Die Infektionszahlen sinken, wird jetzt alles gut? Eher noch nicht. Virologin Corinna Pietsch warnt bei "Anne Will" vor zu früher Freude. Stattdessen rechnet sie sogar mit einem Anstieg der Zahlen durch die Mutationen. Baldige Lockerungen scheinen also erst einmal nicht in Sicht – auch wenn ein Gast genau diese fordert und zwar "bitte sofort!"

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

Was nun? Etwa ein Jahr nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland zieht Anne Will ein Fazit. Wo stehen wir? Wie soll es weitergehen? Werden wir Corona irgendwann ganz los oder werden wir mit dem Virus leben müssen? All diese Fragen versammelte Anne Will am Sonntagabend unter dem Motto "Ein Jahr Corona-Pandemie – Zeit für neue Perspektiven?"

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Mit diesen Gästen diskutierte Anne Will:

  • Peter Altmaier (CDU), Bundeswirtschaftsminister
  • Stephan Weil (SPD), Ministerpräsident von Niedersachsen (zugeschaltet)
  • Corinna Pietsch, Leiterin des Instituts für Virologie der Uniklinik Leipzig
  • Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts (zugeschaltet)
  • Brigitte Meier, Unternehmerin im Einzelhandel

Darüber diskutierten die Gäste mit Anne Will:

Über Perspektiven im Sinne von Ausblicken wollte Anne Will sprechen und für jeden Ausblick braucht es erst einmal einen Standpunkt, von dem aus man nach vorne blicken kann. Für genau diesen Standpunkt sorgte Virologin Corinna Pietsch und was die Forscherin mitteilte, sollte den mahnenden Rahmen des gesamten Abends bilden.

Zwar würden die Mutationen bisher noch einen geringen Anteil bei den Infektionen ausmachen, "aber das Ganze kann sich rasant vervielfältigen. Das wird sich pro Woche ungefähr verdoppeln", erklärt Pietsch.

"Rechnen Sie damit?", fragt Will klar und die Virologin ist ebenso klar in ihrer Antwort: "Ich rechne damit und das ist auch der Grund, warum ich sage: Wir müssen niedrige Infektionszahlen haben." Ein drastisches Szenario, das wenig Hoffnung auf ein baldiges Ende des Lockdowns macht.

Das aber fordert Brigitte Meier zumindest für den Einzelhandel. 220.000 Unternehmen oder 1,6 Millionen Mitarbeiter seien betroffen, erklärt die Unternehmerin und fordert, "dass wir jetzt mit sehr, sehr klugen und vorsichtigen Maßnahmen wieder langsam an den Start gehen können. Langsam meine ich aber nicht den Termin, an dem wir öffnen können, sondern bedächtig mit den Maßnahmen, aber bitte sofort."

Diese Bitte stößt bei Wirtschaftsminister Altmaier zwar auf Verständnis, aber nicht auf Umsetzungswillen, denn es gelte nach wie vor, auch die Kontakte in Fußgängerzonen oder dem ÖPNV zu reduzieren.

Ähnlich sieht es Stephan Weil: "Ich kann da wirklich niemandem zu viele Hoffnungen machen", erklärt Weil auf die Frage, ob die Läden ab dem 15. Februar wieder öffnen können, denn "die Infektionslage entscheidet am Ende des Tages."

Noch strikter sieht es Clemens Fuest, der den Inzidenzwert für Lockerungen noch niedriger als die oft zitierten 50 ansetzen würde, "denn sonst fangen wir uns innerhalb weniger Wochen die dritte Welle ein und das wäre auch wirtschaftlich sehr schlecht."

Den betroffenen Branchen helfe es nämlich auch nicht, wenn man zu früh öffnet: "Etwa 80 Prozent des Rückgangs an Konsumausgaben liegt nach Studien an der Präsenz des Virus, nicht an den Lockdown-Maßnahmen."

Als es wenig später um die Impfstoffbeschaffung und die Frage geht, ob man, wie Kanzlerin Merkel sagte, "das Menschenmögliche" getan habe, wird ifo-Chef Fuest noch deutlicher: "Das halte ich nicht für zutreffend. Man hat dicke Fehler gemacht."

Dennoch könne man immer noch handeln, zum Beispiel, indem man Prämien zahle, wenn zusätzlich und schnell geliefert werde.

Der Schlagabtausch des Abends:

Es war nicht der Abend des Peter Altmaier. Der Wirtschaftsminister versuchte, keine Fehler, keine Versprechungen und niemandem einen Vorwurf zu machen. Alles möglichst vage und unverbindlich.

Wenn es doch mal konkret wurde, wie bei der Frage der "Notimpfstoffwirtschaft", verwies Altmaier lieber auf das Wissen der Kabinettskollegen. Und als er sich dann doch einmal vorsichtig aus dem Fenster lehnte, holte er sich eine blutige Nase.

"Ich habe die große Hoffnung: Wenn die Dynamik des Rückgangs der Zahlen aus den letzten 14 Tagen so weitergeht, dass wir sehr schnell in einen Bereich kommen, wo wir nicht mehr 90 haben, sondern 50 oder 40 haben. Aber dann ist die entscheidende Frage: Wie können wir intelligent vorgehen, damit aus den 40 oder 30 nicht wieder 100 werden?", erklärt Altmaier in Bezug auf die Inzidenzwerte.

Doch kaum ausgesprochen, korrigiert ihn Corinna Pietsch: "Wir dürfen uns nicht täuschen. Die Zahlen gehen ja nicht in ganz Deutschland runter." Der Rückgang läge daran, dass die Zahlen in den Hochinzidenzgebieten sinken, in vielen anderen Bundesländern täte sich aber nichts. "Ich glaube nicht, dass es so schnell gehen wird, dass die Zahlen sinken", so Pietsch.

So schlug sich Anne Will:

Peter Altmaier blieb an diesem Abend in vielen seiner Aussagen unkonkret, zum Beispiel als er offen ließ, wen er denn mit "wir" genau meint, als er sagte: "Wir wissen auch, dass ganz viele Menschen gestorben sind, die eigentlich noch leben könnten, wenn wir diese Infektionswelle früher eingedämmt hätten." Während Anne Will hier nicht nachfragte, sondern zum nächsten Gast sprang, blieb sie etwas später wesentlich hartnäckiger.

Als Will wissen wollte , wie er denn zu einer "Notimpfstoffwirtschaft" stehe, redete Altmaier mehrfach an Frage und Antwort vorbei. "Ich glaube, dass wir sicherstellen müssen, dass so viel Impfstoff in so kurzer Zeit wie möglich produziert wird. Das ist das Ziel und danach müssen sich die Maßnahmen richten, die wir ergreifen."

Weil das zwar eine Antwort, aber nicht auf ihre Frage war, hakt Will nach: "Hab's noch nicht verstanden. Sind sie für eine Notimpfstoffwirtschaft?"

Altmaier wird erstmals konkret: "Wenn die Not es gebietet, müssen sie es machen", erklärt der Wirtschaftsminister, doch als er fortfahren will, grätscht Will dazwischen: "Aber das wissen Sie doch jetzt schon Herr Altmaier."

Altmaier versucht, sich weiter zu erklären, doch als über die Möglichkeit spricht, dass manche Unternehmen nicht mitziehen, lässt Will in Hinblick auf den kommenden Impfgipfel nicht locker: "Dass sich herausstellen sollte? Aber das wissen Sie doch hoffentlich jetzt schon, bevor sie morgen da zusammensitzen."

Das Fazit:

Es war insgesamt eine gute Diskussionsrunde, vor allem, weil die Zusammensetzung der Gäste die aktuelle Situation widerspiegelt. Hier die mahnenden Stimmen aus der Wissenschaft, dort die um ihre Existenz bangende Wirtschaft, dazwischen die Politik, die irgendwie einen Weg suchen muss und dazu eine Moderatorin, die dazwischengeht, wenn diese Politik sich dabei verfährt. Eine Talkrunde der besseren Art.

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