Beim Impftalk bei "Hart aber fair" wird Frank Plasberg scharf von der Philosophin Svenja Flaßpöhler kritisiert. Die fühlt sich vom Gastgeber in die Querdenker-Ecke gestellt. Auch die anderen Gäste arbeiten sich an den Positionen der 46-Jährigen ab.

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Eine Kritik
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Was ist das Thema bei "Hart aber fair"?

Deutschland befindet sich mitten in der vierten Coronawelle - mit täglich neuen Rekorden an Infizierten. Die ersten Intensivstationen sind an der Kapazitätsgrenze, andere bereits überfüllt – zu rund 80 Prozent mit ungeimpften Menschen. Die Politik erhöht mit 2G-Maßnahmen sowie dem 3G-Modell weiter den Druck auf Ungeimpfte. Eine allgemeine Impfpflicht soll es – Stand jetzt – nicht geben.

Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen, ob die Maßnahmen der Lage angemessen sind. Das Thema bei "Hart aber fair": "Ist die Politik zu feige beim Impfen?"

Wer sind die Gäste?

  • Stephan Weil (SPD): Der Ministerpräsident von Niedersachsen hält einen Impfzwang, um die Pandemie zu bekämpfen, für "verfassungsrechtlich schwierig". Es "läuft auf einen Lockdown für Ungeimpfte hinaus", sagte Weil, der sich für 3G am Arbeitsplatz und das flächendeckende 2G-Modell bei Restaurantbesuchen beziehungsweise sonstigen Freizeitaktivitäten aussprach.
  • Georg Mascolo: Der Journalist beklagte, dass die Politik eine Impfpflicht nicht von Anfang an hätte ausschließen sollen. Er fürchtet, dass harte Einschränkungen und eine solche Impfpflicht "den harten Kern der Impfgegner nur noch härter machen" würden.
  • Lisa Federle: Die Notärztin und Pandemie-Beauftragte des Landkreises Tübingen hat einige ihrer Patienten "Wochen und Monate bearbeitet, damit sie sich impfen lassen". Für Impfgegner hat sie angesichts der volllaufenden Krankenhäuser kein Verständnis. Die Gesellschaft habe eine Verantwortung gegenüber Leuten, die sich nicht impfen lassen können, beispielsweise Krebspatienten, sagte sie.
  • Svenja Flaßpöhler: Die Philosophin ist, obwohl sie selbst immunisiert ist, gegen eine Impfpflicht. Menschen hätten das Recht, Eingriffe in ihre Körper abzulehnen. Man müsse das "Recht auf Selbstbestimmung akzeptieren", sagte Flaßpöhler. Stattdessen sprach sie vom politischen Versagen in der Pandemie: Impfzentren wurden geschlossen, Tests zwischenzeitlich wieder kostenpflichtig gemacht, das Intensivpersonal hat aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern vielfach gekündigt.
  • Carsten Watzl: Der Immunologe sagte klipp und klar: "Wir werden dieses Virus nie bekämpfen, es wird immer da sein." In seinen Augen ist 2G weniger da, um Druck auf die Ungeimpften aufzubauen, als um Zeit freizuschaufeln, bis die Booster-Impfungen wirken können. Und er sagte unter anderem mit Blick auf die Äußerungen des ungeimpften Bayern-Profis Joshua Kimmich: "Wenn Politiker oder Fußballer sich übers Impfen äußern, dann sollen sie sich vorher informieren."

Was war das Rededuell des Abends?

Svenja Flaßpöhler beklagte eine unausgewogene Berichterstattung über die Corona-Maßnahmen in Deutschland. Sie bezog sich auf eine aktuelle Untersuchung, wonach es in den Medien eine breite Unterstützung für die staatlichen Maßnahmen gab.

Ihre Medienkritik kam angesichts der Rekordzahlen an Infizierten in der Runde überhaupt nicht gut an. Stephan Weil: "Ich habe kurz an mich halten müssen. Sagen Sie mir doch, wo hier einseitig berichtet wurde. Man wird ja wohl noch über ein paar Fakten berichten dürfen." Auch Georg Mascolo gab der Philosophin Kontra: "Die wichtigsten Zahlen sind, dass wir bei fünf Millionen Infizierten sind und demnächst sind wir bei 100.000 Toten. Wohin führt ihre Argumentation?"

Was war der Moment des Abends bei "Hart aber fair"?

Frank Plasberg widerfuhr in dieser Sendung etwas, was eigentlich nicht vorgesehen ist: Er wurde selbst zum Protagonisten eines längeren verbalen Schlagabtauschs. "Mein Eindruck ist: Sie versuchen, obwohl ich hier versuche, sehr sachlich zu argumentieren, mich in genau diese Ecke zu schieben", beschwerte sich Svenja Flaßpöhler. Mit der Ecke war die Querdenker-Bewegung gemeint. "Herr Plasberg, das ist wirklich lächerlich und eine böswillige Unterstellung." Plasberg blieb nichts anderes übrig, als halbherzig zu beschwichtigen, er habe das so nicht gemeint.

Vorangegangen war Flaßpöhlers Wutrede eine spitze Bemerkung in Richtung der Philosophin vor einem Kurzfilm zum Thema Impfen. "Auch auf die Gefahr hin, dass das eine Propagandaveranstaltung fürs Impfen ist", sagte der Moderator mit ironischem Unterton Richtung Flaßpöhler. "Herr Plasberg, das habe ich mit keinem Wort gesagt", erwiderte die 46-Jährige sichtlich irritiert.

Zuvor hatte Plasberg sie bereits gefragt, ob sie etwas dagegen habe, wenn ein Impfverweigerer an der Diskussion teilnehmen würde. Flaßpöhler, die selbst geimpft ist, verneinte das, war aber schon bei dieser Frage verwundert. Später folgte ihr emotionaler Ausbruch – und an dem war Plasberg nicht ganz unschuldig.

Was war der zweite Moment des Abends?

Die verbale Fehde zwischen Plasberg und Flaßpöhler zog sich durch die Sendung. "Sie haben ein völlig anderes Demokratieverständnis als ich", warf sie dem Moderator vor – und sprach damit auch Georg Mascolo an. Der Vorwurf: Plasberg habe Erwachsene, die sich nicht impfen lassen wollen, vor einem weiteren Einspieler mit Kindern verglichen, auf die man Druck ausüben könne. Das sei der Sache unangemessen, fand Flaßpöhler. Mascolo erwiderte verärgert: "Frau Flaßpöhler, Ihre Art und Weise, wie Sie diese komplexen und schwierigen Entscheidungen auf eine Argumentation runterbrechen, die der Sache nicht angemessen ist, ebenfalls."

Schließlich meldete sich noch Lisa Federle zu Wort. Wenn ein 45-Jähriger mit Herzinfarkt 50 oder 70 Kilometer transportiert werden müsse und die Sanitäter überlastet seien, dann könne man "nicht mehr diskutieren über Freiheit und Demokratie und sonstwas", ärgerte sich die Medizinerin über Flaßpöhler. "Die Menschen haben ein Recht, am Leben zu bleiben."

Wie hat sich Frank Plasberg geschlagen?

Es war eine Sendung, in der Plasberg seine Position als neutraler Gastgeber deutlich verließ und sich als Fan der Impfkampagne outete. Nur verrannte sich der Moderator in seinem teils offen zur Schau getragenen Unverständnis für die Position Flaßpöhlers.

Am Ende gab die Philosophin zu, sie habe kein Problem damit, mal in einer Ecke zu stehen, aber sie hätte sich in der Sendung jemanden an ihrer Seite gewünscht. "Ausgewogen kann man das hier nicht gerade nennen", kritisierte sie. "Das ist richtig", gab Plasberg fast versöhnlich zu.

Was ist das Fazit bei "Hart aber fair"?

Nach den 75 Minuten Montags-Talk schienen fast alle Gäste ein wenig frustriert zu sein. Georg Mascolo bemängelte, dass die gesellschaftlichen Diskussionen mit der Schwere der Lage nicht mithalten würden und befürchtete, dass es noch viele Debatten wie diese geben wird in der vierten Infektionswelle. Mit anderen Worten: Es wird zu viel geredet und angesichts einer der niedrigsten Impfquoten in Westeuropa zu wenig geimpft. Lisa Federle war ebenfalls frustriert: "Ich denke, dass diese Diskussion typisch für diese Gesellschaft ist und wir deshalb nicht vorankommen", erklärte die Medizinerin. Auch Svenja Flaßpöhler, die von allen Seiten unter Beschuss geraten war, war vermutlich froh, als die Sendung endlich vorbei war.

Für Gastgeber Frank Plasberg, der selten so wie an diesem Montagabend zur Zielscheibe von Kritik wurde, bleibt einiges aufzuarbeiten. Mit seiner Sympathie für die Impfkampagne stand er sicherlich auf der Seite der Vernunft. "Hart aber fair" dürfte es auf Dauer aber nicht guttun, wenn Plasberg seine Position als Vermittler so deutlich verlässt.

Dem Unterhaltungswert hingegen schadete es wahrlich nicht. Es war eine Sendung, an die man sich im Jahresrückblick erinnern wird.

Smudo

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