Am 1. Januar wurde der Mindestlohn in Deutschland eingeführt. 3,7 Millionen Menschen sind davon betroffen. Hat sich ihre Situation seitdem geändert? Im ARD-Talk "Günther Jauch" zeigt sich, dass das Thema Mindestlohn noch immer viel Zündstoff bietet – und nicht jede Politikerin eine Kondition wie die Kanzlerin hat.

Was ist das Thema bei Günther Jauch?

Schon im Vorfeld der Sendung erhielt "Günther Jauch" hunderte Zuschriften. Darin klagen Arbeitnehmer über zahlreiche Tricks, mit denen ihre Arbeitgeber die Vorteile des Mindestlohns zunichtemachen. Trinkgeld werde nun einbehalten, Arbeitszeiten geändert, Zuschläge und Weihnachtsgeld gestrichen.

Auch drei Studiogäste berichten zu Beginn des Talks von schlechten Erfahrungen mit dem Mindestlohn. Ein Brief- und Zeitungsausträger musste unbezahlte Überstunden verrichten, da er seinen Job in kürzerer Zeit erledigen sollte. Als er sich darüber beschwerte, wurde er entlassen.

Hat der gesetzliche Mindestlohn sein Ziel verfehlt? Zwei Monate nach der Einführung zieht ARD-Moderator Günther Jauch in seiner Talkshow eine erste Zwischenbilanz: "8 Euro 50 – funktioniert der Mindestlohn?"

Wer sind die Gäste?

Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) verteidigt ihr Gesetz, das unter anderem von Roland Ermer kritisiert wird. Der Bäckermeister und Präsident des sächsischen Handwerkstags erzählt von den Problemen, die seine Branche und er als Arbeitgeber mit dem Mindestlohn haben. Viel Verständnis erfährt er dabei von der bayerischen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU).

Der Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow (Die Linke), ist dagegen froh, dass sein Bundesland "kein Niedriglohnland" mehr ist. Sozialwissenschaftler Stefan Sell steuert zur Runde sein Wissen als Arbeitsmarktexperte bei.

Schuldfrage in der Ukraine-Krise sorgt bei Jauch für heftige Wortgefechte.

Was ist die These des Abends?

Böse Arbeitgeber beuten schwer schuftende Arbeitnehmer aus – dieses Klischee will Unternehmer Ermer nicht auf sich sitzen lassen. "Im Handwerk ist jeder stolz darauf, wenn man seinen Mitarbeitern möglichst viel zahlen kann", führt er an. Es gebe keinen Klassenkampf: "Wir wissen, wann jeder Geburtstag hat."

Der Bäcker hat zuletzt seine Preise erhöhen, Geschäfte schließen und Mitarbeiter entlassen müssen – bedingt auch durch den Mindestlohn. In ländlichen Regionen sei er kaum zu erwirtschaften. Zudem bemängelt Ermer die Dokumentationspflicht über die Arbeitszeiten als zu viel Bürokratie: "Wir produzieren viel lieber Brötchen als Papier."

Was ist das Rede-Duell des Abends?

"Wie die Kesselflicker" streiten sich seine Gäste, staunt Moderator Jauch bei seinem Talk. Vor allem die Ministerinnen Nahles und Aigner liefern sich einen Schlagabtausch, wie über die von Ermer kritisierten Arbeitszeitenverordnung.
"Sie wollen die Fleischindustrie treffen und treffen den Metzger vor Ort", wirft Aigner der Arbeitsministerin vor. "Sie haben das Gesetz mitgemacht", kontert Nahles. "Aber nicht die Verordnung. Die Verordnung haben Sie allein gemacht", giftet die bayerische Wirtschaftsministerin zurück.

Was ist der Patzer des Abends?

Die Livesendung von Günther Jauch findet traditionell nach dem Sonntagskrimi statt – für einen Gast ist das schon zu spät. "Herr Jauch, Sie verlangen um diese Uhrzeit eine Menge Konzentration mit Ihren Fragen!", beschwert sich Nahles - um halb elf.
Sätze wie diesen hört man selten bei Politikern, die meist gerne mit ihrem geringen Schlafbedürfnis angeben – wie zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ihren Minsker Marathonsverhandlungen. Schließlich dauern politische Termine und Sitzungen oft bis spät in die Nacht – da sollte eine Ministerin noch verhandlungsfähig sein.

Jauch reagiert entsprechend verdutzt: "Äh, ich bin schon im Überstundenbereich." Und fügt noch hinzu: "Aber anständig bezahlt bei der ARD." Doch ganz auf der Höhe seiner geistigen Fähigkeiten ist der Moderator selbst nicht: So spricht er die Arbeitsministerin versehentlich mit "Herr Nahles" an.

Was ist das Ergebnis des Abends?

Der Mindestlohn ist im Prinzip eine gute Sache – darüber sind sich Jauchs Gäste einig. "Natürlich sind 8 Euro 50 nicht zu viel", stellt auch Aigner fest. Doch bei der Umsetzung gibt es noch Probleme.
Manche Arbeitgeber versuchen mit allerlei Methoden, den Mindestlohn zu umgehen – viele davon sind aber nicht zulässig. Betroffene Arbeitnehmer sollten sich über ihre Rechte informieren und entsprechende Hilfe in Anspruch nehmen, rät Arbeitsmarktexperte Sell. "Wir sind noch in den Geburtswehen einer der größten Reformen des Landes", entschuldigt sich Nahles.

Zumindest eine Befürchtung hat sich bisher nicht erfüllt: Die Arbeitslosigkeit ist nicht angestiegen. Arbeitgebervertreter Ermer findet es dafür noch zu früh, doch Sell beruhigt: Auch in vergleichbaren Fällen, zum Beispiel bei der Einführung des Mindestlohns in anderen Ländern, habe es keine Beschäftigungsverluste gegeben. "So hoch ist der Mindestlohn gesamtwirtschaftlich nicht", erklärt der Arbeitsmarktexperte. 8 Euro 50 ergeben bei Vollzeitarbeit schließlich auch nur 1.400 Euro brutto im Monat.