• Erst Energiewende, jetzt noch Energieunabhängigkeit: Wirtschaftsminister Robert Habeck hat einen der schwierigsten Jobs in der Bundesregierung.
  • Der Grünen-Politiker will Deutschland schnell unabhängig von russischer Energie machen.
  • Unterwegs mit Habeck im Chemiepark Leuna.
Fabian Busch.
Eine Reportage

Es heißt über Robert Habeck, dass ihm Politik am meisten Spaß macht, wenn es Gegenwind gibt. Wenn das stimmt, muss man sich den Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz gerade als einen glücklichen Menschen vorstellen: Gemessen an den Herausforderungen steht er in einem Orkan.

Mit der Energiewende hat sein Ministerium von Anfang an eine Mammutaufgabe zu schultern. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine will Habeck Deutschland nun auch so schnell wie möglich unabhängig von russischer Energie machen. Es stürmt von allen Seiten: Bürgerinnen und Bürger fürchten höhere Energiepreise. Die Industrie will im Fall eines Lieferstopps nicht auf Gas verzichten. Umweltschützer protestieren gegen den Bau von Flüssiggas-Terminals an der Küste.

Tour durch alle Bundesländer

Im Chemiepark Leuna tritt Robert Habeck am Montag trotzdem mit einem Grinsen aus dem Auto. Er trägt einen blauen Anzug, das Sakko legt er beim zweiten Stopp ab. Die Frühlingssonne meint es mal wieder gut.

Habeck tourt zurzeit durch alle Bundesländer, um für den nachhaltigen Umbau der deutschen Wirtschaft zu werben. An diesem Tag ist Sachsen-Anhalt an der Reihe: zunächst die Landeshauptstadt Magdeburg, dann Leuna. Der Chemiepark ist ein Spiegel der deutschen Wirtschaftsgeschichte: 1916 legte die BASF hier den Grundstein für ein Ammoniakwerk. Daraus entstand ein Industriekomplex groß wie 1800 Fußballfelder. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Leuna das größte Chemiewerk der DDR mit rund 28.000 Arbeitskräften.

Ambitionierte Pläne – oder Größenwahn?

Nach der Wende wurde das Kombinat in kleinere Einheiten zerschlagen und privatisiert. Heute arbeiten rund 12.000 Menschen für die mehr als 100 Firmen des Areals. Auch in Leuna hat man sich Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben. Das Unternehmen Linde betreibt eine Anlage zur Wasserstoffverflüssigung. Auf minus 253 Grad gekühlter Wasserstoff wird in Tankwagen gefüllt und kann so klimaschonender transportiert werden.

Habeck besucht Leuna
Ein Lkw wird mit flüssigem Wasserstoff befüllt.

Doch auch hier hängt alles mit allem zusammen: Es gibt noch zu wenig klimaneutral hergestellten grünen Wasserstoff. Linde ist daher auf Gas angewiesen, um reinen Wasserstoff zu produzieren. Und das kommt noch aus Russland. Mit dem Energieträger Wasserstoff ist es wie mit der Transformation der Wirtschaft im Allgemeinen: Die Technologie ist da, das Wissen auch. Aber bis alles im großen Maßstab verfügbar ist, wird noch viel Zeit und Geld nötig sein.

Habecks Pläne für Energiewende und Energieunabhängigkeit klingen ambitioniert, für manche Menschen auch naiv oder größenwahnsinnig. Seiner Popularität hat das bisher nicht geschadet. Ende April schaffte er es in der repräsentativen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF-Politbarometer zum beliebtesten deutschen Politiker. Habeck hat aus der Not eine Tugend gemacht. Er ringt öffentlich mit sich und seinen Herausforderungen. Er erklärt Entscheidungen und Überlegungen in unkomplizierten, manchmal flapsigen Worten.

"Ein gekonnter Selbstinszenierer"

Seine größte Schwäche: Robert Habeck wirkt manchmal selbst wie ein großer Robert-Habeck-Fan. Er sei eitel, sagte die Publizistin Jagoda Marinic über den Politiker in der ARD-Dokumentation Konfrontation: "Er ist ein gekonnter Selbstinszenierer, das ist vielleicht auch die größte Schwäche. Er kapitalisiert den Trend, dass Politiker die eigentlichen Popstars sein wollen."

In Leuna ist davon aber wenig zu entdecken. Im Gespräch mit Unternehmensvertretern prahlt Habeck nicht mit Erreichtem. Er hat vor allem Fragen mitgebracht, wirkt skeptisch, manchmal fast sorgenvoll.

Das finnische Unternehmen UPM baut in Leuna eine Bioraffinerie: Aus Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft stellt es Chemikalien her, die für die Herstellung von PET-Flaschen oder Reifen verwendet werden. Habeck interessiert vor allem: Was kostet das die Verbraucher? Werden die Produkte am Ende teurer als bei der Herstellung mit konventionellen Chemikalien? Sein Ansprechpartner gibt eine ausweichende Antwort: "Unsere Kunden schätzen den Nachhaltigkeitsaspekt." Habeck runzelt die Stirn.

"Trostpreis" bietet Chance zur Profilierung

Auf dem Weg zum Vizekanzler hat der 52-Jährige einen langen Weg und gleichzeitig eine Blitzkarriere hingelegt. Der promovierte Philosoph und Kinderbuchautor war 2012 bis 2018 Umwelt- und Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein. Die Zeit danach als Grünen-Vorsitzender in der Opposition auf Bundesebene muss ihm lang vorgekommen sein, denn Habeck wollte immer regieren.

Als er sich Ende 2021 bei der Bildung der Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP das Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz zusammenschneiderte, galt das als Trostpreis: Habeck wollte eigentlich Finanzminister werden, musste den Posten aber FDP-Chef Christian Lindner überlassen.

Habeck besucht Leuna
Robert Habeck mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff vor der Total-Raffinerie.

Für Habecks Karriere war das Wirtschaftsressort trotzdem eine glückliche Entscheidung. Vor dem Hintergrund des Krieges kann er sich jetzt als Krisenmanager profilieren. Im noch kurzen Kampf für Energieunabhängigkeit hat sein Ministerium Erfolge vorzuweisen. Die Abhängigkeit von russischem Öl hat Deutschland bereits von 35 auf 12 Prozent reduziert. Bei Gas ist der Anteil von 55 auf 35 Prozent gefallen.

Auch der politische Gegner zollt Habeck dafür Respekt. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sagt in Leuna, der Bund sei beim Öl mit Augenmaß vorgegangen, habe Ersatz beschafft und erst danach über Sanktionen gesprochen. "Ich danke Herrn Habeck für sein sehr, sehr differenziertes und abgewogenes Verfahren."

Habecks Botschaft: "Es wird gut weitergehen"

Der letzte Stopp des Ministerbesuchs ist die Raffinerie von Total Energies. Nicht ohne Grund: Schon im März hat das Unternehmen seine Verträge mit russischen Lieferanten gekündigt. Dieser Schritt hat Habeck die Botschaft erleichtert, ein Öl-Embargo gegen Russland sei verkraftbar.

Habeck spricht aber auch vom Druck, der auf der Industrie lastet. Von wirtschaftlichen Modellen, die durch den Krieg und die Sanktionen gegen Russland infrage gestellt sind. Der Betriebsratsvorsitzende der Infraleuna GmbH hat ihm an diesem Tag auch die Sorgen der Belegschaft geschildert. Trotzdem will Habeck Optimismus vermitteln, er lobt die große Dynamik im Chemiepark. Seine Botschaft an diesem Tag: "Seht ihr, es geht auch weiter – und es wird gut weitergehen."

Sein Sakko hat er inzwischen wieder übergezogen. Die Sonne hat sich verzogen, der Himmel verdüstert. Es stürmt mal wieder.

Verwendete Quellen:

  • ARD-Mediathek: Konfrontation: Markus Feldenkirchen trifft Robert Habeck
  • Forschungsgruppe Wahlen: Politbarometer April II 2022