und damit Sprit sparen. In der Medizin sei Kunststoff nicht mehr wegzudenken.

Baunemann räumte zwar ein, dass auch er unnötige Mehrfachverpackungen für überflüssig hält. Grundsätzlich würde die Industrie aber liefern, "was die Verbraucher nachfragen". Ein Grund für die wachsende Verpackungsflut in Deutschland sind in seinen Augen auch Singlehaushalte, deren Zahl seit Jahren steigt.

Kerstin Etzenbach-Effers: Die Verbraucherschützerin aus NRW widersprach dem Lobbyisten vehement. Sie zitierte eine aktuelle Umfrage, laut der 90 Prozent der Verbraucher überverpackte Lebensmittel gar nicht wollen. "Verbrauchern wird es nicht leicht gemacht, Plastikmüll zu sparen", monierte sie.

Supermärkte hätten einen großen Anteil an der Misere. Bioware würde oft verpackt, damit sie von konventioneller Ware zu unterscheiden ist . Die Industrie habe "immer eine Erklärung, warum sie es so machen, aber nötig ist es nicht".

Ursula Heinen-Esser: Die nordrhein-westfälische Umweltministerin (CDU) wehrte sich gegen Verbote, macht sich aber für eine Verschärfung des Ordnungsrechts stark. Zum Beispiel bei der Regulierung von unnötigen Mehrfachverpackungen. Sie wies darauf hin, dass Verbote ungewisse Folgen haben könnten.

Sie zweifelte an, ob ein Bambusbecher mit einem synthetischen Kunstharz tatsächlich so viel besser sei als ein herkömmlicher Coffee-To-Go-Becher aus Kunststoff. "Man muss schauen, wohin man lenkt", sagte Heinen-Esser.

Prof. Dr. Gilbert Schönfelder: Von dem Mediziner und Toxikologen erhoffte sich Maischberger konkrete Auskünfte, wie gefährlich die Aufnahme von Mikroplastik für den menschlichen Organismus ist. Der Experte von der Berliner Charité blieb aber vage. "Eine solide Risikobewertung ist nicht möglich wegen fehlender Daten."

Die aufgenommenen Mengen seien womöglich nicht ausreichend, um schädlich zu sein, erklärt er. Er mahnte die Öffentlichkeit, zwischen Gefahr und Risiko richtig zu unterscheiden.

Was war das Rededuell des Abends?

Es gab unzählige Momente, in denen Hannes Jaenicke der Kragen zu platzen schien. Als CDU-Frau Heiner-Essen betonte, der Verbrauch von Plastiktüten gehe in Deutschland zurück, fiel er ihr ins Wort. "Sieben Milliarden pro Jahr!".

Die Ministerin fuhr fort. "Nicht so schnell, aber er geht nachweislich zurück." Und wieder wiederholte Jaenicke seine Zahl. Dabei schüttelte er mit dem Kopf und schaute sein Gegenüber verächtlich an.

Im Übrigen lag der jährliche Verbrauch von Plastiktüten zur Jahrtausendwende bei sieben Milliarden. 2017 kauften die Deutschen "nur" noch 2,7 Milliarden Tüten.

Was war der Moment des Abends?

Eine Umweltministerin, die sich so anhört, als liege ihr die Umwelt nicht wirklich am Herzen. Maischberger fragt CDU-Frau Heiner-Essen, warum sie Tüten in Deutschland nicht verbieten wolle, wie es beispielsweise Ruanda getan hat.

"Weil sie schon Möglichkeiten schaffen müssen, Plastiktüten mitzunehmen. Wenn sie sie wiederverwenden, sind sie ja nicht immer gleich schlecht."

Was ist das Ergebnis?

Der Plastikmüll muss reduziert werden. Zumindest dies war von Hannes Jaenicke bis Lobbyist Rüdiger Baunemann Konsens. Nur wie? Durch Verbote? Appelle an die Industrie? Bessere Aufklärung der Verbraucher? Die EU will künftig unter anderem Plastikgeschirr und -besteck verbieten lassen.

Ranga Yogeshwar wies darauf hin, Kunststoff nicht grundsätzlich zu verteufeln. Es gebe natürlich auch gutes Plastik, beispielsweise in der Medizin. Der Wissenschaftsmoderator, der sich seit 30 Jahren mit dem Thema beschäftigt, erwartet wie Jaenicke und Verbraucherschützerin Etzenbach-Effers mehr Engagement von Politik und Industrie. Ihm ist es zu einfach, wenn die Politik sagt, die Verbraucher müssten etwas tun.

Jaenicke gab den Zuschauern noch ein paar ganz praktische Tipps mit auf den Weg. Mit einem Sodasprudler spart er hunderte Plastikflaschen im Jahr. Und auch die viel diskutierte Plastiktüte ist für ihn ein No-Go.

Mit diesen Maßnahmen könnte jeder sofort etwas zur Müllvermeidung beitragen, ohne auf Maßnahmen von Politik und Wirtschaft warten zu müssen.

Bei Maischberger ging es – mal wieder – um den Brexit. Doch die Debatte wurde überlagert vom Streit von SPD-Politiker Martin Schulz und der österreichischen Rechtspopulistin Petra Steger. Es stand ein Nazi-Vorwurf im Raum.