Der Sieg des FC Bayern über den RSC Anderlecht kann nicht über die gravierenden sportlichen Probleme der Mannschaft und die innerbetrieblichen Spannungen hinwegtäuschen. In München brodelt es weiter.

Am Ende war es wieder einmal an Arjen Robben, das Geschehen des Abends richtig einzuordnen. Freundlich, aber sehr bestimmt formulierte der Niederländer ein paar Sätze, die die Gemengelage beim FC Bayern derzeit ganz gut umschreiben.

Die Bayern hatten gerade mal wieder ein Auftaktspiel in der Champions League gewonnen. Es war das 14. Spiel in Folge, welches die Münchener zum Start der Königsklasse siegreich bestreiten konnten. Ein 3:0 gegen den RSC Anderlecht lässt sich auf dem Papier gar nicht so schlecht an, könnte man meinen.

Franzose benimmt sich bei Sieg gegen Anderlecht wirklich daneben.

Wer aber einen Blick hinter die Statistiken wagte, oder wie Robben mittendrin war, der konnte nur zu diesen aus bayerischer Sicht zweifelhaften Erkenntnissen gelangen:

Die Mannschaft spielt schlechten Fußball.

Die Stimmung ist im Keller.

Und derzeit offenbaren sich so viele kleine Baustellen, dass Trainer Carlo Ancelotti schnell und gezielt reagiere sollte, bevor sich die Lage beim Rekordmeister weiter zuspitzt.

"Die musst du aus der Arena schießen"

Ein unberechtigter Elfmeter und eine berechtige rote Karte brachten die Bayern schon nach ein paar Minuten in die Spur.

So jedenfalls dachten sich das wohl alle Beobachter. In Überzahl und mit einer frühen Führung im Rücken spielten die Bayern aber keinen zielstrebigen, motivierten, vielleicht sogar attraktiven Fußball mehr. Sondern Beamtenfußball, wie man ihn schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat bei Heimspielen der Bayern.

Französischer Erstligist Montpellier wird zur totalen Lachnummer.

"Wir haben ohne Tempo und Rhythmus gespielt. Da musst du Leidenschaft zeigen und geil darauf sein, Tore zu schießen. Aber wir spielen das gar nicht gut, nehmen das Tempo raus. So, als hätte es schon 5:0 gestanden. Aber es stand 1:0. Und dann gab es den Pfostenschuss von Anderlecht. Das müssen wir verbessern. Das Publikum verdient auch etwas, da musst du Gas geben", sagte also Robben, der äußerlich zwar gefasst, innerlich aber wohl doch ein wenig aufgewühlt gewesen sein dürfte, am Mikrofon von "Sky".

"Gegen einen stärkeren Gegner hätten wir wahrscheinlich mehr Probleme bekommen. Und das ist etwas, da darf man ruhig kritisch sein. Bei allem Respekt: Aber nach der roten Karte musst du die aus der Arena schießen", fuhr Robben weiter fort und beendete den kleinen Einblick in seine Gefühlslage mit ein paar Empfehlungen für sich und seine Mitstreiter.

"Ich weiß nicht, ob etwas Grundsätzliches nicht stimmt. Wir müssen uns alle hinterfragen und noch mehr Ehrgeiz zeigen. Wir sollten uns auf den Fußball konzentrieren, da gibt es genug zu verbessern. Wir sollten nicht zu viel reden, sondern es auf dem Platz zeigen."

Weiter Probleme in Offensive und Defensive

Eine Stunde lang hatten die Bayern gegen einen biederen Gegner aus der europäischen Leichtgewichtsklasse erhebliche Probleme im Offensiv- und im Defensivspiel.

Der deutsche Rekordmeister griff fast ausschließlich über die Flügel an, ganz so wie ein Mittelklasseteam, das Angst vor Ballverlusten im Zentrum hat. Dabei hatten die Bayern eigentlich einen Spieler mehr auf dem Feld und ein paar ganz passable Kicker wie Thiago oder Corentin Tolisso im Zentrum.

Im letzten Drittel wurden immer mal wieder besser postierte Mitspieler geflissentlich übersehen und nicht zum ersten Mal tat sich die Kombination Robert Lewandowski und Robben in dieser Disziplin besonders hervor.

Die Bayern muten nicht an wie eine Mannschaft, sondern wie eine Ansammlung von Individualisten.

Das mag gegen ein Anderlecht in Unterzahl noch gut gehen, schon bald werden aber stärkere Gegner warten.

"Auch heute war es wieder so, dass wir nur wenige Torchancen hatten, Wir hatten einen Haufen Distanzschüsse, aber nicht die zwingenden Torchancen", sagte Joshua Kimmich, der einzige Spieler in Normalmform derzeit, dem aus einer Abseitsstellung heraus kurz vor Schluss der Endstand gelang.

Kaum Torchancen, miserables Umschaltverhalten

Das Umschaltverhalten nach Ballverlusten war miserabel.

Spieler wie James hatten offenbar keine große Lust, sich auch im Defensivspiel zu beteiligen.

Torchancen ergaben sich erst gegen Ende der Partie, als die Belgier sichtlich müde wurden und sich auch die Ballbesitzanteile langsam in standesgemäße Bereiche bewegten.

Am Ende hatten die Bayern 76 Prozent Ballbesitz, zehn Minuten vor dem Ende waren es noch "nur" 68 Prozent gewesen.

Pep Guardiola hätte wohl angesichts einer solchen Spielweise und derartigen Statistiken schon lange zuvor wutentbrannt das Stadion verlassen.

Die Chemie stimmt derzeit nicht

Die Bayern spielten läppisch und fahrlässig und bei den paar belgischen Chancen konnte man dann auch ganz gut sehen, wie es um den Zusammenhalt im Team bestellt sein dürfte.

Wild gestikulierend machten sich gleich vier Spieler gegenseitig Vorwürfe, als Anderlecht in der ersten Halbzeit trotz deutlicher Unterzahl am linken Flügel zu einer Großchance kam.

Und als ob an diesem Abend nicht schon genug merkwürdige Szenen gegeben hätte, warf Franck Ribéry nach seiner Auswechslung auch noch wütend sein Trikot auf die Bank, nachdem er grußlos an Ancelotti vorbeimarschiert war.

Sportdirektor Hasan Salihamidzic eilte schnell zum Franzosen, der wollte sich aber auch nach "Brazzos" Einlassung nicht beruhigen. "Das darf es beim FC Bayern nicht geben. Das ist nicht okay. Ich werde mit Franck darüber reden. Aber wir sollten es auch nicht übertreiben", sagt Salihamidzic.

Da war das Thema aber schon längst auf dem Markt. Und für den Trainer, der in den letzten Tagen ohnehin schon nicht besonders gut wegkam, war das eine neuerliche Spitze eines seiner Spieler.

"Ich kann verstehen, dass er 90 Minuten spielen will. Aber seine Reaktion verstehe ich nicht", sagte Ancelotti.

Dennoch dürfte der Italiener einer der wenigen Menschen gewesen sein, die nach dem Spiel halbwegs glücklich nach Hause gegangen waren. Er hatte offenbar ein anderes Spiel gesehen als die meisten anderen Besucher der Allianz Arena: "Ich bin insgesamt zufrieden. Wir hätten mit mehr Intensität und Tempo spielen können. Aber das war nicht nötig."

Vielleicht wird das ja dann in zwei Wochen nötig sein. Beim Auswärtsspiel gegen Paris Saint-Germain.