Bei der US-Wahl spielen die Familien der Kandidaten eine entscheidende Rolle – im Guten wie im Schlechten. Für Hillary Clinton ist sie eher eine Belastung, für Donald Trump ein wichtiger Faktor im Wahlkampf.

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Lange war sie von der Bildfläche verschwunden, doch am Donnerstag ist sie wieder aufgetaucht - die Frau, die bald First Lady sein soll, wenn es nach Donald Trump und seinen Anhängern geht. Melania Trump sprach in einem Vorort von Philadelphia, mit ihrem Auftritt warb sie um die Stimmen der weißen, gut verdienenden Frauen, die eigentlich gern einen Republikaner im Weißen Haus sehen würden – nur eben keinen Frauenhasser.

Auf dem Höhepunkt des Wahlkampfes bräuchten beide Kandidaten Unterstützer, die für sie sprechen, sagt der Politikwissenschaftler Martin Thunert vom Heidelberg Center for American Studies. "Gerade mit Unbeliebtheitswerten, wie Donald Trump und Hillary Clinton sie haben."

Während Trump dabei die Unterstützung seiner Familie sucht, wird sie für Clinton spätestens mit dem erneuten Aufflammen der E-Mail-Affäre zur Belastung. "Seit vier, fünf Wochen ist die Familie kein Trumpf mehr für Hillary Clinton", sagt USA-Experte Thunert.

Tochter Ivanka als Geheimwaffe

Dass die Einbindung der Verwandten in den Wahlkampf nach hinten losgehen kann, musste Donald Trump auf dem Nominierungsparteitag im Juli erfahren. Seine Frau hielt eine engagierte Rede – die sich als dreiste Kopie einer Rede von Michelle Obama entpuppte. Danach absolvierte Melania Trump nur noch vereinzelte TV-Interviews.

Sie habe es ohnehin schwer, so Thunert: "Sie ist keine gebürtige Amerikanerin, spricht Englisch mit starkem Akzent, wirkt in Interviews langsam." Das Institut Gallup bescheinigte ihr die niedrigsten Beliebtheitswerte aller potenziellen First Ladys seit der ersten Erhebung 1992.

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In ihrer Rede am Donnerstag kündigte Melania Trump an, sich für den respektvollen Umgang miteinander in den USA einzusetzen. Über die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen ihren Mann schwieg sie, betonte aber, was für ein liebevoller Familienmensch er sei.

Zu verlieren hat Trump bei den Wählerinnen ohnehin nichts mehr. Die Analyse-Gurus von "Fivethirtyeight.com" rechneten jüngst aus, dass Clinton mit 458 zu 80 Wahlmännerstimmen gewinnen würde, wenn nur Frauen wählen dürften. "Melanias Einsatz war wahrscheinlich eine spontane Aktion", glaubt Thunert, "unter dem Motto: Schaden kann sie nicht."

Die bessere Wahlhelferin gibt ohnehin Tochter Ivanka ab. "Sie kann glaubwürdig berichten, wie ihr Vater Frauen behandelt – sie arbeitet mit ihm zusammen und kennt Frauen, die mit ihm zusammenarbeiten", sagt Thunert. Außerdem habe sie ihren Vater von Vorwürfen des Antisemitismus entlastet, schließlich ist sie selbst ihrem Mann Jared Kushner zuliebe zum Judentum konvertiert.

Thunert war in den vergangenen Tagen in den USA unterwegs und hat sich viele Reden Trumps angesehen. Er hält ihn für fokussierter als noch am Anfang des Wahlkampfs und führt das auf den mäßigenden Einfluss von Ivanka und ihrem Mann zurück. "Bei einem, der so beratungsresistent ist, spielt das Vertrauensverhältnis eine wichtige Rolle."

Bill Clinton ist ein Problem

Ein enges Verhältnis pflegen auch die Clintons – und gerade das wird im Endspurt zum Problem. Die US-Medien haben Hillary Clintons geleakte Mails nach Skandalen durchsucht und eine zumindest fragwürdige Praxis der Clinton Foundation zutage gefördert.

Die Stiftung wird oft nur noch "Bill Clinton Inc." genannt, ein Seitenhieb darauf, dass die vielen Millionen, die vor allem Bill Clinton mit Reden und Vorträgen verdiente, offenbar nicht nur in gemeinnützige Zwecke flossen. "Zumindest für den Zeitraum ab 2009 sieht es so aus, als könnten die Clintons Politik und Familiengeschäfte nicht trennen", meint Martin Thunert. "Viele Wähler glauben, dass sie sich bereichert haben."

Die Schlagzeilen drücken Hillary Clintons Umfragewerte. Dabei ist ihr Mann hinter den Kulissen extrem wertvoll. Die US-Seite "Politico" berichtete kürzlich, wie er einige Casino-Betreiber überredete, ihren Mitarbeitern freizugeben, damit sie bei den demokratischen Vorwahlen abstimmen konnten. Ein paar Anrufe des Ex-Präsidenten reichten aus.

Umgekehrt hielt das Wahlkampfteam es für angebracht, Bill Clinton von der großen Bühne fernzuhalten. Alles konnten die Helfer aber nicht verhindern. Obamacare, das vielleicht wichtigste Projekt der Demokraten in den letzten Jahren, bezeichnete er als "Chaos". "Das war Gift für den Wahlkampf", sagt Thunert.

Die gemeinsame Tochter Chelsea tritt zwar immer wieder bei Wahlkampfveranstaltungen auf, allerdings könne sie ihrer Mutter bei einer wichtigen Zielgruppe nicht mehr helfen, meint Thunert - bei den jungen Demokraten, die in den Vorwahlen für Bernie Sanders gestimmt haben und nun mühsam für Clinton mobilisiert werden müssen. "Früher ist Chelsea an die Universitäten gegangen, heute ist sie gerade für die jungen Studenten nicht mehr glaubwürdig - 36 Jahre alt, Mutter zweier Kinder, verheiratet mit einem Investmentbanker."

Eine weitere wichtige Wählerschicht, die Clinton Sorgen bereitet, sind die Afroamerikaner. Laut Umfragen werden sie in viel geringerer Zahl als noch 2012 ihre Stimme abgeben. Allerdings verfügt Clinton hier über einen Trumpf: "Ihr Wahlkampf greift weniger auf die Familie zurück, sie hat andere Figuren gefunden, die für sie bestimmte Wählerschichten ansprechen sollen", sagt Thunert. "Vor allem natürlich Barack und Michelle Obama." Beide haben hohe Popularitätswerte, vor allem unter schwarzen US-Amerikanern.

Clinton hat einige politische Schwergewichte, die sich für sie einsetzen – Friedensnobelpreisträger Al Gore etwa übernimmt das Thema Umwelt, der aktuelle Vizepräsident Joe Biden wirbt um die einfachen Arbeiter, die mehrheitlich den Republikanern wohlgesonnen sind.

Ganz anders die Lage bei Trump, der seine Partei so lange vor den Kopf gestoßen hat, dass hochrangige Politiker wie Paul Ryan, Chef des Abgeordnetenhauses, nicht mehr für ihn in den Ring steigen. "Trump verfügt über wenige glaubwürdige Menschen, die stellvertretend für ihn Wahlreden halten können", sagt Thunert. "Er hat nur seine Familie."