• Der FC Bundestag ist die Fußball-Mannschaft der Bundestagsabgeordneten. Sie treffen sich regelmäßig, um zu trainieren und gegen andere Amateurteams zu spielen.
  • In dieser Woche fahren 18 Abgeordnete zur Europameisterschaft der Parlamentarier in Finnland.
  • Kapitän Mahmut Özdemir (SPD) spricht im Interview über sein sportliches Ziel, die Fußball-WM in Katar und das Fußballspielen mit dem politischen Gegner.
Ein Interview

Herr Özdemir, am Wochenende findet die Europameisterschaft der Parlamentarier statt. Wer holt den Titel?

Mahmut Özdemir: Natürlich Deutschland, der FC Bundestag.

Bei der EM treten jedes Jahr vier Parlamentsmannschaften an: aus Deutschland, Österreich, Finnland und der Schweiz. Deutschland hat zum letzten Mal 2011 gewonnen. Das klingt nicht nach Favoritenstatus.

Seit der vergangenen Legislaturperiode sind wir eine neue, verstärkte und verjüngte Mannschaft. Wir reisen mit geradem Rücken an. Wir können und wollen den Titel holen.

Was macht Sie da so optimistisch?

Stärker als früher spielen wir jetzt geschlossen als eine Mannschaft. Kolleginnen und Kollegen, die oft auf dem Platz stehen, Disziplin und spielerische Leistung mitbringen, werden bevorzugt aufgestellt.

Außenstehende sehen im Bundestag vor allem Diskussionen und Streit. Kann man eine Mannschaft bilden, wenn man politisch überhaupt nicht auf einer Wellenlänge liegt?

Eine Grundregel lautet: In der Kabine und auf dem Platz gibt es keine Fraktionen. Dann bilden wir eine neue Fraktion und die heißt FC Bundestag. Wir erwarten, dass alle mit dem nötigen Mannschaftsgeist, mit Loyalität und Solidarität antreten. Das muss man auch gar nicht sagen, das klappt von allein. Jeder im Trikot weiß: Es ist egal, aus welcher Partei mein Mitspieler kommt. Er ist jetzt derjenige, der mir den Ball zuspielt. Und diesen Ball versenken wir im Tor des Gegners.

Im FC Bundestag sind alle Fraktionen vertreten. Zur Mannschaft gehört auch ein AfD-Abgeordneter. Dabei lehnen die anderen Fraktionen im Bundestag jede Zusammenarbeit mit der AfD ab. Warum klappt das bei Ihnen trotzdem?

Wir haben unsere Satzung ganz klar formuliert: Wir stehen gegen jede Form von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, wir bekämpfen Antisemitismus aufs Schärfste. Bewerberinnen und Bewerber schauen wir uns auf der Basis dieser Grundsätze genau an. Ich habe bei einem Kollegen, der einen Aufnahmeantrag gestellt hatte, auch schon gesagt: In diesem Fall kann ich keine Aufnahme empfehlen. Aus meiner Sicht bedeutet eine AfD-Mitgliedschaft, sich mit Rechtsextremen gemeinzumachen. Am Ende des Tages sind wir aber ein gemeinnütziger Verein. Und wer sich auf den Konsens der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verpflichtet, den nehmen wir auf.

In der Politik soll der ärgste Feind ohnehin der Parteifreund sein. Bietet der FC Bundestag die Gelegenheit, dem Fraktionskollegen ein Foul mitzugeben, über den man sich gerade geärgert hat?

Auf gar keinen Fall. Wir spielen so, dass wir gesund auf den Platz kommen und gesund wieder runtergehen. Die eine oder andere Nickligkeit gibt es, aber da geht es immer nur um spielerische Dinge.

Sie sind Vorsitzender und Kapitän des FC Bundestag. Entscheiden Sie während des Spiels auch, welche Spieler ein- und ausgewechselt werden?

Nein. Seit der neuen Wahlperiode haben wir einen sportlichen Leiter, der die Aufstellungen und Einwechslungen bekannt gibt. Das ist mein Kollege Oliver Luksic (FDP; Anm.d.Red.). Er hat das nötige Ansehen und die Anerkennung für diese Aufgabe. Mein Kollege Bernd Reuther (ebenfalls FDP; Anm.d.Red.) kümmert sich als Organisationschef um die Ausrichtung der nächsten Parlamentarier-EM in Deutschland.

In diesem Jahr findet das Turnier in Finnland statt – in einem Land, das politisch gerade im Fokus steht. Wird es ein Rahmenprogramm geben? Eine Fahrt an die finnisch-russische Grenze etwa? Oder Diskussionen über eine Nato-Mitgliedschaft?

Wir werden keine Grenzen abschreiten. Aber wenn Parlamentarier aus vier Nationen zusammentreffen, spricht man natürlich über politische Themen – und das ganz ohne Sprechzettel. Diese Reise ist wirklich jede Mühe wert. Man knüpft Freundschaften und bringt Zwischentöne mit nach Hause, die uns in unserer politischen Arbeit vorantreiben. Das wird jetzt mit der russischen Aggression und dem Krieg in der Ukraine nochmal deutlich relevanter. Wir haben auch ein gemeinsames Gespräch mit dem deutschen Botschafter. Es ist nicht so, dass wir nur aus touristischen Gründen anreisen, Fußball spielen und wieder abreisen.

Sport ist eben immer auch Politik. Wie schauen Sie und Ihre Kollegen auf die anstehende Fußball-WM, die im autoritären Golfstaat Katar stattfindet?

Ich freue mich auf diese WM, wie auf jeden sportlichen Großwettbewerb. Es gibt auch bei uns verschiedene Meinungen dazu, so wie in jeder Fraktion und in jedem Fußballverein. Ich persönlich glaube aber, dass ein Boykott der WM nicht die richtige Lösung wäre.

Warum nicht?

Ein Boykott trifft immer die Athletinnen und Athleten, die auf ein Großereignis hintrainieren. Die WM bietet aus meiner Sicht die Möglichkeit, auf Missstände hinzuweisen, aber auch etwas Bleibendes zu hinterlassen – zum Beispiel durch die Gründung einer Stiftung für Menschenrechte. Solche Ideen kann man aber nur einbringen, wenn man mit den Kataris im Dialog bleibt. Wichtig ist doch, dass man die Vergabe und Ausrichtung solcher Sportgroßveranstaltungen zukünftig anders gestaltet und von vornherein strikt an die Beachtung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft, Menschenrechte und Nachhaltigkeit knüpft.

Zur aktuellen Parlamentarier-EM schickt Deutschland nur Männer. Wäre es nicht auch Zeit für eine Frauen-Mannschaft beim FC Bundestag?

Wir sind eine gemischte Mannschaft. Dass jetzt nur Männer nach Finnland fahren, liegt einfach daran, dass sich nur Männer angemeldet haben. Wenn wir in den Sitzungswochen in Berlin spielen, sind aber fast immer auch Frauen im Kader. Zum Beispiel meine Kolleginnen Maja Wallstein (SPD; Anm.d.Red.) und Tina Winklmann (Bündnis 90/Die Grünen; Anm.d.Red.). Bei uns ist jeder und jede willkommen.

Zur Person: Mahmut Özdemir wurde 1987 in Duisburg geboren, hat Rechtswissenschaften studiert und ist seit 2013 direktgewähltes Mitglied des Deutschen Bundestags. Im vergangenen Dezember wurde der SPD-Politiker Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Inneres und Heimat. Zudem übernahm er die Kapitänsbinde beim FC Bundestag.

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