33 Tage sind es nur noch bis zur Bundestagswahl, aber laut Umfragen hat jeder vierte Wähler noch keine Entscheidung getroffen – diesen Menschen will Frank Plasberg eine "Orientierungshilfe" geben: Ab sofort beackert "Hart aber Fair" verschiedene Themenfelder und verwandelt sich eine Art Wahl-o-mat im Fernsehen.

Fotos zur Ansicht, unbearbeitet, Christian Bartlau
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Eine Kritik
von Christian Bartlau

Den Anfang macht am Montagabend der "Klimaschutz im Bürger-Check: Welcher Partei kann man vertrauen?“

Nun: Keiner, wenn es nach Fridays-for-Future-Aktivistin Pauline Brünger geht. Die 19-Jährige mischt die selbstzufriedene Runde ordentlich auf – und ein Wirtschaftsexperte konfrontiert die Politiker mit ganz praktischen Poblemen beim Klimaschutz.

Das sind die Gäste bei "Hart aber fair“

  • Keine einzige Partei weist einen handfesten Plan auf, wie die Pariser Klimaziele erreicht werden können - so vernichtend fällt Pauline Brüngers Zeugnis für die versammelten Wahlkämpfer aus: "Ich warte jeden Tag darauf, dass eine Partei sagt: Wir legen unser Wahlprogramm auf, wir haben uns verkalkuliert.“
  • Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, macht die globale Perspektive auf. Deutschlands Klimapolitik müsse Anreize für andere Länder wie China setzen: "Wenn wir das nicht schaffen, haben wir unsere Moral beruhigt, aber dem Klima ist nicht geholfen."
  • "Klimaschutz soll auch Spaß machen“, sagt Markus Blume von der Flugtaxi-Partei CSU. Von Askese und Verzicht hält er wenig, von neuen Technologien viel. Lastenräder, die die Grünen gern mit einer Milliarde Euro fördern würden, zählt er nicht dazu: "Das ist nur ein nettes Programm für die grüne Bohème.“
  • Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hält den Lastenrad-Streit für ein "Scheingefecht“: "Warum regen sie sich eigentlich auf? Wir haben die Förderung in der Groko beschlossen." Die Sozialdemokratin sieht Deutschland auf dem richtigen Weg, auch wenn es schneller gehen müsse: "Es war mit CDU/CSU nur in Trippelschritten möglich.“
  • Ein vergiftetes Lob an Schulze verteilt Cem Özdemir (Grüne): Umweltminister seien meistens großartig – es brauche nur mal eine Regierung, in der sie nicht von Wirtschaftsministerin, Landwirtschaftsministern und Verkehrsministern ausgebremst würden. “Das muss einmal ein Ende haben. Und das wird es mit den Grünen, das garantiere ich.“

Das ist der Moment des Abends

Wen würden die Gattermanns wählen? Auf ihrer Tour über Deutschlands Marktplätze hat Plasbergs Sidekick Brigitte Büscher die Menschen nach ihren Meinungen und Sorgen gefragt, und dabei zum Beispiel das Ehepaar Gattermann getroffen.

Er sorgt sich um den Spritpreis, "ich kann es mir noch leisten“, sagt er, aber seine Frau fährt 400 Kilometer in der Woche zur Arbeit und zurück: "Wenn das auf zwei Euro geht, kann meine Frau zuhause bleiben.“

"Das ist genau der Punkt“, sagt Ökonom Michael Hüther. Wenn die Politik darauf keine Antwort finde, "verlieren wir die Menschen."

Wie, das demonstriert Umweltministerin Svenja Schulze im Handumdrehen: "Sehr ernst nehmen" müsse man die das Problem der Gattermanns, sagt die Sozialdemokratin. Deswegen steige der Preis nur langsam, "damit sich alle einrichten können“, also Sprit sparen oder aufs E-Auto umsteigen.

Wie sich ein Ehepaar, bei dem schon geschätzte Mehrkosten von nicht einmal 100 Euro im Monat den Unterschied ums Ganze machen, ein E-Auto leisten soll?

Vielleicht so wie Schulze ihr Lastenrad, von dem sie so schwärmt: "Ich fahre es im Wahlkampf, das zeigt, dass es in der Stadt funktioniert." Wie sie das bezahlt habe, die Dinger seien ja schließlich teuer, fragt Plasberg.

Gar nicht, räumt Schulze ein, ein Gönner hat das Rad zur Verfügung gestellt. Da ist sie, die Lösung für die soziale Schieflage beim Klimaschutz: Reiche Freunde für alle.

Das ist das Rede-Duell des Abends

Man mag inhaltlich zu "Fridays for Future" stehen, wie man will – diese Sendung zeigt deutlich, welchen Einfluss sich die Bewegung innerhalb kürzester Zeit erarbeitet hat.

Egal, wie hart Klimaaktivistin Pauline Brünger die erfahrenen und kampferprobten Politiker angeht, nicht einmal CSU-Mann Markus Blume traut sich, der 19-Jährigen brachial über den Mund zu fahren, von Schulze und Özdemir ("Wir müssen doch froh sein, wenn die Jugend sich interessiert. (…) Meine Tochter ist auch bei Fridays for Future“) ganz zu schweigen.

Weil Michael Hüther nicht gewählt werden will, kann er sich als einziger in der Runde einen Schlagabtausch mit Brünger erlauben. "Sie müssen doch Mehrheiten haben“, wirft er der Aktivistin entgegen, "die Menschen wollen Klimaschutz, aber gut gemacht, und nicht auf dem Weg ihr Einkommen und ihre Arbeit verlieren.“

Statt auf die Parteien zu schimpfen, hätte "Fridays for Future" ja eine eigene Partei gründen können, sagt der Ökonom: "So wie Sie reden, müssten Sie ja 80 Prozent Zustimmung haben." "Nicht ihre Aufgabe", entgegnet Brünger.

Sie setzt auf "Wandel durch Protest"- auch, weil viele ihrer Mitdemonstranten im September noch gar nicht wählen dürfen. Und überhaupt: "Ich frage mich, was Sie bezwecken, mir das vorzuwerfen."

Hüther, nicht unfreundlich, aber bestimmt: "Ich frage mich, warum Sie nicht mehr Mut haben." Brüngers Antwort: "Ich frage mich, warum all diese anderen Menschen in dieser Runde nicht mehr Mut haben.“

So hat sich Frank Plasberg geschlagen

Eine Talkshow moderieren ist halt manchmal auch nicht anders als ein stinknormaler Bürojob: Beim Versuch, einen Einspieler per Stups auf den Bildschirm zu starten, scheitert Plasberg und bricht in ungläubiges Gelächter aus.

"Wir haben hier einen neuen Bildschirm, und der macht jetzt ein Windows-Funktionsupdate“. Wir wissen alle, wie sich das anfühlt.

Das ist das Ergebnis

Können die Wähler und Wählerinnen also wirklich keiner einzigen Partei vertrauen, wenn es um den Klimaschutz geht? Özdemir, Schulze und Blume sehen das naturgemäß anders als Pauline Brünger.

So groß ist die Zufriedenheit mit Klimaschutzgesetz, EEG-Umlage und Pendlerpauschale, dass Plasberg einmal ironisch vorschlägt, einfach mal alle zu loben, damit man endlich weiterkommt in der Diskussion.

Rezepte für die Zukunft kann niemand präsentieren, abgesehen von Özdemir und dem Klimageld der Grünen vielleicht, das aber zum bürokratischen Monster mutieren könnte.

Und die versprochenen Investitionen in den Klimaschutz? Klingen super, meint Ökonom Hüther. Nur brauche es hunderte Milliarden Euro: "Wie machen Sie das mit der Schuldenbremse?“

Gerichtet ist die Frage an Markus Blume, der nur mit den Achseln zucken kann. Beim Thema Tempolimit ist er dagegen wieder ganz bei sich und bei seiner Partei: Kommt gar nicht in die Tüte, zwei Millionen Co2-Einsparung hin, weniger Unfalltote her.

Selbst wo Klimaschutz gratis wäre, sperren sich einige Parteien also noch, und wer noch nicht ernüchtert genug ist, lasse sich diesen Satz von Blume auf der Zunge zergehen: "Da fällt uns hoffentlich was Klügeres ein." Sollte man vielleicht genau so auf ein Wahlplakat drucken. Ehrlich wär's.


Teaserbild: © /© WDR/Oliver Ziebe