Die Städte Vineta, Rethra und Rungholt haben etwas gemeinsam: Sie sind allesamt im Meer versunken – und wurden so zu Mythen. Doch ob es sie alle wirklich gab und wo sie lagen, ist unklar. Sagenhafte Geschichten ranken sich um sie. Zum Beispiel habe ein wütender Gott mit der Zerstörung der Städte die arroganten Bewohner bestrafen wollen.

Wer an einem Strand an der Ostsee steht und genau hinhört, vernimmt womöglich ein Glockenläuten aus der Tiefe des Meeres. Es kommt angeblich aus der längst untergegangenen Stadt Vineta.

Die Einwohner galten als reich, verschwenderisch und hochmütig. Vor allem aber waren sie nicht gläubig genug. Als Bischöfe und Mönche versuchten, die Einwohner zu bekehren, wurden viele von ihnen geköpft.

Ein wütender Gott rächte sich dafür mit einem Sturmhochwasser. Doch zuvor warnte er die Menschen dreimal eindringlich: Drei Monate, drei Wochen und drei Tage vor der Katastrophe erschien die gesamte Stadt gespiegelt in der Luft.

Im Indischen und Pazifischen Ozean sollen ganze Kontinente versunken sein.

Für die älteren Bewohner war klar, was das zu bedeuten hatte: den baldigen Untergang. Sie rieten allen zum sofortigen Verlassen Vinetas – doch niemand interessierte sich dafür. Und so ertranken die Menschen.

Wo Vineta gelegen haben könnte

Ob es den sagenhaften Ort wirklich gegeben hat, ist nicht geklärt. Chronisten aus dem Mittelalter erwähnten Vineta, auch bekannt als Jumne, unter anderem in den Jahren 1075 und 1170.

Aber vieles bleibt rätselhaft: Wann wurde die Stadt zerstört, wie viele Menschen wohnten dort? Auch wo sie genau lag, ist bis heute unklar. In Dänemark, in Deutschland?

Es gibt viele Theorien: Womöglich in Vendsyssel, am nördlichsten Punkt Jütlands in Dänemark? Oder in Koserow, Barth oder Peenemünde im heutigen Mecklenburg-Vorpommern, im polnischen Wollin oder vielleicht doch auf Usedom?

Wegen der sagenhaften Geschichten inspirierte Vineta zahlreiche Künstler zu Gedichten, Liedern, Theaterstücken und Opern.

Die Ostseestadt Barth will mit dem Namen Touristen anlocken – und meldete dazu ein Patent für den Namen "Vineta-Stadt" an.

Aber Vineta ist nicht die einzige Stadt, die im Meer verschwunden ist.

Rethra – Zentrum heidnischer Verehrung

Im Nordosten Deutschlands, im heutigen Mecklenburg-Vorpommern, soll die legendäre Stadt Rethra gelegen haben, die ein bedeutendes Heiligtum der Wikinger beherbergte.

Einer der bedeutendsten Chronisten des Mittelalters, Adam von Bremen, bezeichnete Rethra 1066 als "Sitz der Götzenverehrung". Zu diesem Heiligtum seien es "vier Tagesreisen von Hamburg".

Kilometerlange Reihen bei Carnac lassen Forscher verzweifeln.

Doch dann versuchten christliche Missionare die Region vom "richtigen" Glauben zu überzeugen – und zerstörten dabei die heilige Stätte.

Angeblich war das der Grund für die Wikinger, plündernd und brandschatzend über viele Küstenstädte Europas herzufallen – aus Rache für Rethra.

Zerstört hat die mythische Stadt aber das Meer, wenn man den Legenden glaubt. Wann genau, darüber gibt es verschiedene Angaben, etwa zwischen 1068 und 1125.

Danach versuchten viele, die sagenhafte Stadt zu finden. Womöglich hatte es dort ja Schätze gegeben?

Ein Seefahrer, der sich an Adam von Bremens Beschreibung und die Reisezeit von vier Tagen hielt, landete aber zum Beispiel auf der dänischen Insel Eskeholm - rund 300 Kilometer nordwestlich der eingangs erwähnten Position.

Später sah man vom Flugzeug aus, dass dort tatsächlich runde Wallstrukturen und überwachsene Straßenzüge zu sehen sind. Doch Forscher vermuteten Rethra insgesamt bereits an über 30 Orten.

Ein friesisches Atlantis namens Rungholt

Ein dritter sagenhafter Ort, der in alten Chroniken auftaucht, ist Rungholt. Die Hafenstadt war ein bedeutender Handelsort im nordfriesischen Wattenmeer zwischen Föhr und Husum.

Anders als bei den anderen versunkenen Städten sind sich die Forscher bei der Lage sicherer. 1921 entdeckte ein Bauer dort Reste einer mittelalterlichen Siedlung.

Atlantik gilt als Meer mysteriöser Inseln, die man auf Karten nicht findet.

Doch auch Rungholt versank im Meer: 1364 riss eine verheerende Sturmflut Menschen, Tiere und Gebäude in die Tiefe. "Grote Mändränken" nannten die Nordfriesen das "große Menschenertrinken", bei dem Zehntausende ums Leben kamen.

Seit dem Mittelalter lebt die Stadt in vielen Legenden fort. Sie wird das "friesische Atlantis" genannt. Viele rätseln darüber, warum das blühende Handelszentrum zerstört wurde.

Abergläubische sind sicher, dass die Einwohner wegen ihres Reichtums maßlos und übermütig geworden waren – und Gott sie deshalb bestrafte.

Erst 2001 präsentierte der Ethnologe Hans Peter Dürr eine wissenschaftliche Erklärung für den Untergang der Stadt: Der sich absenkende Wattboden sei schuld an der Tragödie gewesen.

Es gab weitere ungünstige Faktoren, die zu dem Unglück führten. Im 14. Jahrhundert veränderte sich das Klima extrem. Die Folge waren Missernten, Viehseuchen und Hunger.

Als dann auch noch die Pest ausbrach und zahlreiche Menschen starben, wurde der Küstenschutz vernachlässigt. Die Folge: Deiche waren instabil, als die ungewöhnlich hohe Flut kam.