Die Musik von Parov Stelar klingt nach großer, weiter Welt mit einer ordentlichen Dosis Nostalgie und guter Laune. Der Oberösterreicher mixt Jazz, House und Downbeat, hat den Electroswing praktisch miterfunden. Im Interview spricht er über Conchita Wurst, den Eurovision Song Contest und seine Dämonen.

Wenn man mit Leuten über dich und deine Musik spricht, heißt es oft ganz überrascht: "Was, der ist aus Österreich?!" Ärgert dich das oder freut es dich?

Parov Stelar: Im Endeffekt weder noch. Das gibt einem eine gewisse Anonymität, die ich sehr schätze. Zum anderen geht es mir um die Musik, und die hat für mich keine Nationalität. Für mich ist es egal, ob ich als österreichischer Musiker wahrgenommen werde. Das würde an meiner Arbeit nichts ändern. Wo man geboren ist, ist man geboren. Das heißt noch lange nicht, dass man sein Leben auch dort verbringt.

Dieses Los, dass man dich nicht als Österreicher kennt, teilst du mit Kollegen wie Waldeck, Klangkarussell oder Kruder und Dorfmeister. Traut man Österreichern gemeinhin nicht zu, international erfolgreich zu sein?

Ich kann mich auch in Österreich nicht beschweren. Wir hatten beim Linz-Konzert letztens über 8.000 Leute. Es wäre grotesk, zu sagen: "Ma, schad, da kennt uns keiner." Vielleicht ist es schwierig, uns als österreichische Musiker wahrzunehmen. Meine Band ist bunt gemischt: Der Trompeter kommt aus den USA, der Schlagzeuger ist halber Schwede. Vielleicht auch, weil wir keine deutschen Texte haben.

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Was ist für dich "typisch österreichisch"?

Da gibt es mehrere Strömungen. Wir hatten mal den Austropop. Ich glaube, das "typisch Österreichische" beinhaltet zumindest die Landessprache in der Kunst. Da gibt es ganz wenige wie Falco, aber der hatte auch englische Texte, obwohl seine größten Hits auf Deutsch waren.

In Bukarest spielst du vor 45.000 Menschen, in Linz vor 8.000. Du bist weltberühmt, nur nicht daheim. Ist die Szene einfach zu klein?

Ich empfinde es nicht so. Ich lehne zum Beispiel sehr viele Presseanfragen ab, weil es mir nicht so wichtig ist, dass ich mein Bild irgendwo auf den Titelseiten sehe. Mir ist viel wichtiger, dass die Musik transportiert wird. Insofern bin ich selbst schuld, dass ich nicht so bekannt bin. Vor allem ist es für meine musikalische Karriere vielleicht nicht ganz so wichtig wie für einen Andreas Gabalier, bei dem die Medien eine ganz entscheidende Rolle für die Karriere spielen.

Ganz so wild ist es nicht, international kennt man dich ja durchaus.

Österreich ist ein kleines Land. Vielleicht schreibt es sich auch über einen Künstler leichter, der extra aus London anreist und schon deshalb Exotenstatus hat. Das ist im Ausland ähnlich. Wenn du in Paris ein Konzert spielst und du kommst aus Autriche, ist das anders. Vielleicht ist das gar kein österreichisches Problem, sondern ein allgemein menschliches.

The Demon Diaries - Parov Stelar

© YouTube

Du bist in Linz aufgewachsen. Hat es dich schon früh in die Welt gezogen?

Eigentlich gar nicht so extrem. Ich bin zwar Schütze vom Sternzeichen, und denen sagt man nach, dass sie ständig irgendwie rumreisen müssen... Durch meinen Großvater bin ich als Jugendlicher sehr viel herumgekommen. Der war ein Vagabund und hat mich mitgenommen. Ich bin aber nicht unbedingt der Typ, der ständig Fernweh hat.

Wohin hat er dich mitgenommen?

Überall dorthin, wo Meer war, in ganz Europa. (lacht) Überall dort, wo Sonne und Meer war, war mein Großvater zu Hause.

Bist du ihm da ähnlich?

In gewissem Maß schon. Ich bin lieber am Meer als in den Bergen. Wir wohnen nicht mehr in Österreich, sondern auf Mallorca. Das war auch mein Wunschplatz. Palma ist eine internationale Stadt in der richtigen Größenordnung. Ich brauche keine riesige Großstadt mehr, das habe ich alles gehabt in meinem Leben. Du bist innerhalb von zwei Stunden überall in Europa. Und das Wetter ist gut. Wir hatten dort mal eine Zweitwohnung, und irgendwann sind wir dortgeblieben.

So richtig STS-mäßig.

Ja, genau! (lacht) Irgendwann bleib i dann durt. So ungefähr, ja.

Es herrscht eine neue Lust am österreichischen Pop – und das nicht nur in seinem Heimatland. Austro-Bands wie Wanda oder Bilderbuch sind auch im Ausland so erfolgreich, dass nicht einmal die ZDF-Nachrichten oder das Deutsche-Bahn-Magazin um sie herum kommen. Wie machen die das? Musikjournalist Michael Ternai vom Musik-Informationszentrum MICA weiß es.

Du hast dein Label "Etage Noir" 2003 laut eigener Aussage aus der Not heraus gegründet, weil keiner deine Musik spielen wollte. Was hat sich seither verändert?

Es hat sich für mich glücklicherweise sehr viel verändert. Das Label ist gewachsen und wird im Herbst noch mehr wachsen, weil wir unser Team vergrößern. Je mehr man selbst macht, desto mehr Kontrolle hat man über die eigene Musik. Ich hab nie auf jemanden hören müssen und alles aus meinem Bauch heraus entscheiden können. Das wollte ich am Anfang gar nicht. Es war mein größtes Ziel, bei einem Label zu sein, aber aus der Not heraus ist etwas sehr Positives für mich entstanden.

Auf Ö3 wirst du vermutlich trotzdem nicht gespielt.

Freilich... die spielen uns jeden Tag sogar, aber um zwei oder drei Uhr in der Früh, so dass man die Quote dann doch erfüllt. Aber das ist ein anderes Thema.

"The Demon Diaries" erscheint am 1. Mai.

Wie stehst du zum aktuellen Hype in Deutschland um den "neuen Austropop" von Bands wie Wanda und Bilderbuch?

Ich finde das großartig! Ich zolle den Bands großen Respekt, weil die ein gewisses österreichisches Selbstvertrauen zurückgeholt haben. Das war höchste Zeit. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass das durch Plattenfirmen, Medien und durch andere Mechanismen funktioniert. Diese Bands haben gesagt: "Wir scheißen drauf und machen das jetzt sowieso, wie wir wollen." Und haben Großartiges geleistet, auch für Österreich.

Wirst du dir den Song Contest anschauen? Der findet ja das erste Mal seit 1967 wieder in Wien statt.

Boah... Das ist jetzt kein Muss für mich. Ich habe mir auch das Finale der Fußball-WM nicht angeschaut. Meistens ziehe ich solchen Veranstaltungen ein gemütliches Bier mit meiner Frau vor.

Ich habe mich wahnsinnig gefreut letztes Jahr für Conchita Wurst, weil das so viele Statements auf einmal waren. Nur der Song Contest an sich ist eher so ein komisches Happening geworden. Da geht es viel um Sympathien, die verschiedene Länder füreinander haben. Wenn sie offensichtlich gar keine Sympathien füreinander haben, geben sie sich besonders viele Punkte, damit es politisch wieder korrekt ist.

Bist du Fan von Conchita Wurst?

Es ist nicht so, dass ich Fan bin. Sie ist eine großartige Sängerin. Ich mag auch ihre Songs ganz gern. Und so etwas zu schaffen, bedeutet, sehr beharrlich zu sein und sehr ausdauernd. Auch der Mut: Dafür gebührt ihr mein tiefster Respekt.

Du hast in 14 Jahren Karriere sechs Alben veröffentlicht. Woher nimmst du deine Inspirationen?

Sobald man als Künstler mit offenen Augen und Ohren durchs Leben geht, lauert an jeder Ecke eine Inspiration. Das macht einen Künstler aus: dass er in alltäglichen Situationen dieses Nichtalltägliche rausfiltern kann. Und dieses Thema sichtbar oder hörbar macht. Ich habe einmal einer einen Monat alten Katze zugeschaut. Die hat getanzt und ist durch die Straße gegroovt - und daraus ist mein Lied "Catgroove" geworden.

Du verbringst teilweise Wochen damit, nach dem perfekten Sample für ein Lied zu suchen. Wie kann man sich das vorstellen?

Meine Arbeit ist immer eine Suche. Ich beginne meistens mit einem Grundbeat, um den herum ich etwas bastle. Ich arbeite mich durch wahnsinnig viele Platten durch, bis ich ein Stück höre, bei dem mir der Anschlag vom B gefällt. Den schneide ich raus und platziere ihn. Dann suche ich wie beim Puzzle bauen das nächste Stück. So entsteht langsam ein Bild, dass noch geschliffen, gehobelt und geformt wird. Im Endeffekt ist der moderne Produzent ein Orchester. Ich muss von jedem Instrument Ahnung haben. Sonst könnte ich nie einen Bass programmieren, sampeln oder komponieren. Das gleiche gilt für Streicher und Trompeten.

Beherrscht du die Instrumente tatsächlich?

Ich kann kein einziges, aber ich weiß, wie sie klingen müssen, damit es gut klingt. Und ich kann sie so platzieren und so programmieren, dass sie echt klingen. Das ist wichtig, wenn ich mit Musikern ins Studio gehe, um zu vermitteln, was ich will.

Am 1. Mai erscheint dein neues Album "The Demon Diaries". Deine Musik ist ja nun viel, aber nicht düster. Auf welche Dämonen spielst du an?

Ich glaube, dass das Album auf CD zwei sogar düster ist. Oder vielleicht melancholisch. Das hat aber nicht unbedingt mit dem Dämon an sich zu tun. Für mich war das der Dämon, der mich antreibt.
Der dich auf der einen Seite belohnen kann, indem du ein schönes Stück zusammenbringst und darüber glücklich bist. Oder auf der anderen Seite drei Wochen lang nach dem richtigen Teil suchen und nichts finden lässt. Das fühlt sich manchmal schon sehr fremdbestimmt an.

Mit welchen Dämonen kämpfst du?

Eben genau mit dem! (lacht) Auf der einen Seite versuche ich, ein glücklicher Mensch zu sein. Oder sagen wir zufrieden. Und das bin ich. Nur das große Problem ist: Der Dämon lässt einen nie zufrieden sein. Kaum kommt man an, muss man weiter. Das ist für die Kunst wahrscheinlich unerlässlich. Zufriedene Künstler sind meistens sehr schlechte Künstler, die bleiben stehen. Der hungrige Künstler ist der interessantere. Und ohne Dämon gibt es auch keinen Hunger.

Das heißt, du gewinnst deinem Dämon etwas Positives ab.

Immer. Ich schreibe sehr gern melancholische Stücke, aber es muss immer eine gewisse Form von positiver Melancholie sein, die trotz allem immer eine Hintertür offen lässt. So eine Endfrustration ist ja etwas Schlimmes. Wenn man mal dort drin steckt, ist man auch nicht mehr in der Lage, Musik zu machen.

Marcus Füreder - besser bekannt als Parov Stelar - ist ein österreichischer Produzent und DJ. Aufgewachsen in Linz, lebt Füreder mit seiner Frau, der Musikerin Lilja Bloom, und dem gemeinsamen Kind in Palma de Mallorca.