Die Auswertung der Präsidentschaftswahl in den USA zieht sich. Das hat mit den unterschiedlichen Regeln der Bundesstaaten zu tun – aber auch mit den besonderen Bedingungen in diesem Jahr.

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Geduld, Geduld, Geduld – das ist das Mantra von Kathy Boockvar, die im US-Bundesstaat Pennsylvania für die Auszählung der Präsidentschaftswahl zuständig ist. "Ich bitte alle um Geduld. Wir werden jede einzelne Stimme zählen", sagte sie in einer Ansprache.

Ob der Republikaner Donald Trump Präsident der USA bleibt oder der Demokrat Joe Biden ins Weiße Haus einzieht, steht auch am zweiten Tag nach der Wahl noch nicht fest. Zu erklären ist das zunächst mit dem Ablauf der Wahl: Der US-Präsident wird nicht auf Basis der landesweiten Stimmenzahl bestimmt. Stattdessen entscheiden die 538 Mitglieder des Electoral College. Die Zusammensetzung dieses Gremiums hängt von den Einzelergebnissen in den Bundesstaaten ab. Deswegen gibt es im Gegensatz zu Deutschland in den USA auch keinen Bundeswahlleiter. Vielmehr sind die Bundesstaaten für die Wahlen zuständig – mit zum Teil unterschiedlichen Regeln. Doch es gibt noch mehr Gründe für die langwierige Auszählung.

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US-Wahl: Längere Frist für Briefwahlstimmen

Wegen der Corona-Pandemie hat die Briefwahl in den USA in diesem Jahr eine besondere Rolle gespielt. Um lange Warteschlangen und zu viele Kontakte zu vermeiden, haben manche Bundesstaaten – wie etwa Nevada – automatisch jedem registrierten Wahlberechtigten die nötigen Unterlagen zugeschickt. Andere Staaten haben die Briefwahl zumindest erleichtert. Eine Rekordzahl von fast 65 Millionen Stimmen wurde daher auf dem Postweg abgegeben.

Wie und wann sie gezählt werden, ist von Staat zu Staat unterschiedlich. In Florida zum Beispiel durfte die Auszählung der Briefwahl schon 22 Tage vor der eigentlichen Wahl beginnen – aus dem einwohnerstarken Südstaat gab es deshalb schon früh erste Ergebnisse. In den besonders umkämpften Staaten Wisconsin, Michigan und Pennsylvania schreiben Wahlgesetze dagegen vor, dass die Auswertung erst am Wahltag beginnen darf.

In manchen Bundesstaaten dürfen die Behörden auch Briefwahlstimmen annehmen, die erst in diesen Tagen eintrudeln. Die Voraussetzung ist, dass sie spätestens am Wahltag abgestempelt wurden. In Pennsylvania erinnerte Kathy Boockvar daran, dass für manche Wählergruppen besondere Fristen gelten: Briefwahlunterlagen von Wählenden im Ausland und von Angehörigen des Militärs können noch bis zum 10. November eintreffen und einbezogen werden.

Eine ungewöhnliche Regel gilt in Alaska: Dort darf die Auszählung der Briefwahlstimmen am kommenden Dienstag überhaupt erst beginnen. Allerdings spielt die US-Exklave im hohen Norden für das Ergebnis praktisch keine Rolle. Dass die drei Wahlleute aus Alaska Donald Trump zugeschlagen werden, gilt als sicher.

Je enger das Rennen, desto später das Ergebnis

Auch in der Vergangenheit hat das Auszählen Tage oder Wochen in Anspruch genommen. Wenn Fernsehsender schon früh die Gewinner in den Einzelstaaten bekanntgeben, stützen sie sich dabei auf Umfragen der Meinungsforscher. "Wir hatten noch niemals die Ergebnisse schon in der Wahlnacht – wir hatten immer nur gut durchdachte Schätzungen", erklärte der Wahlrechtexperte Justin Levitt dem Radioverbund NPR.

In diesem Jahr sind die einzelnen Rennen zwischen Trump und Biden aber extrem knapp. Für viele Bundesstaaten haben sich Demoskopen Vorhersagen daher schlicht nicht zugetraut. In Nevada, Georgia und North Carolina liegen die Rivalen so nah beieinander, dass es buchstäblich auf jede Stimme ankommen könnte. Deswegen können Ergebnisse erst vorliegen, wenn alle Stimmen ausgezählt sind.

Viele Abstimmungen und technische Pannen

Auch wenn sich alle Augen auf die Präsidentschaftswahl richten: Die Amerikanerinnen und Amerikaner haben am Dienstag auch über das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel der Sitze im Senat abgestimmt. In elf Bundesstaaten wurden zudem neue Gouverneure gewählt. In Wahrheit handelt es sich also um mehrere Abstimmungen auf einmal – nicht überall ist vorgeschrieben, welche Wahl zuerst ausgezählt werden muss. Damit die Wahlhelfer durchhalten, gönnen viele Bundesstaaten ihnen regelmäßige Pausen: In Georgia zum Beispiel wurde die Auszählung in der Wahlnacht gestoppt – und erst am Mittwoch fortgesetzt.

Gerade in den "Swing States", wo das Rennen besonders knapp ist, sind auch ganz banale Pannen dazwischengekommen. Stimmen können in den USA entweder per Hand oder mit speziellen Maschinen gezählt werden. In Green Bay in Wisconsin ging einer solchen Maschine die Tinte aus. In Georgias Hauptstadt Atlanta platzte eine Wasserleitung ausgerechnet in einem Raum, in dem Briefwahlstimmen gezählt werden.

Neuauszählungen möglich

Selbst dort, wo Ergebnisse schon mehr oder weniger feststehen, könnten die Urnen noch einmal geöffnet werden. In Wisconsin, wo Joe Biden sehr knapp gewonnen hat, will das Team von Donald Trump eine Neuauszählung beantragen. Das ist dort möglich, wenn der Vorsprung des Siegers weniger als ein Prozent der Stimmen beträgt. Im Jahr 2000 war es auch in Florida zu Neuauszählungen gekommen. Das Ergebnis der damaligen Präsidentschaftswahl stand daher erst einen Monat später endgültig fest.

Donald Trump nährt Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Wahl. Überall finde man plötzlich Biden-Stimmen, raunte er auf Twitter.

Behörden weisen allerdings darauf hin, dass die Auszählung auch dann korrekt läuft, wenn sie viel Zeit in Anspruch nimmt: "Jeder Bundesstaat hat Sicherheitsvorkehrungen, die gewährleisten, dass jede Stimme korrekt gezählt wird", schreibt die US-Agentur für Cybersicherheit auf ihrer Homepage. Auch das State Department in Pennsylvania stellte auf Twitter klar: Teams mit Mitgliedern aus beiden Parteien kontrollieren die Auszählung jeder einzelnen Stimme.

Verwendete Quellen:

  • National Conference of State Legislatures: VOPP Table 16: When Absentee/Mail Ballot Processing and Counting Can Begin
  • New York Post: Why is it taking so long to count votes In the remaining states?
  • NPR.org: Why Vote Counting In Pennsylvania And Michigan Takes So Long
  • Twitter-Account des Pennsylvania Department of State
  • Twitter-Account von Donald J. Trump

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