49 Ballbesitzphasen und 29 bestrittene Zweikämpfe: Nicht nur in der Statistik fällt die grandiose Leistung von Lena Oberdorf auf. Sie macht der Position des Sechsers alle Ehre. Eine Lobeshymne.

Tamara Keller
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Kleine Zettelchen haben sich die Spielerinnen vor dem Halbfinale geschrieben. Darauf haben sie Dinge festgehalten, die sie motivieren sollen. Die Stärken jeder Einzelnen hervorgehoben. Auf dem Zettel von Lena Oberdorf steht mehrfach "Bodyguard" oder auch "Zweikampfmonster". Oberdorf grinst in die Kamera und sagt: "Dafür bin ich ja da".

Es gibt viele Spielerinnen in diesem deutschen Team, die es verdient haben, dass ihre Leistung hervorgehoben wird. Lena Oberdorf ist eine von Ihnen. Die Kämpferinnenpräsenz, die sie auf den Platz bringt, ist unglaublich: Egal ob Grätsche, Körpersprache oder Gegenpressing - Oberdorf gewinnt die Zweikämpfe auf dem Platz. Schnell gefolgt von einem sauberen Pass oder einer grandiosen Spieleinleitung nach vorne. Das zeigt sich auch in der Statistik in Bestwerten: 10 gelaufene Kilometer, drei Befreiungen, 49 Ballbesitzphasen, fünf Balleroberungen, 29 bestrittene Zweikämpfe.

Die Position des Sechsers verdient oftmals wenig Aufmerksamkeit

Es ist nicht die Position, von der aus viele Tore geschossen werden. Stattdessen hält "der Sechser" seinen Mitspielerinnen im Mittelfeld den Rücken frei, damit sie einen leichteren Weg zum Tor haben und versucht, die Abwehr zu entlasten, damit der Ball möglichst schnell schon wieder im Eigenbesitz ist.

Lena Oberdorf macht diese harte Kämpferinnenarbeit mit ihrer unglaublichen Präsenz auf dem Platz sichtbar und damit der Position der Nummer sechs alle Ehre. Sie ist die Beschützerin ihres Teams - ein Bodyguard halt. "Obi" wie sie von ihren Mitspielerinnen genannt wird, zeigt sich kämpferisch, räumt die Bälle ab und das alles mit einer Präzession und Erfolgsquote, die es einem als Zuschauerin warm ums Herz werden lässt.

Wie man vielleicht merkt: Ich werde da ein bisschen sentimental. Denn wenn ich Lena Oberdorf bei ihrem Spiel zuschaue, fühle ich mich stolz. Und das, obwohl ich wirklich absolut gar nichts mit ihrer Leistung zu tun habe. Trotzdem ist es wichtig, dieses Gefühl hier schriftlich festzuhalten. Denn ich fühle mich repräsentiert: Ich habe früher die Sechserposition gespielt. Zwar "nur" auf Verbandsliga-Niveau, aber ich fühle mich dieser Position einfach nach wie vor verbunden und wenn ich Oberdorf zuschaue, dann sehe ich wieder, was ich alles an dieser Position so liebe und freue mich, dass sie die Welt sehen lässt, wie schön das Spiel des Sechsers sein kann.

Zudem bin ich nicht die Einzige die den Lena-Oberdorf-Crush hat: Ganz Fußballtwitter schien beim Spiel gegen Frankreich verzaubert.

Lena Oberdorf: Gerade mal mit 20 schon Bestleistungen geliefert

Eine weitere Sache wird zu Lena Oberdorf in der Berichterstattung immer wieder hervorgehoben: Ihr Alter. Mit ihren 20 Jahren zeigt sie, dass Alter nicht unbedingt eine Rolle spielt, wenn es darum geht, Bestleistungen zu bringen. Aber mit so etwas kommt automatisch oft auch Druck. Doch Trainerin Martina Voss-Tecklenburg lobt in der Doku "Born for this" Oberdorfs Umgang damit. Sie sei am Boden geblieben.

Und wer genau hinschaut, sieht: Obi wächst von Tag zu Tag in diese Rolle mehr hinein. Das war auch nach dem Halbfinalspiel im Interview zu sehen. Immer einen Fuß oder den Körper dazwischen, immer überall präsent - "Wie machen Sie das, wie bereiten Sie sich vor?" will der Reporter wissen. "Ich weiß es nicht genau", antwortet Lena Oberdorf mit einer Abgeklärtheit, die einfach nur beeindruckt.

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