Die obersten Regelhüter haben beim Dauerthema Handspiel einige Neuerungen beschlossen. So werden künftig beispielsweise Tore, bei denen die Hand im Spiel ist, auch dann annulliert, wenn keine Absicht vorliegt. Insgesamt wird der Ermessensspielraum für die Schiedsrichter kleiner. Diskussionen wird es trotzdem weiterhin geben.

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Als das International Football Association Board (Ifab) am vergangenen Samstag zu seiner Jahreshauptversammlung zusammentrat, um über die Regeländerungen zur kommenden Saison zu befinden, galt einem Tagesordnungspunkt das besondere Interesse der Öffentlichkeit: Welche Neuerung würde beim kontroversen Thema Handspiel beschlossen und verkündet werden?

Die obersten Regelhüter hatten bereits angekündigt, den Regeltext voraussichtlich so anzupassen, dass es bei seiner Auslegung durch die Schiedsrichter künftig weniger Ermessensspielräume gibt und klarer ist, wann ein Handspiel bestraft werden muss und wann nicht.

Das Ergebnis ist zwar keine Revolution, doch die Novellierung dürfte den Unparteiischen die Arbeit erleichtern und eine besser nachvollziehbare Linie ermöglichen. Dazu wird das bislang allein maßgebliche Kriterium der Absicht teilweise außer Kraft gesetzt.

So wird künftig kein Treffer mehr zählen, bei dem die Hand im Spiel war – selbst dann nicht, wenn der Torschütze nur unglücklich angeschossen worden ist und nicht mehr ausweichen konnte. Auch ein unabsichtliches Handspiel bei der Vorbereitung eines Tores oder bei einer Torchance sollen die Schiedsrichter in Zukunft strikt ahnden.

Ein Tor wie etwa jenes, das Christoph Kramer am 17. Spieltag für Borussia Mönchengladbach bei Borussia Dortmund erzielte, muss dann zwingend annulliert werden. Erkennt der Referee ein solches Handspiel nicht, greift der Video-Assistent ein.

Mit der Hand erzielte Tore sollen aus Prinzip nicht zählen

Der Grund dafür ist, dass Treffer, die unter Zuhilfenahme der Hand erzielt werden, aus Prinzip nicht gelten sollen. In den Wettbewerben der Fifa und der Uefa wird diese Auslegung schon seit Jahren praktiziert. Demnächst gilt sie weltweit.

Umgekehrt bleibt die Verhinderung eines Tores oder einer Torchance durch ein eindeutig unabsichtliches Handspiel weiterhin straffrei. Die Regelhüter unterscheiden hier also zwischen dem Handspiel in der Offensive und dem in der Defensive.

Darüber hinaus stellt das Ifab in der Neuformulierung der Handspielregel stärker die Unnatürlichkeit der Armbewegung als die mögliche Absicht in den Mittelpunkt. Unnatürlich heißt: nicht dem fußballtypischen Bewegungsablauf entsprechend.

Wenn die Arme beispielsweise bewusst vom Körper abgespreizt werden, gilt das als unnatürliche Haltung, es sei denn, der Spieler kann nur so das Gleichgewicht halten. Wird der Arm über Schulterhöhe gehalten und kommt es dann zum Kontakt mit dem Ball, soll das Handspiel ebenfalls grundsätzlich als strafbar eingestuft werden.

Es soll allerdings Ausnahmen geben, etwa wenn zuvor der Ball von einem anderen Körperteil des Spielers an den erhobenen Arm oder die Hand geprallt ist oder wenn der Arm beim Fallen erkennbar zum Abstützen eingesetzt wird und nicht, um den Ball aufzuhalten.

Diskussionen wird es auch weiterhin geben

Das heißt: Es wird auch weiterhin von der Gesamtbewegung eines Spielers abhängen, ob ein Handspiel aus der Sicht des Unparteiischen strafbar ist oder nicht. Dabei wird es nach wie vor Grenzfälle geben, in denen das Ermessen des Schiedsrichters gefragt ist. Beispielsweise bei Handspielen, zu denen es beim Tackling oder beim Schwungholen für einen Kopfball kommt.

Weiterhin gilt, dass ein eindeutig absichtliches Handspiel geahndet werden muss, wie es beispielsweise immer dann vorliegt, wenn der Arm oder die Hand zum Ball bewegt wird und es dann zum Kontakt kommt.

Im Vorfeld der Versammlung hatte David Elleray, der Technische Direktor des Ifab, die Größe des Graubereichs beim Handspiel mit dem Ärmelkanal verglichen und gesagt: "Nun versuchen wir, einen Rhein daraus zu machen." Lutz Wagner, der Schiedsrichter-Lehrwart des DFB, findet, dass das gelungen ist: "Die Änderungen sind sinnvoll. Sie engen den Ermessensspielraum ein."

Tatsächlich wird mit Beginn der kommenden Saison zumindest bei einem Teil der Handspiele die Beurteilung leichter fallen und nachvollziehbarer sein als bisher. Für die Schiedsrichter ist das eine genauso gute Nachricht wie für die Spieler und die Zuschauer.

Es wird aber auch weiterhin Diskussionen geben, denn die bleiben nicht aus, wo ein Graubereich existiert – gleichgültig, ob dieser nun Absicht oder Unnatürlichkeit heißt. Die teilweise etwas schematische Regelung bei bestimmten Armhaltungen dürfte zudem zu manchen zwar formal korrekten, aber als hart empfundenen Entscheidungen führen.

Gelbe und Rote Karten auch für Trainer

Von den übrigen Regeländerungen, die das Ifab beschlossen hat, fallen drei besonders auf:

· Bei Freistößen in Tornähe müssen die Spieler der ausführenden Mannschaft künftig mindestens einen Meter Abstand zur Mauer halten, damit das übliche Gerangel gar nicht erst entsteht.

· Der Satz, dass der Schiedsrichter immer "Luft" ist, gilt nicht mehr. Wenn der Unparteiische angeschossen wird und dadurch der Ballbesitz wechselt, ein aussichtsreicher Angriff eingeleitet wird oder der Ball gar ins Tor geht, gibt es bald einen Schiedsrichterball.

· Außerdem wird es künftig Gelbe und Rote Karten auch für Teamoffizielle geben, also etwa für Trainer und Co-Trainer. Damit sollen Sanktionen gegenüber diesem Personenkreis nach außen transparenter werden und zur Beruhigung in diesem Bereich beitragen. Momentan können Verweise nur mündlich ausgesprochen werden.

Die Regeländerungen treten zum 1. Juni 2019 in Kraft, werden aber nicht auf Spiele angewandt, die zur derzeit laufenden Saison zählen, etwa das Finale in der Champions League an diesem Tag. Bei der Weltmeisterschaft der Frauen dagegen, die am 7. Juni eröffnet wird, gelten die neuen Regeln schon.

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