Panik? Ja, nein, vielleicht? Die Expertenrunde zum Coronavirus bei "Maybrit Illner" sendet alles andere als beruhigende Signale. Und Gesundheitsminister Jens Spahn kündigt Maßnahmen an, die eher nach Ausnahmezustand als nach Krisenmanagement klingen.

Eine Kritik
von Christian Bartlau, Freier Autor

Ein Medikament gegen das Coronavirus muss erst noch entwickelt werden, die "besten Mittel" gegen die Panik rund um Covid-19 will "maybrit illner" am Donnerstagabend liefern: Information und Transparenz.

Am Ende einer denkwürdigen Sendung möchte man ergänzen: Es kommt dann doch ganz entscheidend auf die Qualität der Informationen an – und auf die Frage, wie man sie rüberbringt. Denn selbst, wer bis 22:15 Uhr noch nicht beunruhigt war, dürfte nach dem Auftritt des renommierten Virologen Christian Drosten noch einige dringende Fragen haben, die an diesem Abend leider nicht beantwortet wurden.

Das ist das Thema bei "maybrit illner"

Die Zahl der bestätigten Corona-Infektionen steigt sprunghaft an, allein am Donnerstag wurden mindestens 22 neue Fälle bekannt. "Coronavirus ohne Grenzen – wie gut ist Deutschland vorbereitet?", fragte Maybrit Illner ihre Studio-Runde.

Das sind die Gäste

Aus Düsseldorf zugeschaltet, versucht sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Spagat zwischen Beruhigung und Sensibilisierung: "Das Risiko für die Gesellschaft ist hoch, für den Einzelnen gering bis mäßig." Die Maßnahmen, die er vorstellt, deuten auf eine sehr ernste Lage hin: mehr Tests, Aktualisierung der Pandemie-Pläne auf allen Ebenen, Exportverbote und Beschlagnahmungen von Schutzausrüstung.

So weit, Großereignisse kategorisch abzusagen, gehen die Behörden noch nicht. Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) will das aber auch nicht ausschließen: "Es ist eine sehr dynamische Situation."

Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, sieht die Krankenhäuser gut gerüstet – die bisherigen Fälle seien ohne Probleme behandelt worden. Selbst wenn sich der Ausbruch zu einer Pandemie entwickle ("Davon sind wir Lichtjahre entfernt"), würden die Krankenhäuser an ihre Grenze kommen, mehr aber nicht.

Mediziner Johannes Wimmer hatte schon vor vier Wochen an gleicher Stelle Alarm geschlagen und sieht sich nun bestätigt: "Man hätte den Warnschuss hören müssen." Nun sei es für viele Gegenmaßnahmen wie flächendeckende Tests aber schlicht zu spät.

Die Wissenschaftsjournalistin Alina Schadwinkel erinnert daran, dass das Virus noch schlecht erforscht ist. "Schon die klassische Risikogruppeneinschätzung fällt schwer." Dementsprechend sei auch noch unklar, wie sich Covid-19 weiter entwickle.

Umso mehr Fragen haben die Menschen, berichtet Apothekerin Anke Rüdiger, die noch "einen trockenen Mund vom Reden hat" von ihrem Arbeitstag. Viel mehr als aufklären kann sie derzeit eh nicht: Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind ausverkauft, Medikamente gegen Covid-19 noch nicht entwickelt.

Ein Impfstoff wird wohl erst im Sommer 2021 zur Verfügung stehen, schätzt Virologe Christian Drosten. Bis dahin müssten die Behörden alles unternehmen, um die Ausbreitung des Virus wenigstens zu verzögern: "Jetzt können wir noch auf die Funken treten, irgendwann lodern Flämmchen, da kann man nix mehr machen."

Das ist der Moment des Abends

Es gibt auf der Welt wohl wenige Menschen, die das Coronavirus so gut einschätzen können wie Christian Drosten, Chef der Virologie-Abteilung an der Charité. Er hat den SARS-Erreger mitentdeckt, für das neuartige Virus Sars-CoV-2 hat er einen Test entwickelt. Wer sein Mienenspiel betrachtete an diesem Abend, hätte auf den Gedanken kommen können, dass wir alle verdammt sind. Offenbar hatte ihm aber nicht das Virus die Laune verdorben – sondern die Stoßrichtung der Diskussion.

"Das macht mich stiller und stiller", sagte Drosten. "Das ist wirklich vollkommen daneben. Wir suchen nach Problemen, wo keine sind." Es sei "völliger Unsinn", zu fragen, ob Deutschland vorbereitet ist. Lieber solle man fragen, worauf sich Deutschland eigentlich vorbereitet.

Er persönlich erwartet offenbar eine Pandemie, die mit der saisonbedingten Grippewelle nichts zu tun hat. Eher mit der Pandemie von 1968 – für alle, die Drostens Anspielung auch nicht sofort verstanden haben: Damals starben weltweit rund eine Million Menschen an der Hongkong-Grippe, in Deutschland allein waren es rund 30.000 Menschen.

Drosten rechnet damit, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus in Kontakt kommen, die Frage sei nur, innerhalb welchen Zeitraums: Innerhalb zwei Jahren sei das kein Problem, bei einem Jahr schon eher, bei wenigen Wochen ein GAU-Szenario. Statt solche Sachverhalte nüchtern zu betrachten, rege man sich in Deutschland aber lieber über die Behörden auf, sagte Drosten. Was er davon hält, passt in ein Wort: "Energieverschwendung".

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

Nicht immer brachte Drosten seine Botschaften so auf den Punkt. Im Gegenteil bleibt am Ende vor allem ein etwas verschwurbelter Satz hängen, den man von so einem renommierten Virologen eher nicht hören möchte: "Es wird schlimm werden, und wir werden alle gemeinsam improvisieren müssen."

Was er damit genau meinte, blieb offen. Auch, weil Illner nicht nachhakt, was merkwürdig ist: Da sitzt nicht Onkel Dieter und raunt nach dem zweiten Eierlikör vom Todesvirus aus dem Gift-Labor, von dem er auf einem seiner Streifzüge durch YouTube gehört hat. Onkel Dieter sollte man tatsächlich nicht noch durch interessierte Nachfragen anstacheln. Aber wenn einer der renommiertesten Virologen der Welt sagt, es werde "schlimm" - sollte man dann nicht doch nochmal in Erfahrung bringen, wie der Mann "schlimm" genau definiert?

Das ist das Ergebnis

Atemschutzmasken sind kaum noch zu kriegen in Deutschland – mehr muss man eigentlich nicht wissen, um zu verstehen, dass die Angst vor dem Coronavirus offenbar schon in Panik übergeht. Die Masken helfen gesunden Menschen nur schlecht gegen eine Ansteckung, eher schon sollten bereits Infizierte sie tragen, um das Virus nicht zu übertragen.

Diese grundlegenden Fakten hakt Maybrit Illner an diesem Abend routiniert ab und trägt damit ihren Teil bei zur Aufklärung – nicht ohne in den Einspielern mit schnellen Schnitten auf Hamsterkäufe und isolierte Dörfer in Italien dem Publikum ein paar Schauer über den Rücken zu jagen. Und weil's so schön ist, wickeln sich auf den Studio-Bildschirmen Absperrbänder mit dem Aufdruck "Quarantäne" um eine Deutschlandkarte.

Für das ganz große Abriegeln sei es eh zu spät, sagt TV-Mediziner Johannes Wimmer fast bedauernd. Folgt man seiner Argumentation, war quasi am Aschermittwoch alles vorbei und das Virus massenhaft verbreitet.

"Ich will nicht wissen, was los gewesen wäre, wenn der abgesagt worden wäre", entgegnet Ärztekammer-Chef Reinhardt, und das fasst die Situation ganz gut zusammen – die Menschen haben offenbar Sorge, aber vernünftig werden sie deswegen noch lange nicht. Eher panisch. Daran wird diese Sendung eher nichts ändern.