• Mindestens 50.000 Menschen haben in Berlin für besseren Klimaschutz demonstriert.
  • Auch die Begründerin von Fridays for Future, Greta Thunberg, redete am Freitag vor dem Reichstag.
Fabian Busch.
Eine Reportage

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Irgendwann wird es unübersichtlich. Südlich vom Reichstag setzen sich am Freitagnachmittag immer noch Menschenmassen in Bewegung, um mit Plakaten, Flaggen und Trommeln durch das Regierungsviertel zu ziehen. Viele Tausende sind zu diesem Zeitpunkt schon längst wieder angekommen, haben auf der Wiese vor dem Reichstag Platz genommen. Plötzlich springen viele auf, zücken die Handys, nehmen die Freundin auf die Schulter. Auf der Bühne ist der Hauptgast an der Reihe. Als "unsere gute Freundin aus Schweden" wird sie angekündigt.

Greta Thunberg hat im August 2018 begonnen, daheim in Stockholm die Schule zu schwänzen, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Sie ist damit zur Ikone einer weltweiten Umweltschutzbewegung geworden, die von Millionen Menschen verehrt oder aber verachtet wird.

"Wir wurden erinnert, wie verletzlich wir sind"

Mehrere Zehntausend Menschen nahmen an der Protestaktion in Berlin teil.

Am Freitag hat die Thunbergs Klimaschutz-Bewegung "Fridays for Future" weltweit zu Demonstrationen aufgerufen. Allein in Deutschland waren der Organisation zufolge Aktionen in 470 Städten geplant. Die größte Bühne aber steht an diesem Tag erwartungsgemäß in Berlin.

Dort also erscheint Greta Thunberg am Nachmittag im weißen Pullover, hat den Reichstag im Rücken, Tausende Gesichter und Schilder vor Augen. Sie müsse sich erst wieder an so viele Menschen gewöhnen, sagt die 18-Jährige. Die Coronakrise hat nicht nur das öffentliche Leben durcheinandergewirbelt. Sie hat auch die Klimaschutzbewegung viel Aufmerksamkeit gekostet.

Thunberg aber will sich davon nicht entmutigen lassen. "Es waren turbulente anderthalb Jahre. Es war eine Zeit, in der wir erinnert wurden, wie verletzlich wir sind", sagt sie. "Wir wurden auch erinnert, wie schnell sich Dinge verändern und auf den Kopf gestellt werden können." Die Klimakrise sei nicht verschwunden – genauso wenig wie die Fridays-for-Future-Bewegung. "Wenn uns diese Pandemie etwas gezeigt hat, dann dass die Klimakrise nie wie ein Notfall behandelt wurde."

"Keine Lobbyisten für die Grünen"

Dass Thunberg zwei Tage vor der Bundestagswahl nach Berlin gekommen ist, ist auch ein politisches Zeichen. Deutschland sei der viertgrößte Verursacher von CO2 in der Geschichte, sagt die 18-Jährige. Allerdings vermeidet sie eine parteipolitische Festlegung, die der Bewegung als Wahlwerbung ausgelegt werden könnte. "Wir sind keine Lobbyisten für die Grünen", hatte Thunberg zuvor in einem Interview mit dem Tagesspiegel gesagt.

Immer wieder kritisieren die Aktivistinnen und Aktivisten, dass keine der wichtigen deutschen Parteien ein Programm vorgelegt habe, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. "Keine politische Partei unternimmt auch nur annähernd genug", sagt Thunberg vor dem Bundestag. Sie ruft zudem dazu auf, den öffentlichen Druck aufrecht zu halten. Wählen alleine werde nicht reichen. "Wir müssen aktive demokratische Bürger sein, die auf die Straße gehen. So wie heute."

Nach ihrer Rede muss Thunberg unter Polizeischutz den Platz vor dem Reichstagsgebäude verlassen, wie eine dpa-Reporterin berichtet. Zuvor haben drei Männer die Klimaaktivistin offenbar bedrängt und beleidigt.

Auch die "Klima-Union" ist vor dem Reichstag vertreten.

Klima-Union: Klimaschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Elke Janning hat schon gegen das Atommüllager in Gorleben protestiert.

Frischer Wind lässt vor dem Reichstag die Fahnen flattern und scheucht Seifenblasen in den grauen Himmel. Die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, soll irgendwo im Publikum sein. Parteifahnen sind allerdings die Ausnahme. Die Bewegung betont immer wieder ihre Überparteilichkeit.

Auch die Klima-Union ist vertreten, ein Zusammenschluss von Mitgliedern der CDU und CSU, die ihren eigenen Parteien mehr Klimaschutz verordnen wollen. Niklas Krämer und Johannes Müller haben ein Plakat mit dem Konterfei von Konrad Adenauer dabei: "Keine Experimente mit dem Klima", steht darauf. "Klimaschutz muss eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein", sagt Niklas Krämer. "Da muss sich auch eine Volkspartei wie die Union anschließen."

Mehr Teilnehmende als erwartet

Mit 20.000 Menschen hatten Organisatoren und Polizei im Vorfeld gerechnet. Es sind offenbar mindestens doppelt so viele geworden. Die Polizei spricht am späten Nachmittag von einer Teilnehmerzahl im "mittleren fünfstelligen Bereich", später von etwa 50.000. "Fridays for Future" gehen sogar von 100.000 Menschen aus.

Schon bevor Thunberg auf die Bühne tritt, lassen sich die Massen nur mit Mühe so lenken, dass alle auf den Demonstrationszug kommen. Der geforderte 1,5-Meter-Abstand wird kaum irgendwo eingehalten, allerdings befolgt die übergroße Mehrheit die Maskenpflicht.

Nach Greta Thunberg tritt Luisa Neubauer auf die Bühne, das prominenteste Gesicht von "Fridays for Future" in Deutschland. "148 Wochen", sagt sie. "148 Wochen streiken wir." Die Politik aber habe sich kaum bewegt. Sie hat sich Ziele gesetzt, um den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen zu begrenzen. Aber sie hat aus Sicht von Experten und Aktivisten noch lange nicht ausreichend Maßnahmen ergriffen, um diese Ziele zu erreichen.

Mehr Optimismus als Resignation

Für die Klimaschutzbewegung stellt sich daher auch eine Frage: Wie lange gehen junge Menschen noch auf die Straße, bevor sie resigniert aufgeben? Ist irgendwann die Luft raus aus dem Thema? Nicolas und Tim, Studenten an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, glauben das nicht. "Der Druck von der Straße wird sich eher noch erhöhen", sagt Nicolas. "Die Lage wird doch noch schlimmer."

Schüler und Studierende sind auf dem Platz der Republik und auf den Straßen in der Mehrheit, aber sie sind nicht allein. Großeltern und Eltern schieben Kinderwagen und Lastenräder, die "Scientists for Future" geben Interviews.

Die "Architects for Future" haben große Banner, Fahnen und weiße Bauhelme mitgebracht, sind aus Köln und Aachen angereist – oder aus Heidelberg wie Judith Ottich. Sie schaut nicht nur pessimistisch in die Zukunft. "Ich habe eher den Eindruck, dass gerade viel passiert, dass wir offene Türen einrennen mit unseren Entwürfen." Entscheidend sei, was jetzt bei der Bundestagswahl passiert. "Wir brauchen eine Bauwende für den Klimaschutz", sagt die Architektin. Dafür brauche es Vorgaben der Politik.

Aus Gorleben vor den Reichstag

Elke Janning gehört an diesem Tag zur Oma-Fraktion. Sie ist aus Gorleben nach Berlin gekommen. Mit einer "Riesenportion Wut" im Gepäck, wie sie sagt. Seit 42 Jahren gehe sie für die Energiewende auf die Straße. "Und zwar ziemlich umsonst. Ich habe weiße Haare davon bekommen." Bei den Protesten gegen das Atommülllager in ihrer niedersächsischen Heimat war sie in der vordersten Reihe. Inzwischen ist klar, dass das Lager stillgelegt werden soll. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

Was würde sie den jungen Menschen um sie herum mit auf den Weg geben? "Dass sie Geduld brauchen", sagt Elke Janning. "Jetzt bitte nicht aufhören."