Die FDP hat in Deutschland 77.000 Mitglieder. Das Durchschnittsalter liegt bei 48 Jahren. 21,6 Prozent der Mitglieder sind Frauen. Über die Höhe des Anteils an Porsche-Aktionären liegen keine gesicherten Informationen vor. 77.000 Mitglieder, mal zur Einordnung, das sind weniger Menschen, als Borussia Dortmund pro Heimspiel Zuschauer empfängt. Mal von den Jahren mit coronabedingten Zugangsbeschränkungen abgesehen. Und der Frauenanteil ist im Signal Iduna Park ebenfalls höher. Wenn man so will, bekäme die heutige FDP mit ihrer Gallionsfigur Christian Darth Vader Lindner selbst dann das schönste Stadion Deutschlands nicht voll, wenn alle Mitglieder vollzählig antreten würden.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Pro Bundesligaspiel werden vor den knapp 80.000 Zuschauern in Dortmund bis zu drei Punkte vergeben. Eine Zahl, die in den kommenden Jahren auch für die FDP eine wichtige Rolle spielen wird. Die aktuelle politische Ausrichtung (gepaart mit dem teilweise desaströsen Kommunikationskonzept ihrer Protagonisten) könnte die noch zu Beginn der Koalitionsverhandlungen Ende 2021 als Partei der Innovation, Hoffnung und Zukunft geltende FDP zur Drei-Prozent-Partei machen.

Inzwischen kann sich die FDP, die unter Christian Lindner vornehmlich für ihre Mehrwertsteuer-Entlastung für die Hotellerie bekannt gewordene Spaßpartei der Turbokapitalisten ja nicht mal mehr aller Stimmen von Wählern sicher sein, deren gestiegene Energiekosten sanft von ihren üppigen Aktienpaketen diverser Mineralölkonzerne abgefedert werden. Und das ist nach dem Tankrabatt-Fiasko, das die FDP extra als staatliches Unterstützungs-Modul für hungerleidende Energie-Giganten durchgeboxt hatte, dann schon ziemlich undankbar.

Christian Marie Antoinette Lindner

Aber mal raus aus der Theorie und rein in die liberalen Hunger Games für Armuts-Verachter. Sylt-Fan, Borchardt-Connaisseur und Porsche-Junkie Lindner beispielsweise erteilt dem wohl fraglos als Erfolg wertbaren 9-Euro-Ticket für die Zukunft eine Absage. Die Beibehaltung eines so günstigen Öffentlichen Nahverkehrs sei "nicht fair“, weil (Achtung, darauf muss man erst mal kommen) "Menschen auf dem Land, die keinen Bahnhof in der Nähe haben und auf das Auto angewiesen sind, ihn subventionieren".

Da stellen sich natürlich so einige Fragen. Auf toxischen Diskurs-Schlachtfeldern wie Twitter genauso wie an Stammtischen, in Mitarbeiterkantinen und in Leitartikeln. Zwei davon wären beispielsweise:

  • Subventionieren Menschen, die kein Auto haben, dann nicht auch Straßen, Autobahnen und Parkplätze?
  • Subventionieren Menschen, die nicht ständig Flugreisen machen, dann nicht auch die 9-Milliarden-Rettung der Lufthansa?

Die Frage, ob es nicht angesichts der Herausforderungen etwa beim Thema Klimawandel ohnehin die bessere politische Gesamtlösung wäre, dafür zu sorgen, dass Menschen auf dem Land auch gut mit Bahnhöfen versorgt werden, stellt sich Lindner übrigens nicht. Warum auch? Wenn keine Busse fahren, sollen sie doch den Porsche nehmen.

Die Zustimmung für das 9-Euro-Ticket liegt in der Bevölkerung bei etwa 80 Prozent. Die Umfragewerte der FDP bei etwa 7 Prozent, Tendenz fallend. Mit anderen Worten: Das 9-Euro-Ticket ist etwa 11,5-mal so beliebt wie die Partei, die es nicht verlängern möchte. Auch, dass Christian Lindner in seiner Gesamtperformance selten für etwas ist, aber dafür ziemlich regelmäßig gegen alles andere, wirft ein mehr und mehr zweifelhaftes Licht auf den zotensicheren Finanzminister, der gerne mit sexistischen Büttenreden seine Parteikolleginnen brüskiert. Wer erinnert sich nicht gerne an Highlights wie "Linda Teuteberg und ich haben ungefähr 300-mal den Tag zusammen begonnen. Ich spreche über unser tägliches, morgendliches Telefonat zur politischen Lage. Nicht was ihr jetzt denkt“. Nicht was Ihr jetzt denkt. Kracher. Mario Barth macht sich bereits fleißig Notizen.

Mehr Dienst wagen

Das 9-Euro-Ticket scheint für Lindner so eine Art Endgegner zu sein. Sein "Der Markt regelt das“-Mindset produziert offenbar im Minutentakt weitere Analogien, die der eher nicht als kamera-, talkshow- oder interviewscheue Wuppertaler fleißig in die Notizbücher und Kameras der politischen Berichterstatter diktiert. Da fallen dann im Zusammenhang mit stark vergünstigten ÖPNV-Tarifen auch schon mal Vokabeln wie "Gratismentalität“ oder "Linke Polemik“. Gut, man könnte Lindner nun fragen, inwiefern seine Abneigung zu einer "Gratismentalität“ auch für Bereiche wie Erbschaftssteuer gilt, oder für die quasi nicht vorhandenen Steuerzahlungen ausländischer Großkonzerne wie Amazon, Facebook oder Apple. Oder ob man als Privatperson, die keine Kirchensteuer bezahlt, zum Nulltarif kirchlich heiraten dürfen sollte. All das fragt sich Christian Lindner allerdings nicht.

Auch sein Ausflug zur anti-woke-geschwängerten Clickbait-Kuh auf der Lobbyismus-Weide steht auf argumentativ, sagen wir mal freundlich, interessanten Füßen. Lindner bezeichnet Kritik am Dienstwagenprivileg als "Linke Polemik“. Man könnte sich fragen, warum Menschen, die so viel verdienen und so privilegiert sind, dass sie einen Dienstwagen gestellt bekommen, staatlich subventioniert werden – Menschen, die dafür nicht genug verdienen und mit dem Bus fahren müssen, dagegen nicht. Dafür müsste man allerdings ein Gespür für die Realitäten in unserem Land ausgebildet haben, das inzwischen sogar Parteifreunde bei Lindner vermissen.

Meine persönliche Meinung zum Thema Dienstwagen ist ziemlich radikal. Ich finde, in unserer Gesellschaft sollte jede Krankenpflegerin einen Dienstwagen erhalten, während Manager, Politiker und DAX-Vorstände als leuchtende Vorbilder für ihre hunderttausenden von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ein Gratis-Ticket für den ÖPNV erhalten könnten. Ich weiß, dass das illusorisch ist. Diskurs-Bereicherer, aktuell in ihrem ungebremsten Social-Media-Output stets zwischen Impfverweigerer und Putinversteher, würden es vermutlich "linksgrünversifft“ nennen. Das ist mir aber ehrlich gesagt immer noch lieber, als mir von Christian Lindner anhören zu müssen, das 9-Euro-Ticket wäre eine "Umverteilung“ von oben nach unten. Das ist beinahe schon grenzenlos perfide, wenn man in die Betrachtung mal mit einbezieht, dass die kontinuierlich rasant steigenden Kosten für Miete oder Energie im Prinzip ebenfalls eine Umverteilung sind – aber halt von unten nach oben, und in der Richtung ist es für die FDP offenbar in Ordnung.

Das V in FDP steht für Virologie

Kleines Fun Fact am Rande: Erstaunlich wenig gab es zum Thema Öffentlicher Nahverkehr diese Woche vom FDP-Maskottchen und "Bild TV“ Co-Moderator Wolfgang Kubicki zu hören. Aber vielleicht war er damit beschäftigt, einen neuen Duschrekord aufzustellen. Der dienstälteste Liberal-Chauvinist ist Lindner diese Woche also nicht als FDP-Abschaffungs-Katalysator in die Parade gefahren. Zahllose Hinterbänkler aus der FDP-Bundestagsfraktion dagegen schon. Wenn die eigene Frustration über mediale Bedeutungslosigkeit zu pathologisch wird, greift der durchschnittliche FDP-Abgeordnete in diesem Sommer zum Allheilmittel Corona-Schwurbelei. Mit Tweets, in denen vorher weitestgehend unbekannte FDP-Trittbrettfahrer das Querdenker-Narrativ des "alle drei Monate Corona-Impfung“-Szenarios zur eigenen Reichweitenoptimierung in die Verschwörungstheoretiker-Bubble nutzen und gleichzeitig beteuern, sie würden wirklich absolut zu 100 Prozent mit Sicherheit nie wieder eine Maske tragen, könnte man inzwischen das gesamte Hans-Dietrich-Genscher-Haus tapezieren.

Anbiederung an eine Zielgruppe, deren Informationsfokus auf faktenbefreiten Hetz-Parolen fußt. Der medizinische Fachbegriff dafür lautet Axelspringeringitis. Fast spürt man, wie liberale Großkaliber wie Gerhart Baum körperliche Schmerzen erleiden, sobald sie sich die intellektuellen Agonien des Nachwuchses in der Partei anschauen, die er mithalf, groß zu machen. Das alles zusammengenommen lässt neutrale Beobachter nicht zwangsläufig zu der Überzeugung kommen, ihre Klientelpolitik und ihre Abneigung gegen Menschen mit einem nicht siebenstelligen Jahresgehalt würde die FDP in der Wählergunst zeitnah wieder nach oben katapultieren lassen. Was eigentlich schade ist, denn eine vernunftbasierte, turboliberale Partei könnte die Regierung aktuell gut gebrauchen. Und das richtige Personal wäre auch vorhanden. Nur sind kluge und gleichzeitig aufgeräumte Köpfe wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Johannes Vogel oder Konstantin Kuhle in der FDP offensichtlich nicht unbedingt in der absoluten Mehrheit. Das ist schade. Einen Trost gibt es aber: Nächsten Montag gibt es wieder einen Wochenrückblick. Bis dann!

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