Bei der Schach-WM in London steht für Magnus Carlsen einiges auf dem Spiel: Nach neun Partien gegen Fabiano Caruana sucht der Weltmeister nach seiner Bestform. Letztlich könnte es sogar um seine Karriere gehen. Nun sollen schwarze Socken helfen. Und die Taktik einer Würgeschlange.

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Die Socken brachten ihm kein Glück mehr. In der achten Partie gegen Fabiano Caruana verschwand Magnus Carlsen im Ruheraum und tauschte seine bisherigen Glücksbringer, ein Paar rote Strümpfe mit NBA-Logo, gegen ein schwarzes Paar.

Seit seiner erfolgreichen Titelverteidigung 2016 gegen Sergej Karjakin dienten sie Carlsen als Talisman.

Gegen den Weltranglistenzweiten Caruana reichten die Socken nicht mehr für den Erfolg. Ob die neuen daran etwas ändern, muss sich erst noch zeigen, denn auch die neunte Partie endete Unentschieden. Drei Spiele bleiben. In ihnen wird der US-Amerikaner alles geben.

Gestern eröffnete Caruana mit der Englischen Variante, die durch ihre Flexibilität verschiedene Möglichkeiten offen lässt. Das Spiel davor begann dagegen mit der Sweschnikow-Variante der Sizilianischen Verteidigung – einer cleveren Taktik für den Start - gut für den Herausforderer, der seinen Vorteil schließlich im 24. Zug verspielte.

Carlsen ist nicht in Bestform

Ob es ein vergebener Elfmeter gegen Carlsen war, wurde Caruana gefragt. "Nur weil du auf Magnus Druck ausübst, heißt es noch lange nicht, dass er auch kollabiert. Nein, es ist nicht so, als hätte ich einen Elfmeter vergeben." In Bestform ist Carlsen allerdings gerade nicht.

Seinen bisherigen Karrierehöhepunkt erreichte Magnus Carlsen 2013, als er sich im Alter von 22 Jahren zum zweitjüngsten Schach-Weltmeister kürte. Bei der aktuell laufenden Weltmeisterschaft in London will er zum dritten Mal den Titel verteidigen.

Caruana ist jedoch gefährlich: Nur wenige Elo-Punkte trennen die beiden in der Weltrangliste, an deren Spitze Carlsen seit 2011 ununterbrochen steht. Die Elo-Zahl stellt die Wertung im Schach dar – je mehr Punkte, desto besser der Spieler. Mit 2882 Punkten stellte Carlsen 2014 einen Rekord auf.

Das Gedächtnis eines Genies

Carlsens hervorragendes Gedächtnis fiel der Familie früh auf. Mit zwei Jahren konnte er Puzzle zusammenlegen, wusste alle Automarken der Welt, mit fünf Jahren brachte sein Vater ihm die Schachregeln bei. "Alles fühlte sich komplett normal für mich an. Als Kind hat man viel Platz im Hirn, es ist leicht, sich Automarken zu merken, Flaggen, die Städtenamen und Zahlen", erzählte er der "Süddeutschen Zeitung" vor zwei Jahren.

Eines Tages gewann Carlsen gegen seine ältere Schwester ein Schachspiel. Sie spielte daraufhin nicht mehr, ihr Bruder dafür umso mehr. Mit neun Jahren gewann er sein erstes Turnier.

Mit 13 Jahren, 2004, wurde Carlsen Großmeister, die höchste Auszeichnung für einen Turnierschachspieler. Mit 16 Jahren verließ der stille Junge die Schule, um Schachprofi zu werden.

Wenn die Boa spielt

Wie groß er einmal werden würde, zeichnete sich früh ab. Der Norweger war 13 Jahre jung, als er gegen Garri Kasparow, den ehemaligen Weltmeister, ein Unentschieden in einem Blitzschachturnier erzielte.

Sein Spielstil? "Dem Gegner alle Möglichkeiten nehmen und die eigenen Chancen nutzen." Er nennt es selbst "Boa-Constrictor-Schach".

Seit Jahren dominiert er damit den Schachsport, stieg zum Superstar in Norwegen auf, wo normalerweise Wintersportler verehrt werden. Magnus Carlsen ist noch populärer. Der 27-Jährige gilt als der "Mozart des Schach".

Das "Time Magazine" kürte ihn zu einem der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Carlsen schloss Model-Verträge ab, viele Millionen Menschen verfolgen im Fernsehen seine Spiele. Für Carlsen hat das wenig Bedeutung. Er spricht darüber kaum. "Ich versuche, Schach zu spielen, mehr nicht", sagte er dazu in der "SZ".

Unentschieden nach zwölf Spielen: Vorteil Carlsen?

In seinem Kopf dreht sich alles um Schach, den ganzen Tag. Während er anderen Leidenschaften nachgeht, etwa dem Fußballspielen, rechnet er alte Schachspiele nach deren Alternativen durch.

Drei reguläre Spiele ist Carlsen von der Titelverteidigung entfernt. Momentan stehen beide Kontrahenten bei fünf Punkten. Wer zuerst 6,5 Punkte erreicht, ist Weltmeister.

Enden die kommenden Partien alle unentschieden, geht es in die Tiebreak-Spiele, bei denen Carlsen und Caruana weniger Bedenkzeit bekommen. Der Favorit ist Carlsen, denn er ist im Schnell- und im Blitzschach Weltmeister.

Carlsen nach der WM: Titelverteidigung oder Karriereende?

Bis dahin wird der kühle Analytiker Caruana alles geben, die WM vorzeitig zu entscheiden. Sollte er sich zum neuen Weltmeister küren, ist die Zukunft des langjährigen Schach-Königs offen.

Seine Schwester sprach kürzlich im norwegischen Fernsehen gar von einem Rücktritt, den sie sich vorstellen könne, sollte ihr Bruder gegen Caruana verlieren.

Damit es nicht so weit kommt, muss Carlsen schnell in die Spur finden. Vielleicht helfen ihm doch noch die schwarzen Socken dabei.

Quellen:

  • Süddeutsche Zeiung: "Magnus Carlsen: 'Als Kind hat man viel Platz im Hirn' "
  • Tagesspiegel: "Doku über Magnus Carlsen - Freunde fehlen allerdings"
  • Abendblatt: "Schach-Weltmeister Magnus Carlsen gerät unter Druck"
  • Die Presse: "Der Schach-Weltmeister wechselt die Glückssocken"
  • DW: "Remis-Marathon im WM-Finale: Was ist los mit Carlsen?"
  • Kicker: "Der stille Kampf von Carlsen und Caruana"
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