Als "TV total" 1999 zum ersten Mal bei ProSieben lief, da war es anderes und provozierendes Fernsehen. Mit der Neuauflage 2021 wollte der Sender zu diesen Wurzeln zurückkehren. Doch Fernsehen hat sich in Deutschland weiterentwickelt. Da genügt es nicht mehr, mit Novak Djokovic den aktuellen Prügelknaben der Woche durchs Dorf zu treiben - ganz egal, ob die Vorwürfe berechtigt sind oder nicht.

Christian Vock.
Eine Kritik
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Bisher war es ja eher so, dass man das, was bei "TV total" funktioniert hat, in andere Shows eingebaut hat. So läuft die einstiege "TV total"-Rubrik "Blamieren oder kassieren" nun bei "Schlag den Star". Um nur ein Beispiel zu nennen. Doch in der jüngsten Ausgabe von "TV total" ging man den umgekehrten Weg und bediente sich selbst bei der Samstagabendshow. Dort spielten nämlich am Wochenende die GZSZ-Darstellerin Valentina Pahde und Moderatorin Viviane Geppert das Spiel "Laufrad".

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Dazu mussten die beiden einfach nur eine Art großes Hamsterrad mit Händen und Füßen antreiben, wer mehr Umdrehungen schaffte, gewann. Doch offenbar fand Sebastian Pufpaff die Art, wie vor allem Pahde sich im Laufrad überschlug, so witzig, dass er einfach das Ganze noch einmal bei "TV total" mit Zuschauern nachspielte.

Eigentlich nichts Ungewöhnliches für "TV total", schließlich gehört das Sich-bei-der-Konkurrenz-umsehen dort zum Sendungskonzept. Aber üblicherweise guckt man dabei, wer was Witziges gesagt hat oder wer sich wo im Fernsehen blamiert hat. Dass Pufpaffs Team aber zum Programmfüllen mal eben ganze Elemente aus einer ProSieben-Show übernimmt, das ist nicht nur neu bei "TV total", sondern auch langweilig und unnötig. Oder doch nicht?

Australian Open bei "TV total": Sebastian Pufpaff gegen Novak Djokovic

Schließlich hatte Pufpaff noch ganz andere Sachen im Programm. Allerdings bedeutet anders hier nicht unbedingt besser. Zum Beispiel Pufpaffs Novak-Djokovic-Parodie. Zur Erinnerung: Der Weltklasse-Spieler Novak Djokovic sorgte dieser Tage wegen seines Einreise-Versuchs zu den Australien Open für Schlagzeilen. Es ging um eine Ausnahmegenehmigung, seinen Impfstatus, eine überstandene Corona-Infektion, wo er wann gewesen ist, wie bei der Einreise mit ihm verfahren wurde und um eine skurrile Pressekonferenz seiner Familie.

Für Pufpaff Anlass genug, sein Verkleidungsfaible auszuleben. Er kostümierte sich für "TV total" ja bereits als Helene Fischer oder BVB-Trainer Marco Rose, nun sollte es eben Novak Djokovic werden. Und so begrüßte er am Mittwochabend seine Zuschauer mit Tennis-Dress und -Schläger.

"Sagen wir mal so: Der Novak, der hat bei seinen Impfnachweisen und wo er in der letzten Zeit so war, ein bisschen geschummelt. Das mögen die Australier jetzt nicht so gern", erklärt Pufpaff seinem Publikum noch einmal die Lage.

Dann geht sie los, die Djokovic-Demontage. Zuerst startet Pufpaff eine Studio-Umfrage, wer denn meint, dass Djokovic bei den Australien-Open spielen soll. "Okay, wir haben drei Serben im Saal", kommentiert Pufpaff das eindeutige und erwartbare Ergebnis.

Dann wird es persönlich: "Djokovic, falls sie ihn noch nicht kennen sollten: Das ist dieser extrem sympathische Tennisspieler, der sehr, sehr hilfsbereit sein kann", erklärt Pufpaff und zeigt ein YouTube-Video, in dem Djokovic bei einem Spiel bei den US-Open 2020 aus Wut, aber offensichtlich auch aus Versehen einen Ball wegschlägt und dabei eine Linienrichterin trifft. Djokovic wurde daraufhin disqualifiziert.

"TV total": Witze über Körpergröße – ernsthaft?

Und weiter geht's: Pufpaff zeigt einen weiteren Einspieler aus dem australischen Fernsehen, als zwei Moderatoren sich nicht auf Sendung wähnen und derbe über Novak Djokovic herziehen. Noch nicht genug? Offenbar nicht, denn Pufpaff zeigt danach noch ein selbst produziertes "Biopic" des Tennisspielers, in dem - welch Wunder - alles so zusammengeschnitten wurde, dass Djokovic als Idioten-Wüterich dargestellt wird. Wirklich fair ist das alles nicht, lustig leider auch nicht.

Aber wirklich feingeistiger Humor war noch nie die Sache von "TV total" und so geht es in diesem Stil weiter. Pufpaff zeigt TV-Momente, in denen sich Menschen versprechen, missverstehen oder ein bisschen überfordert sind. Da kann man, wenn man so etwas witzig findet, natürlich drüber lachen, passiert jedem Mal.

Deutlich weniger witzig ist da der Spaß über die Polizeipräsidentin von Rostock, über deren offenbar geringe Körpergröße sich Pufpaff mit "Hab’ ich zu viel versprochen? Ist das die kleinste Polizeipräsidentin der Welt - ja oder ja?" lustig macht.

Es folgen noch Späße über eine eventuell betrunkene Kim Fisher oder seinen ProSieben-Kollegen Bruce Darnell. Da frag ich mich doch: "Wo kommt denn die gute Laune her?", witzelt Pufpaff über den sehr überdrehten Darnell und tunkt dann Nase und Mund in ein Tablett mit Mehl - eine mehr als offenkundige Anspielung. Billige Lacher, aber es geht noch billiger an diesem Abend.

Fernsehen von gestern: "TV total"

Dazu reicht es in der Regel, wenn man eine Straßenumfrage macht. Das macht auf Reporter-Seite zwar niemand gerne, wird beim Fernsehen aber trotzdem immer gerne genommen, denn es ist billig produziert und irgendwer findet sich immer, der sich zum Affen macht oder herum pöbelt.

In diesem Fall ein Kinderspiel, denn die Frage, die jemand vom "TV total"-Team Passanten stellt, lautet: "Wie zufrieden sind Sie mit der neuen Bundesregierung?" Es dürfte der Produktionsfirma nicht schwergefallen sein, passendes Material zurechtzuschneiden, irgendjemand motzt immer.

Sebastian Pufpaff war bei der Wiederbelebung von "TV total" angetreten, um die Show zu ihren Anfängen zurückzuführen, als sie noch weniger Late-Night-Show war und sich stattdessen mehr um skurrile und lustige TV-Momente kümmerte. Genau das macht Pufpaff und noch dazu mit vollem Einsatz.

Doch je häufiger er das macht, umso mehr merkt man, dass sich Fernsehen seit dem zwischenzeitlichen Ende von "TV total" weiterentwickelt hat. Sich billig und ohne irgendeine Aussage über Menschen lustig zu machen, ist einfach Fernsehen von gestern. Und das ist gut so.

Sarah Knappik
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