Natürlich lässt die Runde bei "Anne Will" keine Gelegenheit aus, dem irren US-Präsidenten die Schuld am Fiasko in Nordsyrien zuzuschieben. Aber die tieferen geopolitischen Ursachen werden in einer bitteren Lektion in Realpolitik deutlich.

Eine Kritik
von Christian Bartlau, Freier Autor

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165.000 Menschen sind auf der Flucht, darunter 70.000 Kinder, seit die Türkei in die kurdischen Gebiete in Nordsyrien einmarschiert ist.

Eine humanitäre Katastrophe – die am Sonntagabend bei "Anne Will" in einer bitter-zynischen Lektion in Realpolitik verhandelt wird.

Das war das Thema

Ermöglicht hat den Feldzug von Recep Tayyip Erdogan der Abzug der US-Truppen. Anne Will wollte mit ihren Gästen sondieren, welche Möglichkeiten der internationalen Gemeinschaft und besonders der EU nun bleiben, den Konflikt so schnell wie möglich zu beenden.

"Erdogan Siegeszug - schaut Europa weiter hilflos zu?", fragte sie in die Runde.

Das waren die Gäste bei Anne Will

Ben Hodges, Ex-Kommandeur der US-Streitkräfte in Europa, nennt den Rückzug aus Nordsyrien einen "verhängnisvollen Fehler". Das war es aber auch schon mit konkreten Ansagen.

Danach übte sich Hodges in der diplomatischen Kunst des Nichts-Sagens und garnierte sein staatstragendes Geplänkel mit einigen Sottisen: So sei es doch ironisch, sagte Hodges, dass so viele Europäer sich daran stoßen, dass die USA Weltpolizei spielen wolle. "Und jetzt fragen sie: Wo sind die USA?"

Die Journalistin Natalie Amiri, Leiterin des ARD-Studios in Teheran, macht vor allem den "erratischen" Donald Trump für das Fiasko verantwortlich: "Er hat keine Ahnung, hört nicht zu, ist beratungsresistent und zieht es trotzdem ohne Konzept durch."

So langsam sehe sie die Lage "extrem", sagte Amiri. "Er ist unser Partner, aber auf unsere Kosten." Schließlich müsse Europa ausbaden, was die USA im Nahen und Mittleren Osten anrichten.

Auch der überzeugte Transatlantiker Norbert Röttgen wollte sein Entsetzen über die Bedingungen des Waffenstillstandes, für den sich Trump feiern ließ, nicht verhehlen: "Das ist ein Tiefpunkt amerikanischer Diplomatie, politisch, moralisch, völkerrechtlich."

Man dürfe aber nicht den Fehler machen, die USA mit dem Präsidenten zu verwechseln, sagte der CDU-Mann, und seinen Nachsatz sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen: "Die haben ja nicht alle den Verstand verloren." Nicht alle also, aber einer schon? Jedenfalls habe Trump für seine Entscheidung, Erdogan das Feld zu überlassen, keine Unterstützung im eigenen Land.

Der erfahrene und gut vernetzte Außenpolitiker Wolfgang Ischinger setzte noch einen drauf: der Truppenabzug sei sogar gegen die US-Interessen. "Und aus europäischer Sicht kommt das dicke Ende noch."

Man müsse sich, so der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, mit der Tatsache vertraut machen, dass Syriens Präsident Baschar al-Assad wieder fest im Sattel sitze. "Wir werden mit dem Massenmörder leben müssen."

Die Linken-Politikerin Sevim Dagdelen widersprach: Trump habe einfach alles seinem höchsten Ziel untergeordnet – die Türkei nicht als Nato-Partner zu verlieren. "Und das ist auch das oberste Ziel der Bundesregierung."

Deswegen habe die Türkei letztlich freie Hand von ihren Partnern erhalten, was Dagdelen als "Bankrotterklärung" für die westliche Wertegesellschaft bezeichnet. "Wenn der türkische Präsident, nur weil er in der Nato ist, Kriegsverbrechen mit seinen islamistischen Terrorbanden bei denen begehen kann, die für uns gegen den IS gekämpft haben, ist das eine unerträgliche Außenpolitik."

Der Moment des Abends

Vielleicht muss man Wolfgang Ischinger eine Art Berufskrankheit zugute halten, vielleicht muss man aus besonderem Holz geschnitzt sein, um Außenpolitik zu betreiben. Vielleicht offenbarte sich an diesem Abend bei Anne Will aber auch einfach, unter welch grundfalschen Prämissen Außenpolitik funktioniert.

Mit Furor hatte die Linken-Politikerin Sevim Dagdelen den "Theaterdonner" der Bundeskanzlerin kritisiert, die der Türkei ihre "berechtigten Sicherheitsinteressen" zubilligt und ein striktes Waffenembargo hintertreibt, und humanitäre Soforthilfe für die Region gefordert.

Eine "klare Kante gegen Erdogan" hatte sie verlangt, weil sich EU und Nato sonst unglaubwürdig machten, vor allem wenn sie sich in der Außenpolitik noch einmal auf Menschenrechte und Demokratie berufen wollen.

Ischinger hörte sich das alles an, wie ein desinteressierter Vater mit Gänsekeule in der Hand sich den idealistischen Vortrag seiner Tochter über die Schrecken der Massentierhaltung anhört. Und holte dann zu seinem Referat aus.

"Ich verstehe die humanitäre Empörung", sagte er. "Aber lassen sie uns mal über realpolitische Interessen reden." Die Türkei, sagte er, sei der Nato-Partner mit der größten Armee in Europa, und könnte ohnehin nicht ausgeschlossen werden.

Auch nicht, wenn sie gegen die Werte der Nato verstoße, fragte eine verblüffte Anne Will. Nein, auch dann nicht, entgegnete darauf Ischinger, und Röttgen sekundierte: "Das wäre auch nicht in unserem Interesse, sie sollen sich nur benehmen."

Die Türkei, die gerade in einer völkerrechtswidrigen Invasion unter dringendem Verdacht steht, Kriegsverbrechen zu begehen, soll sich also "benehmen". Später legte auch Ben Hodges noch einen drauf: Man brauche Erdogan - als "stabilen Pol in der Region."

So wird gesprochen, unter Realpolitikern, und man fühlte sich an den berühmten Satz von Franklin D. Roosevelt über Nicaraguas Diktator Anastasio Somoza García erinnert: "Er ist ein Bastard, aber er ist unser Bastard."

So hat sich Anne Will geschlagen

Anne Will hat eine Allergie gegen Phrasen, die sich an diesem Abend immer wieder bemerkbar machte. "Aber wie denn?", fragte sie nach, als Sevim Dagdelen die notorische Forderung fallen ließ, die EU müsse eine "unabhängige Außenpolitik" verfolgen.

"Welche sind das denn?", hakte sie nach, als Wolfgang Ischinger von den "Sicherheitsinteressen" der Türkei sprach.

"Warum hat man das nicht gespürt?", entgegnete sie Norbert Röttgen, als der sagte, die Türkei sei viel abhängiger von der EU, als es gerade den Anschein mache.

Nicht immer erhielt Will auf ihre Nachfragen auch Antworten, aber immerhin ließ sie sich – und damit die Zuschauer – nicht mit billigen Plattitüden abspeisen.

Das Fazit

Was hat eigentlich die EU gemacht? Alles falsch. So ließe sich die vernichtende Diagnose von Norbert Röttgen zusammenfassen. Den Außenministern unterstellte er "Totalversagen", man müsse sich also fragen, ätzte Anne Will, was die eigentlich beruflich machen.

Eine Frage, die man eigentlich auch Röttgen stellen könnte: Seit 2014 steht der Mann dem Auswärtigen Ausschuss vor, der überzeugte Transatlantiker ist im Vorstand der Atlantik-Brücke und bestens vernetzt in Nato-Kreisen.

Bevor aber jemand auf die Idee kommen konnte, Röttgen auf seine eigene Verantwortung anzusprechen, ließ der CDU-Politiker lieber die Vergangenheit hinter sich: "Wir kennen das Desaster", sagte er. Nun gehe es darum, endlich wieder die Initiative zu ergreifen, und zwar in einem Alleingang der Großen, weil sich die Mitgliedsstaaten eh nicht einig würden: Deutschland, Frankreich und Großbritannien sollten vorschlagen, die strittigen Gebiete unter Kontrolle der UN zu stellen.

Nur: Warum Putin und Assad dem zustimmen sollten, wusste Röttgen auch nicht. Sein Kompagnon im Geiste, Wolfgang Ischinger, hatte eine Idee: Mittelfristig könne den Russen daran gelegen sein, der internationalen Gemeinschaft "den Schwarzen Peter zuzuschieben". Wie immer war der Fluchtpunkt also: Russland.

Offen gab Ischinger auch zu, man dürfe letztlich "eines nicht zulassen: Dass wir die Türkei noch weiter in die Arme unserer russischen Freunde treiben." Man musste im Laufe dieser 60 Minuten nicht besonders gut zugehört haben, um diese Lehre aus der Sendung mitzunehmen: Die EU und die Nato akzeptieren – wenn auch mit der Faust in der Tasche - Erdogans Angriffskrieg in Nordsyrien, um letztlich Russland zu schwächen, das Land also, dass der Westen wegen der Annexion der Krim mit Sanktionen belegt hat.

Der Kalte Krieg hat noch am Abend in der Redaktion von "Anne Will" angerufen. Er will seine Logik zurück.

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