War der Lockdown zu hart? Oder zu kurz? Auf den Straßen wird demonstriert, bei "Illner" prallen Welten aufeinander – besonders zwischen Boris Palmer und einem Experten.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

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Von "Maybrit Illners Nick-Show" schrieb die "Süddeutsche Zeitung" zuletzt, weil sich die Gäste in Zeiten von Corona so oft bestätigend zunicken. Doch die Phase der Harmonie scheint vorüber, dieser Donnerstagabend markiert das Comeback des Kopfschüttelns – was sehr viel mit dem Auftritt des (Noch-)Grünen Boris Palmer zu hat.

Das ist das Thema bei "Maybrit Illner"

Was dieses vermaledeite SARS-CoV-2 genau kann, dazu forschen Heerscharen von Virologen auf der ganzen Welt. Maybrit Illner und ihre Gäste widmen sich dem politischen Potenzial des Virus': "Pandemie und Protest – kann Corona das Land spalten?"

Das sind die Gäste

Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) gibt zu, dass die ein oder andere Einschränkung im Rückblick "möglicherweise zu hart" gewesen sei: "Damit muss ich leben - und kann es auch." Seine Bestätigung: die bislang niedrige Zahl der Todesopfer.

Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung wehrt sich gegen das "Missverständnis", die Maßnahmen richteten sich gegen die Menschen und die Wirtschaft: "Im Gegenteil: Menschen, die um ihre Existenz bangen, brauchen eine Welt, in der Vertrauen existiert." Das funktioniere nur, wenn das Virus so weit zurückgedrängt werde, dass alle Angst verschwunden sei.

Für die Medizinethikerin Christiane Woopen kommen die Erklärungen zu kurz und zu spät. "Dementsprechend sind einige verzweifelt." Wenn Bundesliga-Fußballer spielen, aber die Menschen ihre Angehörigen in Pflegeheimen nicht besuchen dürfen, entstünden "ganz schnell Glaubwürdigkeitsprobleme".

"Spiegel"-Journalist Nikolaus Blome ortet bei den Corona-Protesten "vorne auf der Bühne die Irren, weiter hinten aber ganz Normale". Bleibe das Thema noch längere Zeit aktuell, sehe er "Potenzial für eine Massenbewegung" - wie bei Pegida.

Der umstrittene Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, den Einige am liebsten aus der Partei werfen würden, warnt davor, Kritiker der Regierungsstrategie als Verschwörungstheoretiker zu "brandmarken": "Wir sind dabei, einen ähnlichen Fehler zu machen wie 2015, als eine moralisierende Alternativlosigkeit postuliert wurde."

Das ist der Moment des Abends

Corona macht's möglich: Nicht nur müssen die Gäste nicht mehr ins Studio kommen, man gerät auch quasi im Homeoffice mitten ins Schussfeld. So ergeht es an diesem Abend SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, den Palmer als Schreckgespenst der Alternativlosigkeit ausgemacht hat: Wer Widerspruch gegen die Regierungslinie äußere, werde von Lauterbach "für hunderttausende Tote verantwortlich gemacht".

Später behauptet Palmer noch, Lauterbach wolle "für ein bis zwei Jahre die Wirtschaft runterfahren". Die Retourkutsche kommt via Second-Screen auf Twitter. Er habe das nie gesagt, schreibt Lauterbach, und weiter: "Wie unfair Palmer ist. Eine Schande für die Grünen."

Das ist das Rede-Duell des Abends

Nicht, dass der Eindruck entsteht, Palmer lege sich nur mit Abwesenden an: Der Infight mit Michael Meyer-Hermann hat es auch in sich. Der Mathematiker, der unter anderem auf die Berechnung der Reproduktionszahl des Coronavirus spezialisiert ist, korrigiert Palmers Behauptung, viele Corona-Tote hätten nicht mehr lange zu leben gehabt. Studien aus Deutschland ergeben eine durchschnittliche Rest-Lebenserwartung von neun Jahren, sagt der Experte.

"Das ist falsch", entgegnet Palmer, was Meyer-Hermann nicht wirklich beeindruckt. "Das ist schön, dass Sie das für falsch halten. In England kommt eine ähnliche Analyse auf zehn Jahre." Aber was sind schon wissenschaftliche Studien, Palmer bleibt dabei: "Das kann nicht sein." Fakten einfach die Anerkennung verweigern – das muss dieser offene Diskurs jenseits der "Alternativlosigkeit" sein, den Palmer einige Minuten zuvor eingefordert hat.

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

Wie bei der Bundesregierung in den ersten Wochen der Pandemie scheint zu Beginn der Sendung die Richtung noch nicht ganz klar – erst geht es um die Proteste, dann um die jungen Multispreader, plötzlich um die Morddrohungen gegen Palmer nach seinem vieldiskutierten Spruch, man rette vielleicht Menschen, die ohnehin bald sterben.

Ein Glück, dass die Zeit des Nickens vorbei ist, so bleibt die Diskussion trotzdem lebhaft, bis Illner den Fokus findet - die Ängste der Menschen und die richtige Reaktion darauf. Ihre Schlüsselfrage: "Muss man sich den Lockdown leisten können?"

Das ist das Ergebnis

Auf den Corona-Demos versammeln sich eher Menschen, die von den Maßnahmen "hart getroffen" wurden, meint "Spiegel"-Kolumnist Nikolas Blome. "Wenn sie hören, sie müssen nach Corona ein anderes Leben führen, werden sie eher nervös als neugierig." Für den Zulauf zu Verschwörungstheoretikern und sonstigen politischen Rattenfängern macht Blome auch die seiner Meinung nach überschießenden Maßnahmen verantwortlich: "Leute von der Parkbank zu scheuchen ist genauso irre wie Bill Gates die Schuld geben."

Ein weiterer Verunsicherungsfaktor laut Blome: der Dissens unter den Wissenschaftlern, vor allem in der Frage der entscheidenden Kennzahlen für die Verschärfung oder Lockerung der Maßnahmen. Das sei zu viel erwartet, entgegnet Medizinethikerin Woopen: "Die Wissenschaft käme nie auf die Idee, nur eine Zahl vorzugeben." Das Mea Culpa übernimmt schließlich einer der Politiker in der Runde, Tobias Hans: "Den Fehler müssen wir uns anstecken, wir haben zu oft den R-Faktor in den Vordergrund gestellt."

Was ist der Weg der Zukunft?

Aber was ist der Weg in die Zukunft? Boris Palmer plädiert dafür, das Augenmerk auf die Vermeidung von schweren Erkrankungen zu richten. "Das kann man eigenverantwortlich regeln." Christiane Woopen argumentiert in eine ähnliche Richtung und wird dabei philosophisch: Im öffentlichen Raum werde die Freiheit über die Sicherheit gestellt, also könnten auch alte Menschen selbst entscheiden, wie viel Risiko sie auf sich nehmen wollen. Mit potenziell brutalen Konsequenzen: "Wenn Oma stirbt, weil der Enkel sie angesteckt hat, muss man damit leben können in der Familie."

Diese Abwägungen hätte man mit einem härteren und längeren Lockdown gar nicht erst treffen müssen, meint Michael Meyer-Hermann, der in einer Studie mit dem Ifo-Instutit die Szenarie modelliert hat. Das Ergebnis: Je konsequenter die Einschränkungen, desto schneller könnte man auch wieder lockern, weil dann die Fallzahlen klein genug werden, um sie wieder einzeln zu verfolgen. "Wenn wir am 20. April gar nicht gelockert hätten, hätten wir heute weitgehend alles aufmachen können."

So könnte der Weg in die Normalität länger dauern – und schwieriger werden. Und die Existenzsorgen der Menschen länger andauern. Medizinethikerin Woopen spricht von ganzen "Lebensplänen, Lebensentwürfen, die plötzlich wegbrechen. Die Menschen haben keine Idee, was sie mit ihrem Leben mache sollen." Ein Szenario, das frappierend an die Wende erinnert. Die hat (Ost-)Deutschland noch immer nicht bewältigt.

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