In Wolfsburg haben der Unparteiische und seine Helfer an den Seitenlinien und dem Monitor viel Arbeit zu bewältigen. Dabei löst das Team auch schwierige Situationen korrekt oder zumindest vertretbar. In einem Fall war es zwar nicht konsequent – doch der war nicht spielentscheidend.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Eine Kolumne
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Manche Spiele bringen nicht nur für das Schiedsrichterteam auf dem Rasen eine Vielzahl von schwierigen Situationen mit sich, sondern bescheren auch dem Video-Assistenten reichlich Arbeit. Die Begegnung zwischen dem VfL Wolfsburg und Borussia Mönchengladbach (1:3) zählte ohne Zweifel dazu.

Knifflige Abseitsfragen bei Toren, komplizierte Strafraumszenen, Feldverweise wegen "Notbremsen" – der Unparteiische Frank Willenborg, seine Assistenten Guido Kleve und Arne Aarnink sowie VAR Sascha Stegemann waren am Samstagnachmittag reichlich beschäftigt.

Schon bei den beiden frühen Toren für die Gäste nach fünf und sieben Minuten war vor allem Kleve stark gefordert, weil sich jeweils die Frage stellte, ob sich die Torschützen Breel Embolo und Jonas Hofmann im Abseits befunden hatten. In beiden Fällen zeigten die Bilder mit den kalibrierten Linien und dem Lot aus der Videozentrale in Köln, dass der Assistent mit seiner Einschätzung richtig lag: Es war jeweils knapp kein Abseits.

Die Trefferquote der Helfer an den Seitenlinien bei der Bewertung von möglichen Abseitssituationen liegt in der Bundesliga bei über 90 Prozent. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, wie eng es fast jedes Mal zugeht und wie schnell das Spiel geworden ist. Längst sind die Assistenten aber oftmals geschulte Spezialisten, denen neben ihrer Beobachtungsgabe, ihrer Antizipation von Spielzügen, ihrer Positionierung und ihrer Erfahrung auch ein Gespür für die Situation und manchmal auch Glück dabei helfen, Situationen korrekt zu beurteilen.

Embolo fällt zweimal im Strafraum, aber es gibt nur einen Elfmeter

Nach 31 Minuten ging der Wolfsburger Kevin Mbabu im eigenen Strafraum in ein heikles Tackling gegen Embolo, der dabei zu Fall kam, während der Ball ins Toraus rollte. Referee Willenborg entschied auf Eckstoß, hatte also einen Ballkontakt durch Mbabu wahrgenommen. Den gab es tatsächlich, wenngleich er nicht sehr deutlich war. Mit seinem anderen Bein hatte der Wolfsburger Abwehrspieler allerdings Embolo getroffen und zu Boden gebracht.

Alles in allem sprach hier mehr für einen Elfmeter als dagegen, doch eine wirklich gravierende Fehlentscheidung war nicht gegeben. Dass VAR Stegemann nicht eingriff, ist daher nachvollziehbar.

Nach 76 Minuten stand Embolo erneut im Mittelpunkt, als ihn Maxence Lacroix im Wolfsburger Strafraum in zentraler Position elf Meter vor dem Tor mit einer Grätsche zu Fall brachte. Diesmal war die Sache klar, denn ein Ballkontakt war nicht zu verzeichnen.

Willenborg entschied deshalb richtigerweise auf Strafstoß und schickte Lacroix mit Gelb-Rot vom Feld. Der Wolfsburger hatte eine offensichtliche Torchance verhindert, allerdings war er beim Tackling zum Ball orientiert, den er nur knapp verfehlte. Für eine ballbezogene "Notbremse" im Strafraum gibt es bekanntlich keine Rote Karte, sondern nur eine Gelbe – was für den bereits verwarnten Lacroix jedoch trotzdem den Feldverweis bedeutete.

Auch in dieser Situation gebührt dem Assistenten ein Lob: Arne Aarnink hatte, das zeigte die Abseitslinie aus Köln, richtig wahrgenommen, dass sich Embolo beim Zuspiel knapp nicht im Abseits befand. Wäre das anders gewesen, dann hätten der Elfmeter und die Matchstrafe revidiert werden müssen. So aber blieb es beim Strafstoß, den Lars Stindl jedoch vergab – Koen Casteels parierte den schwachen Schuss ohne große Mühe.

Strafstoß für Gladbach hätte wiederholt werden müssen

Ungeachtet dessen hätte der Elfmeter wiederholt werden müssen. Weniger aus dem Grund, dass Casteels' Mitspieler Maximilian Arnold zu früh in den Strafraum gelaufen war. Über einen solchen Verstoß sehen die Unparteiischen in der Praxis meist hinweg. Das Problem war vielmehr, dass sich der Keeper der Gastgeber im Moment der Ausführung mit beiden Füßen vor der Torlinie befand. Das ist nicht erlaubt, ein Fuß muss auf oder oberhalb dieser Linie sein.

Verstöße dagegen sollen, wenn der Torhüter den Elfmeter abwehrt, konsequent geahndet werden – erforderlichenfalls mithilfe des VAR, wenn dieser bei der Überprüfung eindeutig feststellen kann, dass der Torwart die Torlinie mit beiden Füßen vorzeitig verlassen hat. Bei Casteels waren es, wie die Hintertorperspektive zeigte, nicht nur wenige Zentimeter – und damit war das Vergehen eigentlich klar genug für einen Eingriff des VAR.

Warum Rot gegen Roussillon zurückgenommen wurde

Eine Intervention aus Köln gab es dann aber vier Minuten später. Schiedsrichter Willenborg hatte zunächst den Wolfsburger Jérôme Roussillon mit einer Roten Karte des Feldes verwiesen, wegen einer "Notbremse" etwa 23 Meter vor dem Tor der Hausherren.

Der Fall schien auf den ersten Blick klar, doch bei der Überprüfung der Entscheidung bemerkte Video-Assistent Stegemann, dass Roussillon bei seinem Tackling gegen Jonas Hofmann zuerst den Ball gespielt hatte. Das war in der Realgeschwindigkeit kaum zu erkennen, weil die Kugel anschließend ihre Laufrichtung nicht verändert hatte.

Durch das faire Spielen des Balles änderte sich die Sachlage: Der Einsatz des Wolfsburgers galt klar dem Spielgerät, das auch getroffen wurde. Hofmann kam danach zu Fall, weil er über Roussillons Beine stolperte, und nicht, weil ihm Roussillon ein Bein stellte.

Da der Unparteiische den Ballkontakt nicht wahrgenommen hatte, war der Eingriff berechtigt, wie auch die Entscheidung nach dem anschließenden Review: Willenborg nahm den Feldverweis zurück und setzte das Spiel mit einem Schiedsrichterball fort. Weitere Stressmomente in diesem ereignisreichen Spiel blieben dem stets ruhigen und besonnenen Referee aus der Nähe von Osnabrück erspart.

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