Der westfälische Viertligist TuS Haltern verblüfft mit einer neuen Strategie und setzt in Zukunft nur noch auf einheimische Spieler. Der Jugendverein des Weltmeisters Benedikt Höwedes orientiert sich dabei an großen internationalen Klubs und hat prominente Mitstreiter für sich gewonnen.

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Die Klubs der Bundesliga haben die Füße tatsächlich mal stillgehalten, mit Ausnahme - "Natürlich!", möchte man sagen - des FC Bayern. Während alle anderen Vereine wegen der Coronakrise ihrer Personalplanungen für die kommende Spielzeit in der Warteschleife ließen, bastelte der Rekordmeister munter am Kader für die nähere Zukunft.

Neben einigen wichtigen Vertragsverlängerungen laufen längst auch Gespräche mit potenziellen Zugängen. Die üblichen Geld- oder sogar Existenzsorgen der anderen Klubs, so scheint es, hat der FC Bayern wegen der Pandemie nicht.

Was in der Spitze jeden Tag in der breiten Öffentlichkeit durchsickert oder opulent über alle möglichen hauseigenen Kanäle in den Äther gejagt wird, spielt sich im Grunde auch ein paar Ligen tiefer ab. Mittlerweile werden selbst in der Kreisklasse "richtige" Transfers getätigt, mit Ausbildungsentschädigungen für den abgebenden Verein und Handgeldern für den wechselwilligen Spieler.

An den Rändern ganz oben und ganz unten, also zwischen Bundesliga und Kreisklasse, ist dieses Vorgehen praktikabel, hier bewegen sich Ausgaben und Einnahmen auf einem einigermaßen vergleichbaren Niveau.

Wider den finanziellen Irrsinn

In der semiprofessionellen Struktur des deutschen Fußballs allerdings führen finanzielle Extravaganzen nicht selten zum Untergang ganzer Vereine.

Von den Oberligen bis zur dritten Liga wird zwar viel Geld ausgegeben, die Einnahmenseite ist nicht zuletzt durch die fehlenden oder zu geringen Fernsehgelder aber oft genug ein wackeliges Konstrukt. Besonders die Regionalligen gelten in Deutschland als "Todesligen", weil hier zwar in einigen Klubs auf niedrigem Profi-Level bezahlt werden muss, die hohen Investitionen aber allenfalls durch einen schnellen Aufstieg in die dritte Liga auch gedeckelt sind.

Wird der Sprung eine Etage höher eine oder zwei Spielzeiten in Folge verpasst, droht ganz schnell der finanzielle Kollaps.

Fußballprominenz in Liga 4

Mehr als ein Dutzend ehemaliger Zweit- und Erstligisten steckt in der vierten Liga fest, sogenannte Kult-Klubs wie Rot-Weiss Essen, Alemannia Aachen, die Offenbacher Kickers, Saarbrücken, Cottbus oder Homburg sind darunter.

Sie versuchen teilweise seit Jahren verzweifelt rauszukommen und gingen oder gehen deshalb ein hohes Risiko ein. Einige haben sich dabei total verhoben und sind in der Versenkung verschwunden.

Es sind fast immer die Gehälter und Ablösesummen für eingekaufte Spieler, die die Blase zum Platzen bringen. Den Irrsinn, eine Mannschaft ohne einen einzigen Spieler aus der jeweiligen Stadt oder Gemeinde ins Rennen zu schicken, will der Turn und Sportverein Haltern ab der kommenden Saison aber nicht mehr mitmachen.

Der TuS war erst vor dieser Saison von der Oberliga Westfalen in die Regionalliga West aufgestiegen und damit in eine neue Welt eingetaucht.

Die Mannschaft spielt fortan nicht mehr gegen Ennepetal oder Brünninghausen, sondern gegen Essen, Wattenscheid, Aachen, die Zweitvertretungen der Bundesliga-Granden aus Dortmund, Schalke, Gladbach, Düsseldorf und Köln. Mit einem Kader, in dem jeder Spieler einen deutschen Pass besitzt - was schon ungewöhnlich genug erscheint.

TuS Haltern: (Fast) nur noch Spieler mit Heimatbezug

Nun gehen die Verantwortlichen aber einen noch spektakuläreren Weg: Ab der kommenden Saison wird der TuS Haltern konsequent auf einheimische Spieler setzen.

Der halbe Kader der ersten Mannschaft soll dann aus Spielern bestehen, die in Haltern geboren oder aufgewachsen sind oder in der Jugend dort gespielt haben. Auch Akteure, die in Haltern wohnen, sind willkommen. Eine Saison später will der Klub seine erste Mannschaft sogar aus 75 Prozent lokaler Spieler bestücken.

"Wir sind der festen Überzeugung, dass es in den nächsten Jahren nicht nur um höher, weiter und schneller, sondern auch um sozialer, gerechter und nachhaltiger geht", sagt Raphael Brinkert.

Der Leiter Marketing ist in der Fußballszene kein Unbekannter, Brinkert war unter anderem Gründer und Partner bei der Agentur "Jung von Matt sports", die vor zwei Jahren als Europas kreativste Sportmarketingagentur ausgezeichnet wurde. Er startete einst die Facebook-Seite des FC Schalke 04 und die der Bundesliga in Eigenregie und übergab die jeweils fertigen Produkte mit massiven Interaktionszahlen an Schalke beziehungsweise die Bundesliga.

Nun bringt der Profi Brinkert seinen TuS Haltern wieder näher ran an das, was man gemeinhin unter Amateurfußball versteht. Sollte die erste Mannschaft wegen der rigiden neuen Vereinspolitik aus der Regionalliga absteigen, wäre auch dieses Szenario längst eingepreist.

Rückbesinnung auf die DNA des Klubs

"Diese Selbstbeschränkung sehen wir als konsequente Weiterentwicklung und Rückbesinnung auf die DNA unseres Vereins als 'Deutschlands erfolgreichste Talentschmiede im Amateurfußball'", erklärt Brinkert den Schritt weiter.

Der "Halterner Zeitung" verrät er die Vorgehensweise: "Es geht uns nicht um Liga-, sondern um Heimatzugehörigkeit. Mit dem Konzept wollen wir kein beliebiger, sondern von Bevölkerung, Fans und Mitgliedern geliebter Verein sein und werden. Das bedingt auch, dass wir über die Kurzfristigkeit von Toren und Punkten hinaus denken und verstärkt auf langfristige Themen wie Jugendförderung und -ausbildung, Nachhaltigkeit und infrastrukturelle Voraussetzungen setzen."

Die Metzelder-Brüder Christoph und Malte sind wie Weltmeister Benedikt Höwedes beim TuS Haltern groß geworden und fußballerisch sozialisiert worden. Auch deshalb gehört der in Haltern geborene Höwedes dem neu gegründeten Strategiestab des Klubs an.

"Ich sehe die langfristigen Potenziale - gerade in der Jugend und Infrastruktur - sehr viel höher, als die Gefahr oder die vielleicht sogar bewusste Inkaufnahme eines temporären Liga-Verzichts", stellt Höwedes klar, dass die Reform nicht nur für den Senioren-, sondern auch für den Jugendbereich des Klubs gelten wird.

Ein Athletic Bilbao in klein

Im gehobenen deutschen Amateur- beziehungsweise Profifußball ist dieses Konzept einmalig, es erinnert allerdings frappierend an das, was Athletic Bilbao in Spanien oder Chivas Guadalajara in Mexiko seit Jahrzehnten verfolgen: Deren Mannschaften sind ausschließlich mit Spielern aus der Region bestückt.

Den Wahnsinn des globalen Transfermarkts verfolgt etwa Athletic nur aus der Ferne - bis es dann daran geht, einen der selbst ausgebildeten Spieler zu veräußern.

Vor einigen Jahren ließ Athletic einen Spieler namens Javi Martinez in die Bundesliga ziehen, der FC Bayern überwies dafür 40 Millionen Euro. Danach folgten unter anderem Aymeric Laporte (65 Mio., Manchester City) und Torhüter Kepa (80 Mio., FC Chelsea).

Das Geld sprudelt nur so in Bilbaos Kassen. Davon mag der TuS Haltern noch sehr sehr weit entfernt sein. Die grundsätzliche Ausrichtung ist aber schon mal ebenso bemerkenswert wie bewundernswert.

Verwendete Quellen:

  • Kicker.de: Vorbild Athletic Bilbao: TuS Haltern geht einzigartigen Weg
  • HalternerZeitung.de: Benedikt Höwedes spricht über seine Pläne mit dem TuS Haltern am See
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