• Frank Bsirske war 18 Jahre lang Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Jetzt ist er für die Grünen in den Bundestag eingezogen.
  • Im Interview mit unserer Redaktion spricht der 69-Jährige über die Verantwortung seiner Generation für den Klimawandel und über seine Erwartungen an eine Ampel-Koalition.
Ein Interview
von Fabian Busch

Herr Bsirske, Ihre Gewerkschaft ist dagegen, das Rentenalter von 65 auf 67 zu erhöhen. Und ausgerechnet Sie wollen sich nicht zur Ruhe setzen?

Frank Bsirske: Also erstmal: Wir waren gegen die allgemeine Anhebung des gesetzlichen Rentenalters. Für viele ist das nichts anderes als eine Rentenkürzung. Diejenigen, die weniger als 60 Prozent des Durchschnittslohns bekommen, sterben im Schnitt elf Jahre früher als diejenigen, die 150 Prozent bekommen. Das ist krasse Ungleichheit. Das gesetzliche Rentenalter unter Hinweis auf die durchschnittliche Lebenserwartung noch anzuheben, wäre aberwitzig. Aber auf einem ganz anderen Blatt steht, freiwillig auch länger arbeiten zu können. Man muss da differenzieren.

Sie sind jetzt also mit 69 noch frischgebackener Bundestagsabgeordneter. Warum tun Sie sich das an?

Ich habe mich viele Jahrzehnte für die Interessen der arbeitenden Menschen eingesetzt. Da mache ich jetzt weiter. Ich könnte natürlich auch den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und die Füße hochlegen. Wir sind aber die erste Generation, die die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommt. Und wir sind zugleich die letzte, die ihn noch aufhalten kann. Dieser Verantwortung will ich mich stellen. Ich bin fit und ich will meinen Beitrag leisten, um den klimagerechten Umbau unserer Gesellschaft mit mehr sozialer Sicherheit zu verbinden.

Sie waren fast 20 Jahre Verdi-Vorsitzender und einer der bekanntesten Gewerkschafter im Land. Dass Sie Grünen-Mitglied sind, ist weniger bekannt. Was ist grün an Ihnen?

Ich komme aus der Gewerkschafts-, der Friedens- und der Anti-Atomkraftbewegung. Das hat mich 1986 zu den Grünen gebracht. Die Partei hatte eine Positionierung deutlich links von der SPD, mit der ich mich gut identifizieren konnte.

Die Sozialpolitik verblasst bei den Grünen aber häufig hinter Themen wie Umwelt- und Klimaschutz. Wären Sie bei der SPD oder der Linken nicht besser aufgehoben?

Ich fühle mich bei den Grünen sehr gut aufgehoben. Natürlich ist die Partei stark auf die Bekämpfung des Klimawandels ausgerichtet. Die Grünen haben aber begriffen, dass man Soziales und Ökologie zusammendenken muss. Den ökologischen Umbau können wir nicht bewältigen, wenn das Soziale auf der Strecke bleibt. Wir brauchen ein Mehr an sozialer Sicherheit. Meine Kandidatur war auch ein deutliches Signal an die Öffentlichkeit, dass das ernst gemeint ist.

Bsirske: "Der Auftakt war ermutigend"

Gerade sprechen die Grünen mit SPD und FDP über die Chancen einer Ampel-Koalition. Besteht nicht die Gefahr, dass die Grünen sozialpolitische Ziele opfern, damit die FDP Zugeständnisse beim Klimaschutz macht?

Ich glaube, dass die Partei großen Wert auf eine Balance legt. Wir müssen am Ende eine Regierung hinkriegen, die mehrere Ziele sehr ernsthaft angeht: Klimaschutz, mehr soziale Gerechtigkeit, ein Aufbruch in eine libertärere Gesellschaft und mehr Beteiligung der Bürger. Daran wird die Koalitionsvereinbarung gemessen werden. Eine Koalition auf dieser Grundlage ist kein Selbstgänger, aber einiges deutet darauf hin, dass sehr ernsthaft daran gearbeitet wird. Der Auftakt jedenfalls war ermutigend.

Was macht Sie so optimistisch, dass die FDP bei einer Ampel mitmacht?

Wir sollten nicht zurückschauen. Denn dann würden wir auf eine FDP blicken, die 2017 aus den Jamaika-Verhandlungen mit Union und Grünen ausgestiegen mit der strategischen Perspektive ist, sich mit einem national- und wirtschaftsliberalen Kurs rechts von der Union im bürgerlichen Lager zu positionieren und bürgerliche Wähler von der AfD zur FDP zu holen. Das hat der FDP nicht gutgetan und ist auch nicht wirklich honoriert worden. Dass wir jetzt ernsthaft und belastbar über eine Koalition aus SPD, Grünen und FDP reden, ist auch eine Folge dieser Erfahrungen. Wir sollten nach vorne schauen und herausfinden, was miteinander geht.

Sie sprechen sich für einen höheren Mindestlohn, für mehr Tarifbindung aus. Lässt sich das wirklich zusammen mit der FDP durchsetzen?

Lassen Sie uns doch abwarten! Die FDP bekennt sich zur sozialen Marktwirtschaft, jedenfalls verbal. Dazu gehört, dass Arbeit nicht arm machen und entwürdigen darf. Dazu gehört der soziale Interessenausgleich mit Mitbestimmung und intaktem Tarifsystem. Ich glaube schon, dass es da Anknüpfungspunkte geben kann.

"Kompromiss wird nicht immer so aussehen wie das, was man sich gewünscht hat"

Und wenn nicht?

Ich bin zuversichtlich, dass eine Einigung über diese Punkte gelingen kann. Wobei es am Ende auch den einen oder anderen Kompromiss geben wird. Der wird nicht immer so aussehen wie das, was man sich gewünscht hat.

Der ökologische Umbau wird in jedem Fall soziale Fragen aufwerfen. Wir sehen aktuell bereits, dass die Energiepreise steigen. Das birgt doch sozialen Sprengstoff.

Natürlich birgt das Sprengstoff. Die Frage ist, wie man sich darauf einstellt. Diese Entwicklung ist nötig, wenn wir ökologischer wirtschaften wollen, aber man muss sie sozial abfedern. Dazu gibt es Vorschläge, etwa das Energiegeld der Grünen. Das würde bedeuten, dass der Staat die Belastungen aus einer CO2-Bepreisung in gleicher Summe an die Bürgerinnen und Bürger zurückgibt. Den Weg müssen wir einschlagen.

"Ich bin sehr gespannt und neugierig"

Sie haben die Politik schon als Gewerkschafter kennengelernt. Bringt der Schritt in den Bundestag dann gar nichts Neues mehr mit sich?

Doch. Als Mitglied einer Fraktion zu agieren, ist natürlich etwas anderes, als an der Spitze einer Großorganisation zu stehen. Aber auch bei Verdi kam es auf Teamarbeit an. Und im Team die Dinge voranzubringen, dazu möchte ich jetzt auch in der Fraktion beitragen. Ich bin sehr gespannt und neugierig. Ich begegne in der Fraktion vielen Menschen mit großer Expertise und Kreativität. Ich freue mich, von und mit ihnen lernen zu können.

Sie sind der Älteste in einer Fraktion, in der 45 Prozent der Mitglieder jünger als 40 sind. Wie ist das?

Spannend! Es gibt einen interessanten Altersmix, mit dem man etwas Gutes machen kann. Ich bin zuversichtlich, dass uns das Wissen und die Erfahrungen, die jede und jeder einbringen kann, gemeinsam voranbringen werden.

Der Politiker Frank Bsirske klingt ein bisschen anders als der frühere Gewerkschaftschef. Werden Sie sich jetzt einreihen und nicht mehr so laut Ihre Stimme erheben?

Sie können ganz sicher sein, dass ich bei Themen, die mir wichtig sind, meine Stimme erheben werde. Das muss auch nicht im Widerspruch zur Teamfähigkeit stehen. Wir werden in der Fraktion und in einer möglichen Koalition nur erfolgreich sein, wenn wir miteinander arbeiten und unsere Projekte ernsthaft umsetzen. Dazu braucht es ein gutes Miteinander, und dazu will ich meinen Beitrag leisten.

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Zur Person: Frank Bsirske wurde 1952 im niedersächsischen Helmstedt geboren. Er studierte Politikwissenschaften in Berlin und war unter anderem Gewerkschaftssekretär in Hannover. 2000 wurde er Chef der Gewerkschaft ÖTV und trieb die Gründung der "Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft" (ver.di) voran, deren Vorsitzender er von 2001 bis 2019 war. Bei der vergangenen Bundestagswahl kandidierte er für die Grünen im Wahlkreis Helmstedt-Wolfsburg und wurde über die niedersächsische Landesliste ins Parlament gewählt.

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