Fußball wurde vor gut 100 Jahren zur beliebtesten Sportart in Deutschland und begeisterte viele Menschen. Nicht nur Männer natürlich. Eine bekannte Frankfurter Kabarettistin der Nachkriegszeit war eine Fußballpionierin: Lotte Specht. Sie wäre am 15. Oktober stolze 110 Jahre alt geworden. Aber die erste Spielerin war sie nicht.

Eine Kolumne
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"Wir waren keine Revolutionäre, wir hatten einfach Spaß am Fußball", so erinnert sich Lotte Specht im Interview mit SWR 2 und ergänzt: "Meine Idee entsprang nicht nur meiner Liebe zum Fußball, sondern vor allem den Rechten der Frauen. Ich sagte: 'Was Männer tun können, können wir auch tun'. Das war meine Grundidee, einen Frauenfußballklub zu gründen."

Keine Selbstverständlichkeit im Jahr 1930. Ähnlich wie Nettie Honeyball ein Vierteljahrhundert zuvor auf der britischen Insel, inserierte die damals 19-jährige Charlotte "Lotte" Specht in einer Frankfurter Zeitung. Auf die Anzeige reagierten 35 jungen Frauen, alle im Alter von Lotte Specht.

Im März 1930 wurde der 1. DDFC, der Erste Deutsche Damen-Fußballclub, in ihrem Elternhaus, dem "Steinhaus" in Frankfurt am Main, gegründet. Sie spielten in improvisierten Trikots, kurzen Hosen, übergroßen Stiefeln und Baskenmützen als Kopfschutz.

1. DDFC erlebte starke Ablehnung

Der Verein existierte jedoch nur wenige Monate und dies hatte vor allem zwei Gründe: Zum einen gab es keine Gegner. Zu Beginn spielte der Verein gegen Männerclubs, doch den Frauen schlug – und das ist der zweite Grund – immer mehr Ablehnung sowie Beschimpfungen entgegen, sowohl auf dem Platz als auch im Alltag. Am Ende spielten die Frauen immer nur gegen sich selbst, doch auch dann hörten die Anfeindungen nicht auf.

Auch Käthe Stumpf war Mitglied im 1. DDFC und erinnert sich im SWR2-Interview an die Schikanen: "Wir dribbelten und machten Starts, schnelle Starts, ja, Überholen oder Angriff, Kopfball … das alles haben wir gelernt. Wir trainierten morgens, am Sonntagvormittag, aber da waren die Männer schon auf dem Fußballplatz und heulten. Das war nicht schön."

Die Mutter von Lotte Specht tolerierte und unterstützte den Sport ihrer Tochter, der Vater nur sehr eingeschränkt. Die Kunden seiner Metzgerei beschwerten sich über seine Tochter - und blieben dem Geschäft fern. Das führte zu einer prekären wirtschaftlichen Lage, denn die Metzgerei hatte zudem mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise zu kämpfen.

Das Titelbild der Zeitung "Das Illustrierte Blatt" vom 27.03.1930 zeigt die Fußballerin Lotte Specht. Die Frankfurter Metzgerstochter ist eine der Pionierinnen, die 1930 wie die Männer aus Spaß am Sport Fußball spielen wollte. Der Platz in den Annalen der Geschichte des Frauenfußballs ist Specht, die im Februar 2002 starb, sicher.

15 Jahre lang war Frauenfußball in der BRD verboten

So überlebte der 1. DDFC nur kurze Zeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Lotte Specht eine regional bekannte Kabarettistin und Schauspielerin, die 1955 die erste Dialektbühne gründete. In diesem Jahr wurde der Frauenfußball in der Bundesrepublik Deutschland verboten. Das fand der DFB nach dem WM-Sieg der Herren 1954 offenbar nötig, denn es gab es einen Fußballboom – nicht nur bei Männern.

15 Jahre lang versuchte der DFB auf diese Weise den Frauen den Spaß am Fußball zu nehmen. Erfolglos, denn es entstanden neue Organisationen. 1970 hob der DFB das Verbot wieder auf, um dem Machtverlust zuvorzukommen und um die Zügel selbst in die Hand nehmen. Deshalb beschloss der Verband auf seiner Bundestagssitzung am 31. Oktober 1970 in Travemünde, das Verbot "aufgrund der eingetretenen Entwicklungen" aufzuheben.

Allerdings zunächst mit Einschränkungen: Frauen durften fortan im Jugendfußball nur noch mit einem Ball spielen, der leichter als der Männerball war, ein Spiel dauerte nur noch zweimal 30 Minuten und die Damenschuhe durften keine Stollen haben. Weitere Kleidungsvorschriften, darunter ein "Brustpanzer", wurden ebenfalls diskutiert, aber letztlich nicht umgesetzt.

Frauenfußball in Deutschland feiert 100-jähriges Jubiläum

Schon nach dem Ersten Weltkrieg begeisterte ein allgemeiner Fußballboom in Deutschland nicht nur Männer. Und in den Jahren nach dem Krieg kam es zu einer zunehmenden Emanzipierung der Frau (nicht nur in Deutschland). So überrascht es nicht, dass schon in dieser Zeit erste weiblichen Fußballteams gegründet wurden.

Für das Jahr 1921 sind Teams in den sächsischen Städten Chemnitz, Dresden und Radebeul belegt, 1922 spielten weibliche Studenten bei den deutschen Hochschulmeisterschaften Fußball – nach den regulären Laws of the Game – und 1923 hatte der "Studentinnen-Sport-Verein" der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität eine Damen-Fußball-Mannschaft.

Im deutschen Arbeiter-Turn- und Sportbund gab es 1925 die ersten (wenn auch noch wenige) Frauen, die Fußball spielten. Der Verband war skeptisch, denn Frauenfußball galt als verpönt. Allerdings nicht wie später der DFB aus medizinischen oder ästhetischen Gründen, sondern aus kommerziellen: Man konnte sich nicht vorstellen, dass eine Frau von sich aus auf die Idee käme, Fußball zu spielen. Dahinter muss ein kommerzgieriger Mann stecken, so die Vermutung.

Gab es Frauenfußball vor 1920?

Für die Zeit vor 1920 gibt es keine Bestätigung dafür, dass Frauen in Deutschland Fußball spielten. Hin und wieder finden sich Hinweise, dass Fußballklubs nach Frauen für ein neues Team suchten, doch handelte es sich dabei um Kreisfußball oder Handball. Ein Beispiel ist eine Postkarte von 1921 aus Pulsnitz, auf der elf Frauen mit einem Kranz als Trophäe abgebildet sind, flankiert von zwei Männern. Doch Zeitungsberichte verweisen auf ein Handspiel der beiden Teams.

Die Zeit vor 1920 ist noch ein großer, weißer Fleck für sporthistorisch Forschende, der hoffentlich durch das 100-jährige Jubiläum des Frauenfußballs in Deutschland aufgedeckt wird.

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