Deutschland im Comeback-Wahn. Nachdem letzte Woche Thomas Gottschalk (der einzige Mann, dem eine Tony Marshall-Frisur noch besser steht als Tony Marshall) ein beeindruckend quotenstarkes "Wetten, Dass"-Comeback hingelegt hatte, zieht diese Woche "TV Total" nach. Die Älteren erinnern sich vielleicht: Als der gelernte Metzger Stefan Raab 1999 mit der als TV-Kritik getarnten Dauerwerbesendung für zweitklassige Zotengags bei ProSieben auf Sendung ging, gab es noch keine iPhones, keine AfD und keine Impfgegner. Es war damals also nicht alles schlecht. Mal von den Witzen bei "TV Total" abgesehen.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Diesen Mittwoch dann kehrt relativ plötzlich ein deutlich abgespeckter Stefan Raab mit sehr viel weniger Kilos und sehr viel weniger Zähnen nach sechs Jahren Kreativpause auf die Showbühne seines größten Erfolges zurück. Zur Feier des Tages nennt er sich jetzt "Sebastian Pufpaff" und ist optisch inzwischen eine Mischung aus Thomas Helmer und Jan Böhmermann, fein umhüllt von den Anzügen von Philipp Amthor. Das ist jetzt natürlich eine satirische Überhöhung. Ich mag Sebastian Pufpaff. Gut, das wird ihn wenig interessieren, aber ich wollte das sicherheitshalber kurz erwähnen, damit meine Einladung zu "TV Total" demnächst nicht in der Post verloren geht.

Christian Sebastian Lindner-Pufpaff

Aber mal was anderes. Neben Pufpaff hat sich diese Woche noch ein weiterer Kandidat mit zweifelhafter Kurzhaarfrisur in die Notizblöcke etatmäßiger Chefkommentatoren der einschlägigen Twitter- und Kolumnenkriegsschauplätze gespielt: die "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren"-Ikone Christian Linder.

Der Chef von einigen der wenigen positiven Überraschungen des kürzlich im Ampelfieber verendeten Bundestags-Wahlkampfes (Johannes Vogel und Konstantin Kuhle etwa) brilliert in den "Tagesthemen" zum Thema Ablehnung der Ausgangs- und Kontaktsperren mit einem jetzt schon legendären Satz für die Corona-Geschichtsbücher: "Weil diese Maßnahmen nach wissenschaftlichen Untersuchungen keine Wirksamkeit haben". Ja, Sie lesen richtig. Der Politikwissenschaftler aus Wermelskirchen entscheidet nun offensichtlich bundesweit und verbindlich, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse wie zu deuten sind. Da sprintet die Ampel-Koalition als Zukunftshoffnung für die Kernprobleme unseres Landes ja schon mal genau in die richtige Richtung los.

Ich möchte Sie nun hier nicht mit seitenlangen wissenschaftlichen Quellen langweilen, die das Gegenteil beweisen. Wir sind hier ja nicht auf einem Virologen-Kongress. Darüber hinaus ist wohl davon auszugehen, dass die meisten, die die Meinung teilen, eine Impfung gegen COVID habe noch "viel zu viele unerforschte Langzeitfolgen" oder "mache unfruchtbar" oder wäre gar "ein riesiges Gen-Experiment der Eliten", für evidenzbasierte Wissenschaft und Fakten ohnehin nicht zu begeistern sind.

Wer einem selbsternannten Experten, der auf YouTube halb tollwütig vor Echauffierungs-Adrenalin seine kruden Thesen und Verschwörungstheorien als Beweise gegen die Wirkung einer Impfung oder gleich direkt gegen die Existenz einer Pandemie herausschwurbelt, mehr vertraut als zum Beispiel Karl Lauterbach, Melanie Brinkmann oder Christian Drosten, der scheint für vernunftbasierte Faktenauswertung etwa so affin zu sein wie Mathias Döpfner für Journalisten, die nicht wie sein ehemaliger BILD-Chefredakteur sind: Nämlich gar nicht.

Schwurbler-Festspiele auf Social Media

Ich verlege mich daher lieber auf die angenehmere Variante der Rezeption des Auftritts von Christian Lindner. Spätestens seit selbst "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni mehrfach nachfragen musste, bis er diesen Exkurs in wissenschaftsfreies Querdenker-Vokabular als tatsächlich passiert begreifen konnte, freue ich mich also auf die kommende Woche.

In der Ahnenreihe der dieswöchigen Märchenstunde bei der Lindner'schen Pandemie-Puppenkiste ist wohl davon auszugehen, dass Christian Lindner dann bei "Markus Lanz" sitzt und uns über weitere interessante Erkenntnisse aus der Telegram-Impfgegner-Universität berichtet: Altbier kann Alzheimer heilen, Schalke 04 wird zur kommenden Saison Kylian Mbappé verpflichten, Chemtrails machen uns alle zu Grünen-Wählern und Angela Merkel ist ein Reptiloid in Menschengestalt.

Bis dahin sollten Sie sich übrigens von Social-Media-Kommentarspalten fernhalten. Jedenfalls, wenn Sie sich nicht in einen Orkan der Absurditäten schmeißen und durch den Konsum der, naja, Meinungen des durchschnittlichen Impfverweigerers automatisch zehn bis 15 Prozent Ihrer Gehirnzellen verlieren wollen.

Dort feiern sich jetzt nämlich alle besorgten Maskenkritiker für ihre intellektuellen Arschbomben der vergangenen Monate ab, die jetzt endlich sogar FDP-CEO Christian Lindner in ihre Arme getrieben haben. Musste man sich bisher mit Posterboys und -Girls wie Stefan Homburg, Attila Hildmann, Sahra Wagenknecht, Jan Josef Liefers, Michael Wendler, Nena oder Alice Weidel schmücken, wähnt man jetzt einen echten Hochglanz-Politiker in seinen Reihen, der vermutlich sogar die nächsten vier Jahre Finanzminister sein wird.

MaiLab ist Dein Lab

In dieser Euphorie ging es der Fraktion von Solidaritätsverweigerern gleich sehr viel leichter von der Hand, sich auch in der vergangenen Woche wieder in jeden Honeypot zu schmeißen, der sich ihnen feilbot. Und natürlich jedes verständlich und mit Fakten unterfütterte Statement pro Impfung unverdrossen mit ihren Kernkompetenzen zu bekämpfen: Hetze, Beleidigungen, Sexismus und Rassismus.

Und dabei spreche ich selbstverständlich nicht von den knapp 500 teilweise justiziablen Antworten auf meinen eigenen Tweet "Sie wollen keine Impfung. Sie wollen aber auch keinen Lockdown, keine Kontakt- und Ausgangssperren, keine Schulschließungen, kein 3G, kein 2G und keine Tests bezahlen. Das Einzige, was sie wollen, ist wissenschaftsferne, liberalhysterische Pseudo-Freiheit ohne Verantwortung."

Was ich dafür an Antworten erhalten habe, ist ein Spaziergang am Strand des Ozeans der Glückseligkeit gegen das, was gleichzeitig die Journalistin und Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim aushalten musste. Leider muss man sagen: mal wieder. Ihr diese Woche gedropptes Video "Impfpflicht ist OK" löste einen Sturm der unqualifizierten Empörung aus, gegen den man die paar Hundert Beleidigungen gegen mich als Heiratsanträge werten darf.

Inhaltlich gibt es gegen das knapp eine Viertelstunde lange Info-Video, das auf Mai This YouTube Kanal "MaiLab" veröffentlicht wurde und in dem sie haarklein und faktenbasiert erklärt, warum sie ihre Meinung zum Thema Impfpflicht geändert hat, kaum etwas einzuwenden. Man beschränkte sich in der Rezension also aus Mangel an konstruktiven Gegenargumenten niveaubedingt darauf, Mai Thi Nguyen-Kim persönlich zu beleidigen.

Insbesondere bei der Sekte der pöbelbereiten Impfversagern, die für sich selber stets Respekt und Verständnis einfordern und auf ihre Grundrechte pochen, zeigt sich das wahre, hetzerische, fäkalsprachendurchseuchte Gesicht regelmäßig. Beim kleinsten Widerspruch gegen ihre Legende der Impf-Untauglichkeit flackert es auf: Das Feuer der Bildungsfernen. Oder wenn man so will: Die Mutter der Dummheit hat immer Brandbeschleuniger dabei.

Der Bruder meines Taxifahrers seine Hundesitterin ihr Frisör kennt jemanden, der …

Wenn man es statistisch betrachtet, gibt es eigentlich nur eine Sache, die Impfgegner noch mehr lieben, als Menschen mit gegenteiliger Meinung wild zu beschimpfen, als "Faschisten" zu verunglimpfen oder jedwede Intelligenz abzusprechen: das Erfinden von sogenannten Impftoten. In jeder größeren Social-Media-Diskussion tauchen im Schnitt etwa 200 Kandidaten auf, die jemanden extrem gut kennen, der direkt nach der Impfung unter dubiosen Umständen wie aus dem Nichts tot umgefallen ist.

Bei näherem Nachfragen handelt es sich dann immer um eine weitestgehend zu null Prozent dokumentierte Bekanntheitsgrad-Kette á la "die Zahnarzthelferin aus der Praxis, wo der Bruder vom Arbeitskollegen von meiner Nachbarin immer die Post abholt, die hatte BionTech und zwei Tage später ist die verstorben und die Behörden vertuschen das jetzt".

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Es gibt leider Menschen, die vermutlich im Zusammenhang mit einer Impfung verstorben sind. Das bestreitet niemand. Im Verhältnis zu den mittlerweile über vier Milliarden Menschen, die weltweit bereits eine COVID-Impfung erhalten haben, zeigt sich allerdings eine mehr als verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit.

Würden auch nur fünf Prozent der Fälle wirklich existieren, in denen Social-Media-Troll-Accounts in der Anonymität der Kommentarspalten die Bemühungen um seriöse Impf-Aufklärung dadurch sabotieren, von Impftoten zu fabulieren, die reine Erfindungen und Wichtigtuereien sind, hätten wir hier in Deutschland bereits Zustände wie im April und Mai des vergangenen Jahres in New York, als Leichenhäuser und Bestattungsinstitute mit der Anzahl der Verstorbenen nicht mehr mithalten konnten und Leichen teilweise in Massengräbern und Lastwagen zwischengelagert werden mussten.

Lassen Sie sich impfen!

Ich möchte diese Woche daher mit einem Appell schließen: Lassen Sie sich nicht von selbsternannten COVID-Experten mit falschen Informationen, verdrehten oder kognitiv nicht richtig erfassten Statistiken verwirren, sondern überlegen Sie sich einfach Folgendes: Möchten Sie so schnell wie möglich wieder in eine Zeit zurückkehren, an die wir uns kaum noch erinnern, obwohl sie nicht mal zwei Jahre her ist? Möchten Sie zurück in die Unbeschwertheit der Zeit vor März 2020, als noch ganz andere Themen die Aufreger der Woche waren? Warum Jogi Löw mit den Fingern in seiner Hose spielt und die dann genüsslich beschnuppert zum Beispiel?

Dann lassen Sie sich impfen. Tut nicht weh und hilft vor allem Ihnen, gegen COVID bestmöglich gewappnet zu sein, aber auch der Allgemeinheit. Falls Sie unsicher sind, googeln Sie einfach "Schutz vor COVID geimpft und ungeimpft" und lassen Sie die nackten Zahlen auf sich wirken. Ich zähle auf Sie! Danke!

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