Die Demission von Trainer Roberto Di Matteo wäre aus sportlicher Sicht vertretbar - ändert aber nichts an den strukturellen Problemen beim FC Schalke. Klub-Patron Clemens Tönnies rückt immer mehr in den Fokus der Kritik.

Im Umgang mit der Krise sollten sie beim FC Schalke 04 eigentlich einigermaßen routiniert sein. Die Demission von Trainer Roberto Di Matteo hatte sich bereits in den letzten Wochen abgezeichnet, am Samstag beim abermals blamablen Auftritt in Hamburg zu einer vagen Gewissheit geformt und steht nach Informationen von "Sport Bild" nun vor dem Vollzug. Nur: So richtig regt das in Gelsenkirchen gar niemanden mehr auf.

Die Fans haben sich nach den letzten Spielen so weit von ihrem Klub und den ausführenden Personen entfernt wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Offenbar flatterten und flattern dem Klub zahllose Kündigungsschreiben ins Haus, als schnörkellose Konsequenz auf die Planlosigkeit auf fast allen Ebenen.

Di Matteo hat ganz sicher keinen erfolgreichen Job gemacht, er hat mit Ach und Krach die Qualifikationsrunde zur Europa League geschafft, er hat seine Mannschaft nie in den Griff bekommen, geschweige denn ihr eine nachvollziehbare Philosophie mit auf den Weg gegeben. Sein Abgang ist rein sportlich nachvollziehbar. Und trotzdem ist Di Matteo nicht das Gesicht der Krise. Er ist ein nächstes Bauernopfer in Clemens Tönnies' Ägide.

Der Aufsichtsratschef rückt zusammen mit Sportvorstand Horst Heldt ins Zentrum der Kritik und die prasselt auf den blau-weißen Gönner ein wie nie zuvor in seiner 14-jährigen Amtszeit. "DER FISCH STINKT VOM KOPF!", hatten die Fans beim gespenstischen Heimspiel gegen Paderborn vor einer Woche auf ein überdimensioniertes Plakat gepinselt, die Buchstaben "C" und "T" waren dabei rot eingefärbt.

Eine Petition, unterzeichnet von fast 200 Fanklubs und zwei großen Dachorganisationen, gegen die bestehenden Strukturen und die Entwicklungen im Verein, wurde veröffentlicht. "Es gilt, den über Jahre bestehenden Kreislauf zu durchbrechen und die Personen zur Verantwortung zu ziehen, welche uns über einen sehr langen Zeitraum in diese bestehende Situation mit ihren Strukturen gebracht haben", war darin zu erfahren. Der Adressat der schonungslosen Kritik war Clemens Tönnies.

Der FC Schalke 04, er steht seit mehr als einem Jahrhundert für das ganz besondere Drama, für Emotionen und Maloche. Das ist die Basis in Gelsenkirchen-Buer - und Tönnies, der Geschäftsmann und Selfmade-Multimillionär, wollte den Klub auf zu neuen Ufern führen: In die Topriege der europäischen Klubs, an die Spitze der nationalen Meisterschaft. Ein Global Player mit Stallgeruch und Erdung, wie es die Bayern seit Jahrzehnten vormachen und der große Rivale BVB seit einiger Zeit auch wieder.

Jetzt steht Tönnies vor den Scherben seiner Vision. Die Gräben im Klub werden immer größer. Innerhalb der Mannschaft fehlen der Zusammenhalt und das Wir-Gefühl, dem (ehemaligen) Trainer ist das Team längst entglitten. Es gab allenfalls noch ein nüchternes Verhältnis zwischen Di Matteo und seinem Vorgesetzten Heldt. Und das Schlimmste: Die Protagonisten haben sich von der Basis entfernt, den Fans.

Die Leute auf Schalke haben ein gutes Gespür dafür, was ehrlich und was inszeniert wirkt. Die Suspendierungen von Kevin-Prince Boateng und Sidney Sam, offenbar angeordnet von Tönnies und nur formal vollzogen von den Erfüllungsgehilfen Heldt und Di Matteo, haben das Fass zum Überlaufen gebracht.

Die Verfehlungen der letzten Jahre schlagen derzeit gnadenlos durch, und bei 18 Trainern in 15 Jahren und vier Sportdirektoren bleibt als einzige Konstante Tönnies. Der gibt sich gerne volksnah und hemdsärmelig, schmettert das Schalker Lied, steht mit den Kuttenfans im Block und haut markige Sprüche raus. Dass davon aber auch viel nur Fassade ist, erkennen große Teile der Fans spätestens jetzt.

Und auf einmal werden ihm Dinge zur Last gelegt, für die er in besseren Zeiten noch gefeiert oder zumindest nicht kritisiert wurde. Der zweifelhafte Deal mit Gas-Riese "Gazprom" etwa, der Schalke viel Geld in die klammen Klubkassen gespült hat. Oder die Verpflichtungen und Vertragsverlängerungen von Stars wie Boateng, Jefferson Farfan oder Klaas-Jan Huntelaar. Es ist nicht mehr viel geblieben vom ehrgeizigen Patron.

Und Tönnies hat ja noch ein anderes Problem: Auch der Kopf von Horst Heldt wird von Teilen der Fans gefordert. Eine Entlassung des Sportvorstands würde zwar auf einen Schlag gehörig Druck aus dem Kessel nehmen, fiele aber recht schnell auch auf Tönnies in seiner (kontrollierenden) Funktion als Aufsichtsratschef zurück.

Alle Entscheidungen der letzten Jahre hat Tönnies zumindest goutiert, einige davon offenbar selbst veranlasst. Auch deshalb ist ein Kader entstanden, der mehr einem Wildwuchs gleicht denn einer gut abgestimmten Komposition, beeinflusst von den Vorstellungen gleich mehrerer Trainer.

Das ist die entscheidende Fehlleistung auf Schalke: Dass der Klub sich stets dem Diktat seiner Funktionäre unterstellt hat. Und kein Trainer-Klub ist wie es der BVB unter Jürgen Klopp ist, die Bayern unter Pep Guardiola, Bayer Leverkusen unter Roger Schmidt, Borussia Mönchengladbach unter Lucien Favre oder sogar der FC Augsburg unter Markus Weinzierl.

Diese Klubs sind deshalb so erfolgreich, weil die entscheidende Person im Verein der Trainer ist. Auf Schalke nutzt Clemens Tönnies seine Ausnahmestellung auch zur Selbstinszenierung. Irgendwann wird auch das nicht mehr gut gehen.