Viele Plätze in den Olympia-Arenen in Rio bleiben leer. Es ist ein wenig euphorischer Moment in einer Phase, in der Brasilien in der politischen Krise verharrt – ein Interview über Emotionen, Ängste und Hoffnungen.

Ein Interview
von Patrick Mayer

Alle Welt schaut auf Rio, nur profitiert Rio auch davon? Die brasilianische Millionenmetropole hofft durch Olympia 2016 auf einen riesigen Imagegewinn. Doch wie realistisch ist dieser? Sind die Missstände rund um diese Spiele nicht viel größer? Im Interview mit unserer Redaktion schildert der aus Rio de Janeiro stammende brasilianische Sportjournalist Thiago Correia, mit welchen Problemen sein Land zu kämpfen hat, ob Olympia die Wende bringt und warum Touristen manche Gegenden seiner Heimatstadt besser meiden sollten.

Herr Correia, Olympia in Rio - ein Fluch oder ein Segen für Brasilien?

Thiago Correia: Nicht gut genug, um ein Segen zu sein, aber auch nicht so schlecht, dass Olympia ein Fluch für unser Land wäre. Seit feststand, dass die Spiele nach Rio de Janeiro kommen würden, gab es Diskussionen darüber, was sie hinterlassen werden. Einiges bestätigte sich, vieles ist bislang weit davon entfernt. Rio hat große und ernsthafte Probleme und die Bürger wissen darum. Wäre Olympia nicht gekommen, hätte es nicht so viel Fortschritt gegeben, nicht so viele Probleme wären gelöst worden. Ein Segen sind die Spiele dennoch nicht.

In Europa drängt sich der Eindruck auf, dass Brasilien politisch ein tief gespaltenes Land ist.
Total. Es gibt eine erhebliche Gefolgschaft für die suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff und einen anderen Teil der Wählerschaft, der den Interimspräsidenten Michel Temer unterstützt. Das Problem ist, dass es keinen Dialog gibt, weder zwischen den Politikern noch in der Bevölkerung. Social Media verschärft und verkompliziert dieses politische Klima weiter.

Mit welchen Schwierigkeiten hat Brasilien weiter zu kämpfen?
Diese aufzuzählen, ist ein undankbarer Job. Da gibt es die augenscheinlichen Probleme: die Bildung, das Gesundheitswesen, die riesige soziale Schere in diesem Land. Doch jetzt ist die politische Krise unser größtes Problem. Es gibt ein Gefühl von Instabilität, die Frage, wie es nun weitergeht – mit Dilma Rousseff oder ohne sie? Das Land verharrt im Stillstand. Das Wichtigste ist nun, diese Krise zu lösen, damit der Rest weiter funktioniert.

Das Internationale Olympische Komitee zeigt derweil Hochglanzfotos von jungen, gutaussehenden Sportlern und einem freundlichen IOC-Boss Thomas Bach aus Deutschland. Wie wirkt so etwas auf die Brasilianer?

Geht es um das Bild, das das IOC vermitteln will, zitiere ich eine viel diskutierte Frage: Olympia für wen? Der Zutritt zu den Veranstaltungen ist streng limitiert und das, was an Profit bleibt, geht vor allem zugunsten der Ober- und der Mittelklasse. Es wäre in diesen Tagen notwendig, dass die Regierung mehr Zuneigung gegenüber den Menschen aus den Randgruppen zeigt, ohne dass sie daraus einen Imagegewinn ziehen will.

Haben Brasilien und Rio auch nicht von der Fußball-WM 2014 profitiert?

Die Gewinne hielten sich in Grenzen, Studien zeigen das. Es gab keine Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bürger in den WM-Städten. Einige Stadien werden kaum benutzt, ihr Unterhalt ist aber extrem teuer.

Und jetzt geschieht dasselbe nach Olympia?

Manche Wirtschaftszweige werden Gewinne machen, wie der Handel, Hotels oder die Gastronomie. Aber sie werden nur, sagen wir, Beifahrer sein. Brasilien und Rio waren in den vergangenen Jahren im Fokus der Weltöffentlichkeit, wussten aber nicht, wie sie Vorteile daraus ziehen sollen, um wirtschaftlich zu wachsen. Der beste Beweis ist die aktuelle politische Krise.

Was wollen das IOC und Rio der Welt jetzt zeigen - und was lieber nicht?

Ich glaube nicht, dass es ein Bestreben gibt, die Slums zu verstecken, die Kultur der Favelas etwa war Teil der Eröffnungszeremonie. Die Geschichte von Rafaela Silva, die aus einem Slum kam, viel ertragen musste und die Goldmedaille für Brasilien gewann, ist das Paradebeispiel dafür, wie die Spiele in Rio wirken sollen. Es geht um die Freude der Menschen, die Schönheit der Stadt.

Eine Stadt, die laut Deutschlands Auswärtigem Amt sehr gefährlich sein soll. Das Ministerium gab eine Reisewarnung an deutsche Touristen heraus.

Ich kann das nur bestätigen. Die Brasilianer fühlen sich durch diese Sichtweise oft beleidigt. Doch die Wahrheit ist, dass es stimmt.

Wie ist dieses andere, wundervolle Rio?

Rio ist eine Stadt der Extreme. Es gibt die große Gewalt und weitere Missstände. Auf der anderen Seite ist Rios Schönheit unbeschreiblich und unvergleichbar. Die Menschen hier haben einen sehr charakteristischen Humor. Wer hierher kommt und manche Gegenden meidet, wird einen unvergesslichen Trip erleben.

Abschließend: Was wird von Olympia bleiben?

Meiner Meinung nach wird Olympia nichts verändern, höchstens die Infrastruktur hat profitiert. Ansonsten werden die Spiele der Stadt nicht den erhofften Fortschritt bringen. Was bleiben wird, sind diese unglaublichen sportlichen Momente, wie sie nur Olympia hervorbringt - und der Name Rio de Janeiro unter den olympischen Austragungsstädten.

Thiago Correia aus Rio de Janeiro arbeitet als Sportjournalist für die größte brasilianische Sportzeitung „Lance!“. Für seinen Arbeitgeber begleitet er Olympia, gilt unter Kollegen als Insider. Auch über die Fußball-WM 2014 im eigenen Land berichtete Correia.