Ernst aber besonnen sprechen die Gäste von Maybrit Illner erstmals vor leeren Rängen über die Situation im Land. Die Folgen des Coronavirus sind inzwischen dramatisch. Virologe Christian Drosten betont jedoch: Deutschland habe früh und gut auf das Virus reagiert. Und Finanzminister Scholz gibt ein Versprechen.

Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch, Freier Autor

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Das Coronavirus hat am Donnerstagabend auch ganz konkrete Folgen für die Sendung von Maybrit Illner: Erstmals fehlt im Studio das Publikum. Ohne Applaus und entsprechend gespenstisch läuft die Diskussion ab – und steht damit symbolisch für die Situation im ganzen Land.

Was war das Thema?

Auch wenn die gesundheitliche Gefahr für viele Menschen noch abstrakt ist: Das Coronavirus hat Deutschland und praktisch die ganze Welt spätestens seit dieser Woche fest im Griff. Die Börse erlebt den zweitgrößten Tagesabsturz der Geschichte, das öffentliche Leben wird jeden Tag weiter eingeschränkt, immer mehr Länder verbieten die Einreise. Wie sehr gefährdet die Pandemie auch Wohlstand und Arbeitsplätze? Und müssten die deutschen Behörden zu noch drastischeren Mitteln greifen, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern? Das will Maybrit Illner von ihren Gästen wissen. Thema der Sendung: "Erhöhte Ansteckungsgefahr – Gesundheit schützen, Jobs riskieren?"

Wer sind die Gäste?

Christian Drosten: Deutschlands bekanntester Virologe bleibt sich an diesem Abend treu: Er mahnt zu Vorsicht, rät aber nicht zu besonders weitreichenden Maßnahmen wie flächendeckenden Schulschließungen: "Wir verlieren auch Menschenleben, wenn Krankenpfleger, Ärztinnen und Ärzte nicht zur Arbeit gehen können, weil sie Kinder zu Hause haben", sagt der Mediziner der Berliner Charité

Hildegard Müller: Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie vertritt eine Branche, die vor allem unter den Auswirkungen auf den Welthandel leidet. Dass US-Präsident Donald Trump die Grenzen für Europäer vorübergehend geschlossen hat, findet sie "widersinnig. "Es wird Bremsspuren geben", sagt Müller – und das gelte auch für Arbeitsplätze.

Valerie Haller: Die ZDF-Börsenexpertin rechnet mit einer Rezession in diesem Halbjahr – vielleicht auch noch im zweiten. Mit der Finanzkrise sei die jetzige Situation nicht zu vergleichen, glaubt Haller – allerdings: "Was wir aus der Finanzkrise gelernt haben, ist, dass ein beherztes Eingreifen von Staaten und Notenbanken hilft.

Olaf Scholz: Das würde wohl auch der Bundesfinanzminister unterschreiben. Scholz hat an diesem Abend vor allem eine Botschaft: Der Staat habe genügend finanzielle Rücklagen, um die Situation zu meistern: "Wir können allen helfen und wir werden es auch", verspricht der SPD-Politiker.

Svenja Flaßpöhler: Die Chefredakteurin des "Philosophie Magazins" sieht in der Coronakrise eine spiegelbildliche Situation im Vergleich zur Klimaschutzdiskussion: Wenn es um das Klima geht, fordern die jungen Menschen die Mithilfe der Älteren. Jetzt sei es andersherum, da das Virus vor allem älteren Menschen gefährlich werden kann: "Ich denke, dass man von jungen Leuten erwarten kann, dass sie auf Spaß verzichten und sich solidarisch zeigen."

Was war der Moment des Abends?

Christian Drosten war als Berliner Institutsdirektor für Virologie vor ein paar Monaten nur Fachleuten bekannt. Jetzt ist er in kurzer Zeit zum Prominenten geworden und muss erfahren, wie genau seine Äußerungen in der Öffentlichkeit verfolgt und diskutiert werden. Vor zwei Wochen hatte der Experte in dieser Sendung noch spekuliert, in den wärmeren Monaten könnte sich die Ausbreitung des Virus verlangsamen. Inzwischen ist er da nicht mehr sicher.

Trotzdem dürfte es vielen Zuschauern zumindest ein bisschen Ruhe verschaffen, dass Drosten weiterhin nicht den Teufel an die Wand malt. Schon zu Beginn der Sendung sagt er: "Wir müssen uns erstmal klarmachen, dass wir das Geschehen viel früher und besser bemerkt haben als unsere Nachbarn." Dass die Zahl der Todesfälle in Deutschland noch viel niedriger ist als etwa in Italien, führt er auch auf die gute Vorbereitung des hiesigen Gesundheitswesens zurück.

Was war das Rededuell des Abends?

"Das ist jetzt nicht die Situation, in der die Bürger wissen möchten, wer sich mit wem streitet", sagt Olaf Scholz. Auch in der Runde gibt es praktisch keine Meinungsverschiedenheiten – zumindest bis fast zum Ende. Da sagt die Philosophin Svenja Flaßpöhler, sie wolle nicht, dass Unternehmen pleitegehen oder Menschen arbeitslos werden. "Nichtsdestotrotz ist es natürlich aus ökologischer Perspektive wunderbar, dass die Leute nicht fliegen und wir gerade unser Verhalten radikal ändern und nicht so viel konsumieren."

Damit stößt sie auf Widerspruch von Hildegard Müller – die Vertreterin der Automobilbranche bittet um Vorsicht: "Ich warne davor, solche vermeintlich positiven Botschaften jetzt zu ziehen. Die Folgen, die aus Arbeitslosigkeit entstehen, können dramatisch sein für die Weltbevölkerung und auch für unser Land."

Was ist das Ergebnis?

Es ist die Runde der kühlen Köpfe – und das ist zunächst ein gutes Zeichen. In Deutschland nehmen die Mächtigen die Lage ernst, ohne den Kopf zu verlieren. Das hat die Runde vor den leeren Rängen sehr eindrucksvoll demonstriert.

Auch Maybrit Illner unternimmt nicht den Versuch, Panik zu schüren. Allerdings muss es trotzdem möglich sein, kritisch nachzuhaken. Ist es zum Beispiel wirklich glaubwürdig, wenn der Finanzminister sinngemäß betont, es sei Geld für alle da? Sind die wirtschaftlichen Folgen nicht viel zu schwer abzuschätzen, um solche Versprechen zu machen? Hier wäre ein bisschen mehr Widerspruch sinnvoll gewesen – bei aller Liebe zur Besonnenheit.

USA schließen die Grenzen für Europäer - mit Ausnahme der Briten

US-Präsident Donald Trump ergreift im Kampf gegen das Coronavirus drastische Maßnahmen: Wer sich die vergangenen Wochen in einem Schengen-Staat aufgehalten hat, darf nicht mehr einreisen. Einzige Ausnahme ist Großbritannien. (Teaserbild: Doug Mills/Pool The New York Times/AP/dpa)