So viele Menschen wie noch nie fliehen vor Krieg und Armut. Aus ihrer Not erwächst ein riesiger Wirtschaftszweig, der weltweit Milliarden umsetzt: Schlepper lassen sich für gefährliche Fahrten Tausende Dollar zahlen. Und sie behandeln ihre Kunden teilweise wie Vieh, wie Flavio di Giacomo von der Internationalen Organisation für Migration erzählt.

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57 Millionen Menschen waren 2014 weltweit auf der Flucht. Vor dem Krieg in Syrien, vor der Gewalt in Eritrea, vor der Perspektivlosigkeit in Afghanistan. Hinter der gewaltigen Zahl, die Amnesty International im Menschenrechts-Bericht nennt, stecken Millionen Geschichten von Leid und Entbehrung. Dahinter steckt aber auch ein Millionen-Geschäft: Denn Flüchtlinge, die es nach Europa schaffen wollen, brauchen dafür die Hilfe von Schleppern. Ein Überblick über den Reibach mit den Flüchtlingen.

Das globale Ausmaß: Weltweit setzen Schlepper auf den Routen zwischen Latein- und Nordamerika und zwischen Afrika und Europa pro Jahr sieben Milliarden Dollar (rund 5,6 Milliarden Euro) um. Das schätzen die Vereinten Nationen. Weltweit seien die Einnahmen "wahrscheinlich bedeutend höher".

Die Wege nach Europa: Viele Möglichkeiten gibt es nicht, um nach Europa zu kommen. Der Landweg über Syrien und die Türkei ist extrem unsicher und relativ gut kontrolliert. Die meisten Flüchtlinge aus Afrika und den Krisengebieten im Nahen und Mittleren Osten erreichen Europa über das Mittelmeer. Flavio di Giacomo leitet das Büro der Internationalen Organisation für Migration in Italien. Dort sind vergangenes Jahr 171.000 Migranten angekommen, 2013 waren es noch 42.900. Die meisten Menschen stammen aus Syrien und Eritrea. Sie haben meistens den Seeweg aus Libyen gewählt. Der ist gefährlich – aber die Situation vor Ort so schlimm, dass die meisten schnell weiter wollen, sagt di Giacomo: "Sie müssen Libyen verlassen, sie sagen, sie werden dort nicht wie Menschen behandelt." Besonders Schwarzafrikaner gelten als Freiwild, sie werden verprügelt, die Frauen vergewaltigt – Alltag in einem Land, in dem nach dem Bürgerkrieg Anarchie herrscht.

Die Schlepper: In ihrer verzweifelten Lage geraten die Menschen leicht in die Hände von Schleppern. Viel ist auch Experte di Giacomo nicht über sie bekannt, aber er weiß: "Die Migranten sind Opfer von internationalen kriminellen Organisationen." Flüchtlinge haben ihm erzählt, dass es in Libyen meist Einheimische sind. Sie machen sich die Unordnung im Land zunutze, um die Flüchtlinge ohne Probleme mit den Behörden auf Schiffe zu laden und auf die gefährliche Reise über das Mittelmeer zu schicken.

Die Kosten: Die Bootspassage von Libyen aus kostet 400 bis 1.500 Dollar, erklärt Flavio di Giacomo. Dabei kommt es ganz darauf an, woher die Flüchtlinge stammen. Ein Schwarzafrikaner bezahlt 400 bis 700 Dollar, ein Syrer das Doppelte. "Die Schlepper holen so viel aus den Leuten raus, wie sie nur können." Sie wissen nämlich: Syrer sind etwas wohlhabender – und willens, den höheren Preis zu zahlen. Die Bootspassage ist aber nur der letzte Teil der Reise: Eine bekannte Route für Syrer läuft derzeit über den Sudan. Die Flüchtlinge fliegen zuerst nach Khartum und werden von dort aus in Trucks nach Libyen gefahren. Auch dafür fallen Kosten an, wie hoch sie sind, weiß di Giacomo nicht. Noch beschwerlicher als die syrischen Flüchtlinge haben es die Schwarzafrikaner, die von ihren Schleusern teils zu Fuß durch die Wüste getrieben werden. Viele bezahlen mit ihrem Leben. Wie viele, ist unklar. "Wir wissen nicht, wie viele in der Wüste sterben", sagt di Giacomo von der Internationalen Organisation für Migration.


Zwei-Klassen-Flüchtlinge: Oft sieht man in den Nachrichten die Schiffe mit hunderten Flüchtlingen, die im Mittelmeer in Seenot geraten sind – meist einfache Fischerboote aus Holz. Mittlerweile nutzen die Schlepper aber auch deutlich größere Frachtschiffe. Die Überfahrt gilt als sicherer, kostet aber auch mehr: Im Schnitt verlangen die Schlepper laut der EU-Grenzschutzagentur Frontex 6.000 Dollar. Rechnet man mit 500 Flüchtlingen an Bord, bliebe nach Abzug der Kosten ein Profit von 2,5 Millionen Dollar pro Schiff. Wer mehr zahlt, dürfe mit einer Schwimmweste auf dem Oberdeck reisen, während die anderen ohne Schwimmweste im Schiffsrumpf sitzen. Laut Flavio di Giacomo gibt es diese Zwei-Klassen-Gesellschaft auch auf den kleineren Schiffen, allerdings nicht aus Geldgründen: Schwarzafrikanern sei es nicht erlaubt, sich Schwimmwesten zu kaufen, selbst wenn sie zahlen könnten. Sie gelten den Schleppern als minderwertig – also sind es auch sie, die im Maschinendeck kauern müssen, den giftigen Dämpfen schutzlos ausgesetzt.

Das Geschäft mit den Flüchtlingen, es wird weiter wachsen, meint Flavio di Giacomo – ganz einfach, weil es eine Nachfrage gibt. "Wir werden in Zukunft wohl noch mehr Schiffe auf dem Mittelmeer sehen."

Franziska Vilmar von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die in ihrem aktuellen Bericht für 2014 auch wegen der Situation der Flüchtlinge von einem "katastrophalen Jahr" für die Menschenrechte spricht, mahnt deswegen ein Umdenken an: "Dass diese Menschen in die Hände der Schlepper geraten, liegt ja an der Abschottungspolitik der Europäischen Union."

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