Verena Bahlsen hat mit ihren Aussagen zur NS-Vergangenheit ihres Unternehmens für Empörung gesorgt. Doch auch andere Firmen gehörten zu den Profiteuren im Dritten Reich - und haben nicht immer den richtigen Umgang mit ihrer Geschichte gefunden.

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Verena Bahlsen wird das "Online Marketing Rockstars"-Festival wohl noch länger in Erinnerung behalten. Denn die 26-jährige Tochter von Michael Bahlsen, der ein Viertel des Hannoveraner Keksherstellers besitzt, wirbelte mit ihrer Rede vor Werbern, Influencern und Digitalstrategen Anfang Mai nicht nur den Branchentreff auf.

Mit ihren Aussagen über die Geschichte der Bahlsens auf offener Bühne sorgte sie für Empörung, die bundesweit diskutiert wurde und selbst in der "New York Times" Widerhall fand.

"Um es klar zu sagen: Ich bin Kapitalist", hatte sie gesagt. Sie wolle Geld verdienen und sich Segeljachten kaufen. "Von meiner Dividende und so was."

Dafür wurde sie hart kritisiert, schließlich fußt das Vermögen von Bahlsen unter anderem auf der Beschäftigung von Zwangsarbeitern im Dritten Reich. Allein im hannoverschen Werk der Bahlsens mussten hunderte von Zwangsarbeitern schuften, hauptsächlich aus Osteuropa.

Noch übler kam es, als Verena Bahlsen sich anschließend in der "Bild"-Zeitung verteidigte, mit den Worten: "Wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt."

Worte, die einen Sturm der Entrüstung auslösten - Historiker wie Politiker kritisierten Bahlsen für die Verklärung ihrer Familiengeschichte. Letztlich ruderte Bahlsen zurück und entschuldigte sich. "Nichts liegt mir ferner, als den Nationalsozialismus und seine Folgen zu verharmlosen", erklärte sie in einer Unternehmensmitteilung.

Und auch der Konzern will Konsequenzen ziehen: Verwaltungsratschef Werner Michael Bahlsen engagierte den Historiker Manfred Grieger, der die Unternehmensgeschichte aufarbeiten soll: "Alles muss auf den Tisch."

Der Umgang der Firma Bahlsen mit der Konzerngeschichte ist kein Einzelfall. Viele deutsche Unternehmen haben sich ihrer Verantwortung für die Beschäftigung von Zwangsarbeitern während des Dritten Reiches lange nicht gestellt.

Erst seit den 1980er-Jahren öffneten zahlreiche Firmen auf Druck der US-Regierung ihre Archive, arbeiteten ihre Geschichte auf und zahlten Arbeitern individuelle Entschädigungen. Die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" zählt rund 2.500 deutsche Unternehmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben sollen.

Die unrühmliche Rolle der Quandts

Einer der prominentesten Fälle ist der der Familie Quandt (unter anderem BMW) im Zweiten Weltkrieg, ausgelöst durch eine Fernsehdokumentation des NDR aus dem Jahr 2007.

Darin berichtete der dänische Holocaust-Überlebende Carl-Adolf Soerensen, wie er mit über 1.500 anderen KZ-Häftlingen und 3.700 weiteren Zwangsarbeitern auf dem Gelände des Batteriekonzerns Varta AG (vormals AFA) - einem der wichtigsten Säulen im Imperium von Günther Quandt - schuften musste. Als er 1972 für das erlittene Leid bei den Quandts persönlich vorsprach und um finanzielle Unterstützung bat, sei er abgewiesen worden.

Das änderte sich erst mit der Ausstrahlung von "Das Schweigen der Quandts". Weil die Unternehmerfamilie - eine der reichsten Deutschlands - mit der Arbeit von Regisseur Eric Friedler unzufrieden war, öffnete sie für den Historiker Joachim Scholtyseck die Archive: Ein dreijähriges Forschungsprojekt, finanziert von der Familie Quandt, bestätigte jedoch die These des Films, dass Günther Quandt ein Profiteur des NS-Regimes war.

"Der Einsatz von Zwangsarbeit in der Quandt-Gruppe ermöglichte der AFA erst die umfassende Rüstungsproduktion", stellte Scholtyseck fest. Nur durch die Massenproduktion von Batterien und Pistolen, unter Einsatz von 51.000 bis 57.500 Zwangsarbeitern, hätten die Quandts ihren wirtschaftlichen Erfolgskurs in der NS-Zeit fortsetzen können.

Heute geht BMW, das bekannteste Unternehmen im Quandt-Imperium, transparenter mit der eigenen Historie um. In der Publikation zum 100-jährigen Jubiläum von BMW im Jahr 2016 weist das Unternehmen darauf hin, dass die BMW AG zu den Gründungsmitgliedern der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" gehört, die sich um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter kümmert.

Der Fonds hat ein Volumen von fünf Milliarden Euro. Zudem unterstützt die Quandt-Familie die Arbeit eines Dokumentationszentrums auf dem Gelände des ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlagers in Berlin-Schöneweide.

Wie Daimler im Krieg profitierte

Mit Daimler profitierte ein weiterer Autobauer im Dritten Reich. Ein wichtiges Geschäftsfeld während dieser Zeit waren die Produktion von Lastwagen und die Reparatur von Militärfahrzeugen und Motoren.

Weil nach Kriegsbeginn immer mehr Arbeiter als Soldaten an der Front kämpften, kamen bei Daimler-Benz Kriegsgefangene, verschleppte Zivilisten und KZ-Häftlinge zum Einsatz.

Während Zwangsarbeiter aus Westeuropa in Gasthöfen, Privatquartieren und Schulen wohnten, wurden Zwangsarbeiter aus dem Osten und Kriegsgefangene in Baracken interniert, unter unmenschlichen Bedingungen. Laut Unternehmenschronik war 1944 fast jeder zweite der 63.610 Daimler-Benz-Mitarbeiter ein Zwangsarbeiter.

Bereits 1988, noch bevor eine historische Kommission das gesamte Ausmaß der Zwangsarbeit in den Werken erforscht hatte, entschloss sich Daimler, 20 Millionen D-Mark an die Claims-Conference, das Internationale Rote Kreuz und andere Organisationen zu spenden.

1994 stellte Daimler dann eine 550 Seiten lange Dokumentation vor, die teilweise auf der Befragung von 270 ehemaligen Zwangsarbeitern basiert. Das Unternehmen war der erste Konzern, der die unrühmliche Unternehmensgeschichte extern aufarbeiten ließ. Opferverbände beklagten jedoch, dass Daimler auf individuelle Entschädigungen verzichtete, weil - laut Unternehmen - nicht mehr festzustellen sei, wer, wann, wo und wie lange Zwangsarbeit geleistet habe.

Und auch an der Studie selbst gab es Zweifel. Für eine Autorengruppe der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte geriet die Aufarbeitung zu positiv – sie veröffentlichte eine Gegenstudie. Zumindest finanziell lenkte Daimler aber 2000 ein und setzte sich an die Spitze der Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".

Deutsche Bank - ambivalenter Umgang mit den Nazis

Ihr 125-jähriges Firmenjubiläum im Jahr 1995 feierte die Deutsche Bank mit einer denkwürdigen Schrift. Unter dem Titel "Die deutsche Bank" beleuchteten die renommierten Forscher Gerald D. Feldman, Lothar Gall, Harold James und Hans E. Büschgen unter anderem die Rolle des Geldinstituts während der Herrschaft Adolf Hitlers.

Sie recherchierten dafür unter anderem im "Historischen Archiv" der Bank, das seit 1961 alle von 1848 bis 1945 entstandenen Archivunterlagen umfasst und der Wissenschaft zur Verfügung steht.

Dokumente legen nahe, dass sich die Bank an der Arisierung, also der Enteignung jüdischer Bürger, und der Finanzierung des Konzentrationslagers Auschwitz beteiligt haben soll.

Die Autoren zeichnen allerdings ein Bild, das die federführenden Bänker als ambivalent darstellt. So habe die Bank einerseits an der Provision, die beim Verkauf arisierter Unternehmen in Ostdeutschland anfiel, und am Handel mit Gold ermordeter Juden verdient.

Andererseits drängte das Geldhaus - unter anderem aus Sorge vor negativen Konsequenzen im internationalen Handel - auf Zurückhaltung gegenüber der Arisierung und dem Ausschluss von jüdischen Vorstandsmitgliedern. Opferverbände loben zudem, dass die Bank in einigen Fällen den jüdischen Vorbesitzern geholfen habe, einen Teil ihres Vermögens zu behalten.

Auch die Deutsche Bank war eines der Gründungsmitglieder der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft".

Chemiekonzerne: Der Vergangenheit nur teilweise gestellt

2013 wurde der Bayer-Konzern 150 Jahre alt - und ist heute einer der erfolgreichsten Chemiekonzerne der Welt. Auf der Jubiläums-Hauptversammlung wollten die Aktionäre allerdings ein dunkles Kapitel in der Firmengeschichte beleuchten. Denn laut der Organisation "Coordination gegen Bayern-Gefahren" verklärt Bayer bis heute eine der Grundlagen seines finanziellen Erfolgs - die Ausbeutung von Zwangsarbeitern.

Denn Chemiefirmen gehörten als "kriegs- und lebenswichtige Betriebe" zu den größten Profiteuren des NS-Regimes. 1925 entstand die IG Farben als Zusammenschluss von heutigen Chemieriesen wie Bayer, Hoechst und BASF. Sie war auf ihrem Höhepunkt das größte Unternehmen Europas und beteiligte sich unter anderem am Vertrieb des Schädlingsbekämpfungsmittels Zyklon B, das in den Gaskammern des KZ Auschwitz-Birkenau zum Massenmord eingesetzt wurde.

Weil im Krieg der Bedarf an Chemikalien stieg, beschäftigte das Unternehmen zehntausende Zwangsarbeiter. Allein beim Bau der BUNA-Fabrik in Auschwitz sollen bis zu 25.000 Menschen ihr Leben gelassen haben. Bayer schreibt in seiner Unternehmenschronik, dass allein im Leverkusener Werk zeitweise ein Drittel der Belegschaft Zwangsarbeiter gewesen sein sollen.

1958 zahlte die IG Farben 27 Millionen Mark an die "Conference on Jewish Material Claims against Germany" - und schloss damit weitere Forderungen vertraglich aus. Doch BASF, Bayer und Hoechst sehen sich heute nicht als Rechtsnachfolger der IG Farben - und sehen damit keine gesetzliche Verpflichtung zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter. Gleichwohl sind die Firmen Mitglied der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft. BASF etwa soll rund 70 Millionen Euro gespendet haben.

Verwendete Quellen:

  • Website von Coordination against BAYER Dangers: "Bayer-Zwangsarbeiter berichten"
  • Website von Bayer: "Die Zeit der I.G. Farbenindustrie AG"
  • Website von BASF: "Entschädigung"
  • Website haGalil.com: "Die Realität moralischer Verantwortung"
  • Website von Cicero: "Die Quandts - NS-Verbrechen totgeschwiegen"
  • Website von Bild: "Die Quandt-Familien brechen ihr Schweigen"
  • Website von Daimler: "Daimler-Benz in der Zeit des Nationalsozialismus (1933 - 1945)"
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