Christian Drosten hat das böse Wort schon in den Mund genommen, bei "Maischberger" denkt nun auch Karl Lauterbach über die Möglichkeit eines Lockdowns nach. Ein Ausweg fällt dem SPD-Mann immerhin noch ein – der muss allerdings schnell und radikal ausfallen, und mit drastischen Strafen. Die Oppositionelle Swetlana Tichanowskaja rät derweil der EU von Verhandlungen mit dem belarussischen Diktator Lukaschenko ab.

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Eine Kritik
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Wie vergangenes Jahr, nur noch schlimmer: So lässt sich die Corona-Lage in Deutschland kurz und niederschmetternd zusammenfassen. Mal wieder den Sommer verpennt, mal wieder zu lange mit Gegenmaßnahmen gezögert, noch immer nicht genügend Tempo in die Impfkampagne gebracht, und so reden auch die Gäste bei "Maischberger. die woche" auf einmal wieder über das böse Wort mit L.

Ein neuerlicher Lockdown scheint wieder möglich, Berufsmahner Karl Lauterbach skizziert immerhin einen Plan, wie sich das Worst-Case-Szenario noch vermeiden lässt – hat aber schlechte Nachrichten für Jecken.

Zur Migrationskrise an der EU-Grenze zu Belarus hat sich Maischberger einen prominenten Gast eingeladen: Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja fordert eine harte Reaktion der EU auf die Provokationen von Lukaschenko.

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Das sind die Gäste bei "maischberger. die Woche"

Die vierte Welle werde schlicht "katastrophal", glaubt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. "Ich weiß, dass ich wieder beschimpft werde, wenn ich das sage, aber: Wir sehen dramatische Umstände und kein Ende in Sicht."

Die scheidende Regierung und insbesondere Noch-Kanzlerin Angela Merkel sende aber die falschen Signale aus, findet Melanie Amann vom "Spiegel": "Beim Bürger entsteht der Eindruck: So ernst kann die Lage nicht sein, wenn die Kanzlerin nicht sichtbar ist."

Aber auch der erste Aufschlag der Ampel irritiert, findet Amanns Kollegin Helene Bubrowski von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". In dieser Situation die pandemische Lage auslaufen zu lassen, sei erstaunlich. "Das ist etwas, dass die Ampel-Parteien bereuen werden."

FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus verteidigt den Schritt. Den Ländern blieben alle notwendigen Instrumente für den Kampf gegen Corona. "Das Ende der pandemischen Lage ist eine juristische Frage. Es bedeutet nicht, dass die Pandemie zu Ende ist."

Für launige Einwürfe sorgt Kabarettist Jürgen Becker, der die Impfunwilligen "satthat" und eine Impfpflicht fordert, inklusive Strafen: "Das ist wie bei Rot über die Ampel: 1.000 Euro und drei Punkte in Flensburg."

Anderes Thema, ebenso klare Ansage: Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja appelliert an die EU, in der Migrationskrise nicht direkt mit Präsident Lukaschenko zu verhandeln: "Ein Mensch erpresst ganz Europa. Kann man mit einem Verbrecher reden? Es ist an der Zeit, Stärke zu zeigen." Es gehe dem Diktator nur darum, seine Herrschaft nach innen zu legitimieren.

Der Schlagabtausch des Abends

In Doppelrollen sitzen die Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach und Christine Aschenberg-Dugnus im Studio: Als Mitglieder der Verhandlungsgruppe 12 brüten der SPD-Mann und die FDP-Frau über der Gesundheits- und Pflegepolitik der möglichen Ampelkoalition und berichten von Zuversicht und guter Stimmung – Aschenberg-Dugnus durchaus jovial ("Sag jetzt nichts Falsches, Karl!"), Lauterbach in typischer Zurückhaltung ("Möglicherweise sind noch nicht alle Gegensätze ausgeräumt.").

Als Fachpolitiker wollen die beiden aber zu unterschiedlichen Rezepten greifen, um die vierte Welle zu brechen: Lauterbach zu 2G, Aschenberg-Dugnus zu 3G mit intensiven Tests und mehr Tempo bei den Impfungen. In der Theorie ein gutes Konzept, meint Lauterbach. "Aber in der Praxis nicht durchzuhalten, dann müsste man jeden Tag auch die Geimpften und die Genesenen testen."

Weil das nicht gehe, müsse man sich zwischen 2G und 3G entscheiden: "Der Unterschied ist: Wenn sich unter 2G die Leute gegenseitig anstecken, ist das nicht schlimm. Bei 3G sehen wir die Ungeimpften danach auf der Intensivstation."

Die Antwort von Aschenberg-Dugnus könnte das Binnenklima der Gruppe 12 ernsthaft beschädigen: Die FDP-Frau wählt ausgerechnet Lauterbachs speziellen Freund Hendrik Streeck als Kronzeugen dafür, dass es auch "andere Einschätzungen" und "so etwas wie Eigenverantwortung" gebe.

Lauterbach sieht 3G eher als sicheren Weg in den Lockdown, gegen den es "nur eine einzige Chance" gebe: 2G und strenge Kontrollen. Sehr strenge Kontrollen: "Wenn ein Restaurant die Nachweise nicht prüft und auffliegt: Sechs Wochen schließen!"

Der Moment des Abends

Es ist ruhig geworden um die Demokratiebewegung in Belarus, doch die Migrationskrise an der Grenze zu Polen holt die Opposition wieder vor den Vorhang. Im Studio erklärt das Gesicht der Lukaschenko-Gegner, Swetlana Tichanowskaja, die Hintergründe der gezielten Eskalation.

Doch erst einmal beginnt das Gespräch mit ganz persönlichen Fragen an eine Frau im Exil, deren Mann seit über einem Jahr in Belarus im Gefängnis sitzt und die ihrer kleinen Tochter noch immer nicht die ganze Wahrheit zumuten kann und will, die ihr erzählt, dass der Vater in Belarus arbeiten muss: "Wir sprechen nicht zu viel darüber. Wir schonen uns."

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

Gekonnt schafft die Gastgeberin den Übergang von den persönlichen Einblicken in den Gemütszustand Tichanowskajas zum Zustand der Opposition im Land, die Machthaber Lukaschenko offenbar erst einmal zum Schweigen gebracht hat, mit harten Repressionen, wie Tichanowskaja berichtet.

Die Ex-Präsidentschaftskandidatin glaubt aber weiterhin an einen Sieg ihrer Bewegung: "Die Menschen wollen Veränderung, wir wollen einen friedlichen Übergang der Macht." Dabei helfen soll auch die EU, die sich an ihrer Außengrenze gerade ein Scharmützel mit Lukaschenko liefert, unter dem vor allem Migranten leiden, die als politische Bauernopfer bei Minusgraden im Niemandsland gestrandet sind.

Tichanowskajas Bitte: Keine Verhandlungen mit Lukaschenko. "Man darf Europa nicht erpressen, man darf nicht mit Verbrechern sprechen."

Das Ergebnis

Karl Lauterbach und Christian Drosten sind also doch nicht immer einer Meinung: Während der Virologe es für möglich hält, dass noch einmal 100.000 Menschen in Deutschland an COVID-19 sterben, setzt Karl Lauterbach auf den Abschreckungseffekt, den die um sich greifenden Infektionen erzielen. "Die Menschen werden vorsichtiger werden, selbst Impfgegner und Menschen, die geglaubt haben, Corona betreffe sie nicht."

Seiner Rolle als Spielverderber bleibt der SPD-Mann jedoch treu, auch wenn es Kabarettist und Ultra-Karnevalist Jürgen Becker weh tut: "Karneval mit 3G im Innenraum ist lupenreiner Wahnsinn." Wie zum Trost frotzelt sich Becker einmal quer durch die Innenpolitik: Saskia Esken etwa sei die Gewinnerin der Woche, weil sie Vorsitzende bleibt, obwohl die SPD jedes Mal drei Prozent verliere, "wenn sie nur den Mund aufmacht": "Ich denke oft: Die hat recht, aber ich will es nicht von ihr hören. Muss am Dialekt liegen."

Und die CDU? Hat ihre Wähler "an die Bestatter verloren": "Was die CDU jetzt braucht, wäre das Wahlrecht für Verstorbene." FAZ-Journalistin Helene Bubrowski meint, die Partei brauche nun einen Vorsitzenden Friedrich Merz, und wenn auch nur, um zu merken, dass er nicht die Lösung ist. "Die müssen da jetzt einmal durch." Da geht es der CDU mit Merz also wie ganz Deutschland mit Corona.

Teaserbild: © WDR/Oliver Ziebe