Was für ein Abend: Ein ESC-Showdown zwischen Russland und der Ukraine - und die Ukraine gewinnt auch noch. Jamie-Lee kann sich nur wenig vorwerfen, bestätigt immerhin den Platz der Vorjahre. Unser Autor hat sich den ESC für Sie angesehen: Ein rein subjektives Minutenprotokoll des gestrigen Abends.

20.50 Uhr: Gleich geht es los. Wenn man den Buchmachern glaubt, soll die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland gewinnt, nur unwesentlich kleiner sein als die Wahrscheinlichkeit, dass ich nächste Woche im Lotto gewinne. Oder so ähnlich. Aber noch ist nichts verloren, die Wahrheit liegt auf dem Platz und ein Songcontest dauert 900 Minuten.

20.55 Uhr: Habe vergessen, das mit der neuen Punktevergabe nachzulesen. Soll kompliziert sein. Egal, am Ende werden die einem schon sagen, wer gewonnen hat.

21.00 Uhr: Es geht los mit viel Licht und lauter Musik. Models mit aufwendigen Klamotten aus weißem Papier laufen auf die Bühne. Sieht aus wie eine aufgebohrte Folge "Germany's next Topmodel". Habe Angst, dass plötzlich die Klum auf die Bühne schnarrt und irgendjemandem kein Foto gibt. Aber zum Glück kommen nur die Künstler des Abends.

Es ist offensichtlich, dass beim Eurovision Song Contest (ESC) nicht die Musik allein im Vordergrund steht. Ein Blick auf die Bühne zeigt: Das Outfit der Teilnehmer sielt offenbar eine ebenso große Rolle.

21.08 Uhr: Kommentator Peter Urban erklärt, dass man selbst in China zugucken kann und zum ersten Mal auch in den USA. Ha! Das ist also Europas Rache für die Kardashians. Und damit kommt Amerika noch gut weg.

21.10 Uhr: Die Moderatoren erklären noch mal das mit der Punktevergabe. Wenn ich das richtig verstanden habe, darf jedes Land viermal abstimmen. Dazu kommen die Stimmen des Publikums und aus den Überseegebieten. Daraus dann die Quersumme bilden, mit einem Regenbogen multiplizieren und wer dann die Zweidrittelmehrheit hat, gewinnt 12 Punkte und einen Mett-Igel. Bei Stimmengleichheit entscheidet ein Faustkampf, der Zweitplatzierte bekommt ein Überhangmandat. Ich kann mich aber auch täuschen. Ist ziemlich kompliziert das Ganze.

21.12 Uhr: Belgien beginnt. Laura Tesoro bedient sich bei ihrem "What's the Pressure" bei Queens "Another One Bites the Dust". Dazu tanzt sie auf gelben Leuchtkreisen und macht tatsächlich den Lasso-Move. Ich dachte, der sei seit dem großen Ballermann-Frieden von 2004 international geächtet. Peter Urban fühlt sich an Stefan Raabs "Wadde hadde dudde da?" erinnert. Das ist jetzt echt fies vom Urban.

Unfassbar: Italienerin singt auf Italienisch

21.33 Uhr: Die Italienerin Francesca Michielin singt. Auf Italienisch! Ist die denn verrückt geworden? Hat die noch nie was von internationaler Vermarktbarkeit gehört? Am Ende nimmt die den Contest auch noch ernst!

Diese Nationen stimmten beim ESC 2016 für Deutschland.


21.37 Uhr: Israel ist an der Reihe und präsentiert das erste Lied, das ohne Melodie auskommt. Dafür gibt’s viel Sternen-Gefunkel.

21.45 Uhr: Frans aus Schweden singt. Gilt als Mit-Favorit. Zu Recht: gefälliger Song, niedlicher Typ, gewinnendes Lächeln, Nervpotenzial sehr gering. Passt in die aktuelle Chart-Landschaft.

21.51 Uhr: Die Teilnehmerin aus Südkorea betritt die Bühne. Oh, ich höre gerade, dass das unsere Jamie-Lee aus Deutschland ist. Ein etwas bizarres Bild: sehr düsteres Bühnenbild mit Fantasie-Bäumen, lila Nebel und einem traurigen Mond im Hintergrund. Dazwischen Jamie-Lee mit Bonbon-Kleid und buntem, nennen wir es jetzt einfach mal, "Zeug" auf dem Kopf. Toll gesungen, nettes Liedchen, aber insgesamt etwas statisch im Vortrag. Da besteht die Gefahr, dass das am Ende ein bisschen untergeht zwischen all dem Getöse der Konkurrenz. Und nein, Merkel ist nicht schuld, wenn es doch wieder nur der letzte Platz wird. Aber man weiß ja nie und Jamie-Lee ist bekanntlich eine Turniermannschaft.

22.04 Uhr: Geheimtipp Australien ist jetzt dran. Australien beim Eurovision Song Contest! Für alle, die sich den ESC in den Grenzen von 1962 wünschen, natürlich ein Endzeit-Szenario. Aber wer weiß, vielleicht ist das ja nicht das Ende des Eurovision Song Contest, sondern der Beginn des Worldvision Song Contest. Und 2020 wird Brasilien Fußball-Europameister. Doch wir schweifen ab. Die Australierin singt laut, singt gut, aber ist das wirklich der Geheimtipp? Langweilig ist es schon ein bisschen.

22.09 Uhr: Zypern. Das erste Mal elektrische Gitarren und ein Schlagzeug. Echte Musik! Habe Tränen in den Augen. Schön ist es trotzdem nicht.

22:20 Uhr: Die Vertreterin Kroatiens steht auf der Bühne. Oha. Viel Kleid. Wenig Frisur. Sehr viel Kleid. Viel Gesang. Jetzt plötzlich weniger Kleid. Immer noch gleich viel Frisur. Jetzt kein Gesang mehr.

22.24 Uhr: Das russische Lied klingt ein bisschen wie von Dieter Bohlen produziert. Dafür aber schickes Video-Gedöns im Hintergrund. Da hat sich jemand Mühe gegeben. Aber Dieter Bohlen?

22.35 Uhr: Ukraine. Noch ein Geheimtipp. Wegen der politischen Botschaft des Songs. Jetzt mal unabhängig von Text und Botschaft ist das auch eine schöne Melodie und gut gesungen. Bei Musik jetzt nicht ganz unwesentlich.


22.48 Uhr: Die Österreicherin Zoë singt französisch. Warum? Urban hat's erklärt, ich hab's mir leider nicht gemerkt. Französischer Gesang, Blümchen und Schmetterlinge im Hintergrund, leichte Träller-Nummer - zum ersten Mal stellt sich das alte Grandprix-Gefühl ein.

22.55 Uhr: Für Großbritannien singen zwei Liverpool-Fans "You're not Alone". Ist offenbar so ein Liverpool-Ding dieses Nicht-Alleine-Sein. Klingt, als würde das Lied, wenn es groß ist, ein echter Popsong werden wollen.

23 Uhr: Das Singen wird jetzt erst einmal für beendet erklärt.

Justin Timberlake ist auch dabei


23.20 Uhr: Justin Timberlake ergreift das Wort und präsentiert sein neues Lied. Mensch, was für ein Glück für den ESC, dass er ausgerechnet dann stattfindet, wenn Justin Timberlake einen neuen Film promotet.

23.50 Uhr: Es geht los mit den Punkten, zuerst die der Jury, dann die der Zuschauer.

23.55 Uhr: Deutschland bekommt seinen ersten Punkt. Von der georgischen Jury. Dabei bleibt es auch. Die Top 5 der Jurys sind: Australien, Ukraine, Frankreich, Malta und Russland. Jetzt kommen die Punkte des Publikums.

Jamala erobert das Publikum mit ihrem Song "1944".



0.36: Die Punkte sind fast alle vergeben, es kommt zum Duell zwischen Russland und der Ukraine. Ausgerechnet. Kannste dir nicht ausdenken so was. Um 0.37 Uhr ist klar: Die Ukraine gewinnt den ESC, Deutschland wird Letzter.

Fazit: Viel Licht, viel Gefunkel - wer ohne epileptischen durchgekommen ist: herzlichen Glückwunsch! Insgesamt aber eine launige Show, kein Song zum absoluten Schämen oder Davonlaufen. An alle die für die Ukrainerin Jamala angerufen haben: Gratulation! An alle die für Jamie-Lee angerufen haben: Nicht traurig sein! An alle, die für Justin Timberlake angerufen haben: Oaaaar!