Gerd Müller beschrieb seinen Vorzug einmal sehr prägnant. "Des kannst oder des kannst nicht", hat er gesagt und dabei die Fähigkeit gemeint, den Ball ins Tor zu bugsieren. Thomas Müller kommt dem sehr nahe - aber macht neben dem Platz mehr daraus. Ein Vergleich der beiden Stürmerstars des FC Bayern.

Am heutigen Dienstag wird Gerd Müller, der als "Bomber der Nation" in die Annalen einging, 70 Jahre alt. Groß gefeiert wird nicht. Das wäre auch früher so gewesen, denn Müller war nie ein Mann der lauten Töne. Nachdem der FC Bayern Anfang Oktober offenbarte, dass seine Stürmer-Legende an Alzheimer leidet, ist ohnehin alles anders. Thomas Müller schickte die besten Wünsche, Gerd, sagt er, werde die Krankheit "sicher so angehen, wie ich ihn kenne - mit viel Lebensmut und einer positiven Grundeinstellung".

"Ohne ihn wäre ich nicht hier"

Breitners Hommage an Gerd Müller

Gerd und Thomas Müller verbindet eine besondere Beziehung. Gewissermaßen ist der eine ein später Nachfahre des anderen, der Name dient als kleinster gemeinsamer Nenner. Aber das ist längst nicht alles.

Wer ist besser?

Die Bilanzen von Gerd Müller sind schlicht einmalig: 365 Bundesligatore, 66 Treffer bei 74 Europapokal-Einsätzen, unglaubliche 68 Tore in 62 Länderspielen. "Es ist einfach beeindruckend, dass er nie raushängen lässt, der beste Torjäger der deutschen Geschichte zu sein", würdigt ihn Thomas Müller. Franz Beckenbauer sagte über seinen guten Freund: "Ohne die Tore vom Gerd wären wir noch immer in unserer alten Holzhütte an der Säbener Straße." Einen besseren Stürmer als Gerd Müller wird es wohl nie geben.

"Furchtbar": Alzheimer-Diagnose schockt Weggefährten.

Was zeichnet(e) die beiden aus?

Manchmal wusste Gerd Müller selber nicht, wie er das mit dem Toreschießen nun wieder angestellt hatte: "I hau halt aufs Tor, wenn ich drei Sekunden zum Überlegen hätte, wär's vorbei." Klingt einfach, war es nicht. Instinkt und Handlungsschnelligkeit, im Kopf und im Bein, machten ihn so unnachahmlich.

Thomas Müller zehrte anfangs von der fehlenden Last der Erwartung; erstaunlicherweise hat er sich die Attitüde bewahrt. In der "tz" wurde er von Gerd Müller bereits beim Durchbruch 2009 als "geborener Torjäger" geadelt. Jupp Heynckes staunte 2013, dass sein damaliger Schützling nach wie vor "unbedarft und unorthodox, aber dennoch effizient" auftrete. Ein Müller halt. Schwer zu beschreiben, noch schwerer zu (er)fassen.

Warum sind die beiden so verschieden und doch so ähnlich?

In ihrer Konstitution unterscheiden sich die Angreifer mit dem Allerweltsnamen erheblich. Gerd Müller wirkte kaum wie ein Modellathlet: stämmige Oberschenkel, niedriger Schwerpunkt, dafür wieselflinke Drehungen, Schüsse im Fallen und Liegen, ohne Rücksicht auf die Ästhetik. Hauptsache, der Ball war drin. Und er war es oft.

Thomas Müller ist der Gegenentwurf zum Strafraum-Wühler, mit seinen storchenartigen Haxen pirscht er über den Rasen. "Raumdeuter" nennen sie ihn, "man findet keinen, der ähnlich komisch spielt wie ich", sagt er über sich.

Eigentlich ist jedes Tor ein typisches Thomas-Müller-Tor, so wie früher jeder Treffer einem klassischen Gerd-Müller-Moment entsprang. "Er hat mir von Anfang an Tipps gegeben, wie ich mich als Offensivspieler verhalten soll", sagte Thomas einst der "Bild" über Gerd. Devise: Das Runde muss ins Eckige, die Form folgt der Funktion.

Wer ist der größere Botschafter?

Gerd Müller kennt fast jedes Kind, auch heute noch. "Er ist weltweit ein Phänomen, ich werde überall auf ihn angesprochen", bemerkt Sepp Maier in der "tz". Als der FC Bayern im Juli in China weilte, stellte indes Thomas Müller fest, "dass viele Leute meinen Namen rufen". Seine offene Art stößt auf Zuspruch, weit fort und daheim.

Bayern lehnte kolportierte 100 Millionen Euro von Manchester United ab. 134 Tore und 107 Vorlagen hat Thomas Müller in 320 Pflichtspielen aufsummiert, doch sein Wert bemisst sich nicht nur als Schütze und Zuarbeiter. Spätestens seit dem Abschied von Bastian Schweinsteiger ist er der Vorzeige-Bayer, eine Identifikationsfigur. Der mia-san-mia-Bursche.

Wer macht(e) mehr aus seinem Namen?

Beide Ausnahmesportler eint das Kunststück, als Bayern-Profi bundesweite Sympathien zu genießen, wobei der junge Müller durchaus Kapital aus seinem Namen schlägt. Er hat sein Image als Freigeist kultiviert und redet so wie er spielt: direkt, unverstellt, gewitzt. Das erfreut die Werbeindustrie.

Gerd Müller hat die grellen Scheinwerferlichter stets gemieden und damit wohl einiges verpasst, zumindest finanziell. Als der FC Barcelona einmal ein unverschämt hohes Jahresgehalt bot, schlug er es mit dieser Begründung aus: "I mog ned. I kann doch ned mehr als ein Schnitzel pro Tag essen." Die große Bühne überließ er stets den anderen.

"Gerd", sagt Thomas Müller, "ist einer der herzlichsten Menschen, die ich kenne." Es gibt niemanden, der da widersprechen würde.