Nach dem Giftanschlag auf einen russischen Ex-Spion in London diskutieren Politiker über einen Boykott der Fußball-WM in Russland. Ein Experte zieht einen Vergleich zu den Olympia-Boykotten 1980 und 1984 – mit einer klaren Schlussfolgerung.

Die britische Premierministerin Theresa May macht Moskau für den Giftanschlag auf einen russischen Ex-Spion auf der Insel verantwortlich. Eindeutige Beweise fehlen bisher.

Als Reaktion wies Großbritannien 23 russische Diplomaten aus. Hochrangige Regierungsmitglieder und die königliche Familie werden nicht zur Fußball-Weltmeisterschaft im Juni und Juli nach Russland reisen. Ein WM-Boykott der englischen Mannschaft wird – bisher – nicht ernsthaft erwogen.

Der Mainzer Sportökonom und Sporthistoriker Norbert Schütte spricht im Interview über die Folgen vergangener Boykotte, die Grenzen von Symbolpolitik und erklärt, warum es für die Vergabe von Sportereignissen harte Kriterien geben sollte.

Herr Schütte, warum haben sich Staaten in der Vergangenheit zu Boykotten von Sportereignissen entschlossen?

Um politische Signale zu senden. Wie 1980 beim Boykott der Olympischen Spiele in Moskau durch den Westen aufgrund des Einmarsches der Russen in Afghanistan oder beim Gegenboykott des Ostblocks 1984.

Das Apartheid-Regime in Südafrika konnte an mehreren Spielen wegen Boykottdrohungen anderer afrikanischer Staaten nicht teilnehmen. Ägypten blieb Olympia wegen der Palästina-Frage fern. Es ging immer um Politik, letztlich um Symbolpolitik.

Wem haben die Olympia-Boykotte in den 80er Jahren genutzt und wem geschadet?

Geschadet haben sie in erster Linie den Sportlern, die politisch benutzt worden sind. Das war in der Biografie ganz vieler Athleten ein erheblicher Einschnitt. Für die olympische Bewegung waren es auch schwierige Momente, weil die Spiele zu der Zeit immer teurer geworden sind und Olympia 1976 für die Stadt Montreal so ein finanzielles Desaster war.

Haben Boykotte als politisches Druckmittel funktioniert?

Die Wirkung von Symbolpolitik einzuschätzen, ist ganz schwierig. So ein Boykott ist ja ein unterschwelliger Akt, weit entfernt von wirtschaftlichen Sanktionen oder gar einem Krieg. Man setzt nur ein Zeichen gegen einen anderen Staat. Ob es das wert war? Die Sowjetunion hat ihren Afghanistan-Krieg wegen des Boykotts jedenfalls nicht beendet und Südafrika die Apartheid nicht abgeschafft.

Wird es bei der Fußball-WM in Russland zu einem Boykott kommen?

Das halte ich für nicht so furchtbar wahrscheinlich. Boykotte funktionieren nur dann gut, wenn es der anderen Seite richtig schadet. Aber tut es Russland weh, wenn England nicht kommt? Bisher gibt es ja nicht einmal Beweise, dass Moskau direkt in den Giftanschlag verwickelt ist.

Die USA sind nicht qualifiziert, aber angenommen Deutschland und Frankreich als wichtige Verbündete Großbritanniens blieben der WM fern. Würde das die Gastgeber denn mehr schmerzen?

Das ist die Frage. Bei Olympia 1980 und 1984 war ja der Bestand gefährdet oder gefühlt der Bestand gefährdet, weil so viele Staaten fern geblieben sind. Das hat die Spiele insgesamt und die Medaillengewinner stark abgewertet. Aber ich sehe nicht so eine Front gegen Russland.

Sollte sich Deutschland solidarisch zeigen, falls die Engländer doch noch absagen?

Wirkliche Moral zeigt sich nur, wenn es teuer wird. Solidarität ist billig, wenn sie nichts kostet. Wenn es bewiesen wäre, dass die Russen es waren und die Europäer beschließen zu boykottieren, müssen wir es auch. Allerdings wäre es für uns Weltmeister sportlich ein sehr hartes Opfer.

Wem würde ein Boykott am meisten weh tun?

Am ärgerlichsten wäre es wie 1980 und 1984 für die Sportler. Der Sport ist immer der Verlierer. Eine WM ist ein Karrierehöhepunkt für jeden Fußballer.

Auch für Russland gäbe es finanzielle Einbußen, denn die Engländer geben viel Geld aus bei solchen Weltmeisterschaften. Dem einen oder anderen Hotel und der russischen Bierindustrie würden einige Rubel verloren gehen. Aber angesichts der finanziellen Dimension des Turniers wären die Verluste letztlich zu verschmerzen.

Und der Imageschaden?

Klar, eine WM und Olympia sind die beiden Rolex-Uhren, die sich ein Land umbinden kann. Sie bieten eine große Chance für eine positive Außenwirkung. Von daher wäre ein Boykott schon ärgerlich.

Da es um Russlands Image in der Welt sowieso nicht so gut bestellt ist, wage ich zu bezweifeln, dass es Wladimir Putin den Schlaf rauben würde. Schon in Sotschi (den Olympischen Winterspielen 2014 – Anm. der Red.) hat er sich auf der Tribüne vor allem mit Staatschefs aus diktatorischen oder autoritär regierten Staaten umgeben, weil einige Demokraten fern geblieben sind. Das hat ihn nicht groß gestört. Auf ein Bild mit der Queen kann er gut verzichten.

Wer entscheidet formal über einen Boykott der englischen Mannschaft?

Frau May kann ihn jedenfalls nicht verkünden. Der englische Fußballverband FA schickt die Fußballer. May könnte nur indirekt Druck machen, durch Gespräche oder die Drohung, Fördergelder zu kürzen. Gleiches gilt in Deutschland. Frau Merkel kann die Mannschaft nicht von der WM fernhalten. Der DFB ist ein unabhängiger Verband.

Heute ist Fußball ein Milliardengeschäft. Olympia 1980 oder 1984 war es in der Form noch nicht. Ist ein Boykott auch aus rein wirtschaftlichen Erwägungen unwahrscheinlich, weil die Engländer dann weniger Trikots verkaufen und Sponsoren verärgern würden?

Nein, das kann man so einfach nicht sagen. Wenn die englischen Fans nicht nach Moskau fahren, sondern nach Brighton an die See, dann hilft das dem Inlandsprodukt.

Der englische Fußballverband würde allerdings leiden. Er wäre für Sponsoren weniger wert, da er ohne Teilnahme weniger wahrgenommen wird. Wahrnehmung durch Zuschauer ist im Sponsoring bare Münze. Vermutlich gibt es sogar in den Verträgen Klauseln, die eine WM-Teilnahme belohnen.

Sollten solche Turniere überhaupt in Diktaturen oder autoritären Staaten stattfinden?

Viele westliche Staaten wollen solche Mega-Sportevents ja gar nicht mehr ausrichten, wenn wir an die gescheiterten Abstimmungen in Hamburg, München oder Oslo denken. Von daher bleibt den Verbänden häufig nichts anderes übrig.

Ich bin jedoch dafür, klare Kriterien aufzustellen, wann ein Land eine WM oder Olympia bekommen darf und wann nicht. Dass Russland die WM ausrichten darf, halte ich für einen Fehler.

Welche Kriterien meinen Sie?

Die Situation der Menschenrechte, die Pressefreiheit oder der Umgang mit Minderheiten.

Trägt das Argument, man könne durch die Werte des Sports die Gesellschaften der Gastgeberländer positiv beeinflussen?

Das ist eine schwierige Diskussion. Nehmen wir die geplante Fußball-WM 2022 in Katar. Einerseits haben sich dort durch die schlechte internationale Presse die Arbeitsbedingungen für Gastarbeiter auf Baustellen etwas verbessert. Andererseits: Hätte man das Turnier nicht hingegeben, hätte es die Baustellen gar nicht gegeben.

Gibt es weitere Beispiele von positiven Effekten in Austragungsländern?

Dass behinderte Menschen heute in China ganz anders gesehen werden, hat auch mit den Paralympics 2008 zu tun. Aber die Frage ist immer, wie nachhaltig so etwas ist. Man sollte auch nicht zu viel erwarten von Olympia oder eine Weltmeisterschaft.

Die Wirkung des Sports wird überschätzt?

Das politische System in China hat sich durch Olympia jedenfalls nicht verändert. Auch in Argentinien, wo bei der Fußball-WM 1978 eine Militärdiktatur herrschte, hat sich durch das Turnier natürlich nicht das Regierungssystem gewandelt. Russland wird durch die WM kaum liberaler werden. Punktuell sind gesellschaftliche Veränderungen zum Positiven aber möglich.

Wo liegt die Grenze, damit es doch zu einem WM-Boykott der Engländer kommt?

Es wird jetzt nach dem Attentat noch einen Sturm im Wasserglas geben und vielleicht ein paar gegenseitige Sanktionen. Aber einen Boykott halte ich auch dann für äußerst unwahrscheinlich.

Dr. Norbert Schütte ist Dozent für Sportsoziologie, Sportökonomie und Sportgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. 2016 erschien sein Buch "Grundwissen Sportmanagement".
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