• Noch wähnt sich Russlands Präsident Wladimir Putin fest im Sattel, doch das könnte sich schnell ändern, meint Politikwissenschaftler Johannes Varwick.
  • Weil in dem Krieg für den Kreml nichts zu gewinnen sei, dürfte Putin aus seiner Sicht innenpolitisch bald unter Druck geraten.
  • Wie es dann in Russland weitergehen könnte, und wann der Westen Sanktionen wieder aufheben sollte.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzung der Autorin bzw. des zu Wort kommenden Experten einfließt. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Es ist noch nicht lange her, da lautete eine Schlagzeile aus Russland: "Putin könnte noch bis 2036 regieren." Durch eine Verfassungsänderung im vergangenen Jahr hatte der Kreml-Chef seinen Machterhalt ermöglicht. Heute bestimmt der russische Präsident auf andere Weise die Medien weltweit: mit einem blutigen Krieg.

Mitte vergangener Woche hatte Russland die Ukraine überfallen und das Land von mehreren Seiten angegriffen. Seither gehen schreckliche Bilder von Bombenangriffen, flüchtenden Menschen und Panzern in der europäischen Hauptstadt Kiew um die Welt.

Von der Leyen: "Er muss und er wird scheitern"

Die Sanktionspolitik des Westens hat den Kreml-Chef bislang kaltgelassen, wie er in naher Zukunft handeln wird, mag kaum ein Experte vorherzusagen. Während Russland und die Ukraine vermelden, sich zu Friedensverhandlungen an der ukrainisch-belarussischen Grenze treffen zu wollen, versetzte Putin jüngst seine atomaren Abschreckungswaffen in Alarmbereitschaft.

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Das Handeln des russischen Präsidenten verurteilt aktuell fast die gesamte Weltgemeinschaft aufs Schärfste. Putin werde einen "bitteren Preis zahlen", kündigte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) an, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte, der russische Präsident "muss und er wird scheitern" und US-Präsident Joe Biden stellte klar: "Das ist Putins Krieg, jetzt wird er die Konsequenzen tragen."

Krieg gegen die Ukraine: Russland steht einsam da

Die vom Westen verhängten, beispiellosen Sanktionen zielen vor allem darauf, Russland ökonomisch zu isolieren und zu schwächen. Zwar hat Chinas Staatschef Xi Jinping, der Putin zuletzt viel Rückenwind gab, Russlands Angriff bislang nicht als "Invasion" bezeichnen wollen und durch Enthaltung auch im Sicherheitsrat eine UN-Resolution gegen Moskau nicht unterstützt. Dennoch steht Russland außenpolitisch immer isolierter da.

In die EU dürfen Putin und Hunderte russische Abgeordnete nicht mehr einreisen, auch Japan und Australien haben Sanktionen verhängt.

Aus Sicht von Politikwissenschaftler Johannes Varwick gibt es nun zwei Szenarien: "Entweder gibt es nun eine relativ schnelle militärische Niederlage der ukrainischen Regierung mit einem russischen Besatzungssystem inklusive Partisanenkrieg und Widerstand. Oder es gibt einen längeren blutigen Krieg, der gewissermaßen in einer Art Pattsituation mündet", sagt er.

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Experte: "Putin wird unter Druck geraten"

In beiden Situationen habe Russland aber extrem schlechte Karten, Putin habe sich ein Volk von 40 Millionen Menschen ohne Not zum Feind gemacht. "Russland kann deshalb bei seinem aktuellen Vorgehen nichts gewinnen", betont der Experte.

Die Geschichte lehre deshalb, wie es für Machthaber ausgehe, die einen Krieg anzettelten, in dem man nichts gewinnen könne. "Putin wird innenpolitisch in den nächsten Monaten und Jahren extrem unter Druck geraten", ist sich Varwick sicher.

Dabei rechnet er allerdings neben erheblichem Protest aus der Bevölkerung, vor allem mit Widerstand aus der russischen Machtelite selbst. "Sie fürchtet durch Putins Irrweg um ihre Pfründe", sagt Varwick.

Dass das Regime um Putin einfach weggefegt werde und ähnlich wie auf dem Maidan 2014 am Ende eine Demokratie stehe, hält er für unwahrscheinlich. Auch sieht er nicht, dass nun die demokratische Stunde eines Oppositionellen schlägt.

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Friedensdemo in Berlin: Hunderttausende protestieren gegen den Krieg in der Ukraine

Sie demonstrieren gegen den Krieg in der Ukraine. Mindestens 100.000 Menschen gingen am Sonntag in Berlin auf die Straßen. Das Veranstalterbündnis geht von einer halben Million aus.

Widerstand aus der Bevölkerung? Und dann?

"Russland hat Widerstand einkalkuliert, auch internationale Isolation war erwartbar", erinnert Varwick. Dennoch sei die Breite der internationalen Proteste ein Stück weit überraschend gewesen.

"Das kann Putin nicht lange im Amt durchhalten", meint Varwick deshalb. Das Machtvakuum dürfte aus seiner Sicht von jemandem aus der jetzigen Führung gefüllt werden, der einen moderaten Schwenk mache.

"Nicht hin zu einer lupenreinen Demokratie, aber eine Korrektur des putinschen Irrwegs", erklärt Varwick. Für diese Stunde müsse der Westen sich jetzt vorbereiten.

"Wir dürfen nicht alle Kanäle nach Russland abbrechen – auch, wenn dieser Reflex jetzt verständlich sein mag", betont er. Empörung sei nicht der beste Ratgeber.

"Wir müssen kühl schauen, wie wir Russland den Weg vom Baum herunterhelfen können", meint Varwick. Das werde nicht mit Putin gehen, sei aber mit einem Nachfolger in Russland möglich.

"Diesem müssen wir dann gesichtswahrende Optionen offenhalten", betont der Politikwissenschaftler. Auch Sanktionen müssten dann schnell aufgehoben werden.

"Wir müssen signalisieren: Wir haben keine Feindschaft mit dem russischen Volk und wollen uns nicht grundsätzlich entkoppeln – sondern nur mit dieser Regierung", so Varwick.

Gesprächskanäle offenhalten

Ähnliche Töne waren aus der EU gekommen. So hatte der französische Präsident Macron gesagt: "Putin hat sich für den Krieg entschieden, und daraus müssen wir die Konsequenzen ziehen."

Zugleich müsse man den Weg des Gesprächs offenhalten, damit ein Ende der Feindseligkeiten erreicht werden könne, wenn die Bedingungen erfüllt seien. Auch Varwick hält es für den besseren Weg, Kooperationschancen entschlossen zu nutzen, sobald sie sich wieder ergeben.

"Wir müssen als Alternative zu einer nuklearen Eskalation frühzeitig in Kompromisslinien denken. Es kann nicht darum gehen, Russland gewissermaßen niederzuringen, es kann nur darum gehen, eine nukleare Eskalation zu vermeiden", betont der Experte.

Dennoch dürfte, auch wenn sich die Situation wieder beruhigt, eine gewisse Zäsur eintreten: In vielen Ländern ist die Diskussion, wie man sich von russischem Gas unabhängig machen kann, bereits in vollem Gange

Varwick sicher: Russland wird Schaden davontragen

"Das Verhältnis zu Russland wird sich für viele Partner neu sortieren – zum massiven Schaden Russlands", sagt auch Varwick. Russland sei extrem abhängig von westlichen Energiefinanzen, es bestehe nur noch ein kleines Zeitfenster, bis sich alle neu orientierten. "Das Vertrauen ist komplett weg, das kann eigentlich kaum korrigiert werden", gibt er zu.

Dennoch sollte der Westen Russland auch klarmachen: "Wenn ihr euch wieder an die Spielregeln haltet, dann sitzen wir nicht auf einem hohen moralischen Ross, sondern dann reichen wir euch die Hand." Und dazu gehöre auch, die Interessen Russlands zu berücksichtigen und sich nicht vollkommen ökonomisch vom russischen Markt abzukehren.

Über den Experten: Prof. Dr. Johannes Varwick ist Politikwissenschaftler und Professor für Internationale Beziehungen und europäische Politik an der Universität Halle-Wittenberg.
Ukraine-Krieg - Butscha
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